Nr. 07/2009 vom 12.02.2009

«Wertfreie Räume?»

Interview: Dominik Gross, Foto: Ursula Häne

Pasqualina Perrig-Chiello: «Burn-outs gehören ja heute zum guten Ton.»

WOZ: Frau Perrig, Menschen in der Finanzindustrie leben offenbar das Prinzip «Nach mir die Sintflut». Sind die einfach schlecht erzogen?
Pasqualina Perrig-Chiello: Eine gute Erziehung ist die Basis für den Erwerb sozialer Kompetenzen. Jedoch spielen sowohl die Persönlichkeitsstruktur als auch der Lebenskontext eine wesentliche Rolle. Bei ungünstigen Bedingungen kann jemand schnell einmal unter Druck geraten.

Ein schlechtes System prägt also mehr als eine schlechte Erziehung.
Ein System übt auf jeden Fall einen starken Einfluss auf die Menschen aus, die sich in ihm bewegen. Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr viele Freiheiten bietet. Das ist einerseits begrüssenswert, andererseits birgt dies auch die Gefahr der Orientierungslosigkeit. In dieser Multioptionsgesellschaft entstehen zunehmend wertfreie Räume.

Sind Unternehmenswelten solche wertfreien Räume?
In vielen Lebenskontexten – nicht nur in Unternehmen – können wir einen Verlust von ethisch-moralischen Werten beobachten. Anstelle dieser Werte ist eine bestimmte Beliebigkeit getreten, ein Freiraum, der Auswüchse wie jetzt in der Finanzindustrie begünstigt.

Welche Werte haben an Bedeutung verloren?
Zum Beispiel Gemeinschaftssinn, Anstand, Respekt oder Treue. Früher bekam jemand, der dreissig Jahre lang im selben Unternehmen gearbeitet hatte, eine goldene Uhr, heute gilt er als unflexibel.

Werden die Mitarbeitenden nicht ernstgenommen?
Ohne verallgemeinern zu wollen, ist es doch vielfach so, dass Leute mit abweichenden Meinungen schnell mal unter Zugzwang geraten. Als Mitarbeiter können sie natürlich aussteigen, die Sache nicht mitmachen, aber das braucht viel Kraft.

Mangelt es also vielen Unternehmen an einer guten Konfliktkultur?
Sicher. Vielerorts wird ein Mainstream verlangt, der einseitig auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Moralisch-ethische Werte treten da in den Hintergrund, und das Wohlbefinden der Beteiligten zählt kaum.

Klingt ungesund.
Ziemlich. Burn-outs gehören ja heute auch zum guten Ton.

Was ist ein Burn-out eigentlich genau?
Es ist eine leere Worthülse, die eigentlich für eine Belastungsdepression steht. Und Depression heisst: erlebte Hilflosigkeit. Die Betroffenen fühlen sich dem System, in dem sie sich befinden, ausgeliefert. Sie haben das Gefühl, keine Kontrolle mehr über das zu haben, was ihnen wichtig ist. Solche Leute sind Gefangene ihrer Arbeitswelt.

Brauchen wir also Erziehungsmodelle, die anstelle von Ideologien und fixen Werten unseren Nachkommen Techniken vermitteln, mit denen sie in diesen relativistischen Abenteuern unserer Gegenwart bestehen können?
So ist es! Im Unterschied beispielsweise zur Philosophie geht die Psychologie  – und die empirischen Sozialwissenschaften im Allgemeinen – von systematischen Beobachtungen aus und versucht dabei, Regelmässigkeiten festzustellen und Prognosen zu machen.

Was also beobachten Sie?
Wir leben in einer multikulturellen Mehrgenerationengesellschaft, in der immer mehr Menschen mit immer weniger Ressourcen auskommen müssen. Statt sich gegen diese Fakten zu stemmen, sollten wir uns überlegen, wie wir den kommenden Generationen, unserer Jugend, die nötigen Kompetenzen vermitteln können, um damit zurechtzukommen.

In Ihren Forschungsergebnissen halten Sie fest, dass ein partizipativer, demokratischer Erziehungsstil der Eltern unseren Kindern am meisten dient; wie sieht ein solcher aus?
Diese Erziehung vermittelt den Kindern eine hohe Selbstwirksamkeit: Die Kinder haben die Möglichkeit, selbstständig Erfahrungen zu machen– eine Schlüsselqualifikation zur guten Entwicklung. Sie werden gestützt, aber auch gefordert, und ihnen werden Grenzen gesetzt. Erst in der Auseinandersetzung mit seinen Erziehungsverantwortlichen, mit seinen Geschwistern entwickelt ein Kind Selbstverantwortlichkeit und eine reife Identität.

Für eine solche Erziehung braucht es viel Lust und Musse …
Auf jeden Fall. Deshalb sind ja gerade für Eltern, die beruflich oder persönlich stark unter Druck stehen, begleitende Infrastrukturen in der Schule und in der Kinderbetreuung so wichtig!

Pasqualina Perrig-Chiello (55) leitete von 2003 bis 2008 das Nationale Forschungsprogramm 52 «Kindheit, Jugend und Generationenbeziehungen in einer sich wandelnden Gesellschaft» (NFP 52, www.nfp52.ch). Seit 2003 ist sie Professorin für Entwicklungspsychologie an der Uni Bern, hier forscht sie vor allem zu Persönlichkeitsentwicklungen, geschlechtstypischen Entwicklungen und intergenerationellen Beziehungen.

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