Nr. 06/2009 vom 05.02.2009

Der Staat als Erzieher?

Interview: Dominik Gross, Foto: Ursula Häne

Pasqualina Perrig-Chiello: «Was im frühen Kindesalter schiefläuft, ist später nur mühsam wiedergutzumachen.»

WOZ: Frau Perrig, Sie sind Entwicklungspsychologin. Was ist guter Nachwuchs?
Pasqualina Perrig-Chiello: Einer, der sozial kompetent und solide gebildet ist, der sich eines Tages beruflich integrieren und sich selber finanzieren kann. Unsere Kinder sollen zufrieden sein können mit dem, was sie tun. Sie sollen gute Beziehungen und Partnerschaften eingehen können. Sie sollen fähig sein, selber wiederum die Strukturen für intakte Familien aufzubauen – ein Kreislauf!

Sie haben fünf Jahre lang das Nationale Forschungsprogramm «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen in einer sich wandelnden Gesellschaft» (NFP 52) geleitet. Welche Ergebnisse stechen für Sie heraus?
Unter vielen anderen sicher einmal dieses: Vielen Familien mit Kleinkindern in der Schweiz fehlt es grundsätzlich an den nötigen Infrastrukturen. So ist beispielsweise die Nachfrage nach Krippenplätzen weit grösser als das Angebot. Konkret fehlen rund 50 000 Krippenplätze in der Schweiz.

Was passiert mit Kindern, für die es in den Krippen keinen Platz gibt?
Fehlende Plätze sind vor allem für Familien mit geringem Einkommen und Kleinkindern zwischen zwei und fünf Jahren ein Problem. Wenn beide Eltern arbeiten müssen und etwa die Grosseltern und das Geld für private Drittbetreuung fehlen, ist die Gefahr gross, dass die Kleinkinder sich selber überlassen werden und den ganzen Tag vor dem Fernseher verbringen.

Welche Auswirkungen hat eine solche Vernachlässigung auf die Entwicklung eines Kindes?
Im frühen Kindesalter werden wichtige Weichen für die lebenslange Entwicklung gestellt. Die Kinder brauchen insbesondere in dieser Zeit Zuwendung, Förderung und Fürsorge. Was in dieser Zeit schiefläuft, ist später nur mühsam wiedergutzumachen.

Zusätzliche Krippenplätze wären also eine nachhaltige Investition in die Zukunft unserer Gesellschaft.
Auf jeden Fall! Im Alltag sind viele Väter abwesend, viele Mütter arbeiten. Die Erziehungsverantwortung lastet häufig auf einem Elternteil alleine. Viele Kinder wachsen ohne Geschwister auf. Zusätzliche Krippenplätze würden dieses Betreuungsvakuum sehr effizient bekämpfen.

Die reiche Schweiz sträubt sich gegen die Notwendigkeit einer nachhaltigen Kinderbetreuung?
Es sieht ganz danach aus. Wir hinken hier unseren Nachbarländern enorm hinterher. Obwohl wir über die Ressourcen verfügen, die für die Schaffung solcher Infrastrukturen nötig sind. Im grossen Ganzen geht es unserer Jugend gut, wenn wir aber genauer hinschauen, besteht vor allem an den Rändern unserer Gesellschaft erheblicher Handlungsbedarf.

Fehlt hier der politische Wille?
Teilweise schon. Wir neigen dazu, Probleme im familiären Bereich zu individualisieren und als rein private Angelegenheit zu betrachten. Das Bewusstsein für eine Mitverantwortung von Staat und Gesellschaft in Sachen Erziehung geht vielen Politikerinnen und Politikern ab. Hier fehlt es uns an Solidarität.

Weshalb?
In der schweizerischen Öffentlichkeit kommen Kinder schlicht zu kurz, ihre Interessen werden zu wenig wahrgenommen.

Mit welchen Konsequenzen?
Gesellschaftliche Chancenungleichheiten werden früh aufgegleist. Nachteile durch Einkommens-, Herkunfts-, Schicht-, Bildungs- oder Geschlechtsunterschiede werden so früh kumuliert und können in persönliche Miseren von Eltern und Kindern führen.

Da würden manche Leute sagen: Der Staat kann doch die Probleme der Familien nicht lösen!
Ich bestreite nicht, dass die Eigenverantwortung für das Wohlergehen unserer Familien zentral ist. Aber dieses Wohlergehen hängt von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Wenn ein Staat einen guten Nachwuchs haben will, muss er bereit sein, in diesen zu investieren!

Ist der Anspruch, dass jede und jeder gemäss den eigenen Bedürfnissen und Interessen leben kann, in unseren heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen eine Utopie?
Na ja, die Benthamsche Forderung nach maximalem Glück für jeden Einzelnen, die ja auch in der US-amerikanischen Verfassung steht, ist natürlich nur die eine Seite. Wir müssen auch alle miteinander auskommen. Dafür müssen wir frühzeitig die nötige Sozialkompetenz erwerben. Diese macht Empathie, Engagement und Solidarität erst möglich.

Pasqualina Perrig-Chiello (55) ist seit 2003 Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Bern. Sie ist Mitglied des Nationalen Forschungsrates des Schweizerischen Nationalfonds. Perrig-Chiello ist verheiratet, hat zwei erwachsene Söhne und lebt in Basel.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch