Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

Gekommen, um Unruhe zu stiften

Der dokumentarische Sechsteiler «Pride» durchquert sechzig Jahre queerer US-Geschichte und hört dabei vor allem auf AktivistInnen. Das ist erstaunlich komplex und voller unerwarteter Einsichten – auch für die Gegenwart.

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Zwischen Überlebenskämpfen und der Lust an der Entgrenzung: Szene aus der «Pride»-Episode «1980s: Underground». Still: © DIsney+

Nicht alle homosexuellen und trans Menschen fühlten sich unglücklich und unterdrückt in den 1950er Jahren. Der legendäre Stonewall-Aufstand von 1969 war mitnichten der entscheidende Wendepunkt zur queeren Emanzipation – und der Beginn des neuen Jahrtausends kann nicht vorbehaltlos als die bis anhin freiste Epoche für LGBTQ-Menschen in den USA gelten. Es ist ein grosses Verdienst der dokumentarischen Serie «Pride», dass sie gern gehegte Gemeinplätze mit einem facettenreichen, überraschenden Querschnitt durch die queere Geschichte überblendet.

Ein schwuler Mann erzählt etwa von verschworenen homosexuellen Gemeinschaften in den Fünfzigern, vom Charme des Unausgesprochenen, von der Freude auch, ein heimliches Leben zu haben, das von der stockkonservativen Gesellschaft als «Todsünde» verachtet wurde. «Pride» verdrängt dabei keineswegs Repression und Gewalt, unter denen homosexuelle und trans Menschen bis heute leiden. Auch nicht die massiven staatlichen Schikanen: In den sechziger Jahren galt Homosexualität in den USA als Kündigungsgrund; in den Achtzigern kümmerte sich die Politik jahrelang nicht um die Aidspandemie, liess Zehntausende elend sterben, weil man die Krankheit als «Schwulen- und Junkieseuche» abtat.

Aber eben: Die auf sechs Jahrzehnte von 1950 bis 2010 aufgestaffelte, von verschiedenen RegisseurInnen gedrehte Serie entdeckt auch Freiheiten in Zwang und Muff – und Fallstricke in den Befreiungen. Das wirft ein Schlaglicht auf manche Diskussionen von heute, in denen zuweilen scharfe Grenzen um Zugehörigkeiten, Begriffe und Bewegungen gezogen werden. Viel entspannter gibt sich da die selbsternannte «Guerillalesbe» Jewelle Gomez, Autorin eines Romans über eine Schwarze bisexuelle Vampirin: «Weil ich weisse Haare habe und alt bin, vermutet niemand, dass ich lesbisch bin.» Das ist keine Beleidigung für sie, sondern die Gelegenheit, Unruhe zu stiften, «bevor man überhaupt merkt, dass ich gefährlich bin».

Fruchtbare Widersprüche

Entscheidend für den wachen Eindruck ist auch, dass «Pride» den Fortschritt, den es ja unbestreitbar gibt, nicht als lineare Entwicklung zeichnet, sondern als stets umkämpfte, dialektische Vor- und Rückwärtsbewegung. Oder wie es die Aktivistin B. Ruby Rich prägnant beschreibt: «Wir gewinnen, weil wir die besseren Argumente haben.» Dafür agiere die Gegenseite umso verbissener und kompensiere ihre Schwächen mit Härte und Hass. Zu diesem Wechselbad aus Aufklärung und Backlash gesellen sich fruchtbare Widersprüche und innere Zerrissenheiten, etwa als in den siebziger Jahren die – eher konservative – Frauenbewegung Mühe mit sexueller Revolution und queerer Selbstbehauptung bekundete. «Pride» bezieht hier klar Stellung: Ohne homosexuelle und trans Frauen hätte es keine Frauenbefreiung gegeben. Auch der historische Horizont wird weit aufgerissen. Angesprochen auf die «culture wars» der Sechziger und Siebziger erklärt Jewelle Gomez, diese heftigen Kulturkämpfe um Themen wie Abtreibung, Rechte für sexuelle Minderheiten und Rassismus seien viel älter und gingen zurück auf die gewaltsame puritanische Inbesitznahme des Landes. Unerwünschte Menschen und Meinungen werden seit dem 17. Jahrhundert mit moralischen Zurechtweisungen, aber auch mit der Waffe in der Hand bekämpft.

Für eine US-Mainstreamproduktion ist «Pride» erstaunlich nahe dran an einer kompromisslosen politischen Avantgarde. Gut möglich, dass dies Christine Vachon zu verdanken ist, der bekannten Filmproduzentin und Pionierin des Queer Cinema, die «Pride» mitproduziert hat. Auch sie konnte allerdings nicht verhindern, dass der Sechsteiler trotz allem eine prüde Schlagseite hat – bei Einspielern aus queeren Experimentalfilmen etwa von Barbara Hammer aus den Siebzigern werden gar Geschlechtsteile vernebelt. Statt Sex zu zeigen, wird darüber geredet, und noch lieber konzentriert man sich eh auf Nahaufnahmen von AktivistInnen, auf ihre Geschichten, Foto- und Videoarchive.

Brav und weissgewaschen

Jeder historische Rückblick ist geprägt von der Gegenwart: «Pride» zeigt eine Vorliebe für akribische Lebensdokumentationen, die an Instagram-Stories erinnern, und für trans Aktivismus. Mit Gewinn: Endlich werden hier die oft vergessenen trans Aufstände gegen den Polizeiterror gewürdigt, die den «Stonewall riots» vorangingen, wie überhaupt die ganze radikal vielfältige trans Subkultur mit ihren Bällen, Familien und Schönheitswettbewerben, wo sich Überlebenskämpfe mit der Lust an der Entgrenzung verbinden.

Gerade die harten Lebenserzählungen Schwarzer trans AktivistInnen lassen die aktuelle Konzentration der Kräfte auf die Ehe für alle etwas bieder ausschauen. Für die nuller Jahre diagnostiziert «Pride» eine breite gesellschaftliche Akzeptanz einer – bürgerlich eingemitteten – Homosexualität, gepaart mit einer hohen Sichtbarkeit in Soaps und Serien, die aber ebenfalls recht brav und weissgewaschen daherkommen. Gleichzeitig nehmen Hate Crimes gegen queere Menschen vielerorts wieder zu.

Und wie etwa der Blick zurück auf die neunziger Jahre zeigt: Wenn die liberale Politik Randgruppen umarmt, steckt stets auch Kalkül dahinter. So suchte Bill Clinton zwar die Unterstützung einer zahlungskräftigen LGBTQ-Community, aber als Präsident versteckte er sich dann hinter feigen «Don’t ask, don’t tell»-Formeln. Vielleicht könnte es auch unserer politisch etwas verzagten Gegenwart helfen, die Kämpfe verschiedener entrechteter Gruppen wieder vermehrt zusammenzudenken – und kühnere Forderungen zu stellen. Wie es die queeren BürgerrechtlerInnen in vergangenen Jahrzehnten mit ihren triumphalen Märschen nach Washington vormachten.

«Pride». USA 2021. Killer Films/Vice/FX Productions. In der Schweiz als Stream auf Disney+.

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