Nr. 09/2009 vom 26.02.2009

Teilnahme unerwünscht

Zwanzig Jahre nach Ende des Kalten Krieges und dem Beginn der Globalisierung: Was ist seither im Westen mit der Auslandsberichterstattung passiert?

Von Roman Berger

Es war atemberaubend, als Ende der achtziger Jahre russische Medien erstmals unzensiert berichten durften. Zeitungen und Zeitschriften erzielten nie erreichte Auflagen. TV-Direktübertragungen aus dem ersten frei gewählten Parlament fegten in Moskau die Strassen leer. Michail Gorbatschows Glasnost (Meinungs- und Medienfreiheit) machte die «Zeitenwende» möglich.

1989 fiel die Mauer; zwei Jahre später, mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion, entstanden plötzlich fünfzehn neue unabhängige Staaten. Nach der ideologischen Eiszeit des Kalten Krieges kam im «Ostblock» wieder eine komplexe Welt zum Vorschein, mit eigener Geschichte, Kultur, Religion und Geografie. Und die Zeitenwende entfesselte die Kräfte der Globalisierung - eine Herausforderung nicht nur für Diplomatie und Wirtschaft, sondern auch für die Medien.

Abzug der KorrespondentInnen

Ausgerechnet diese historischen Umbrüche lösten aber in vielen westlichen Medien eine entgegengesetzte Reaktion aus. Die Berichterstattung über die neue Welt wurde nicht verstärkt, sondern ausgedünnt. Zu beobachten war das in Moskau, wo in den neunziger Jahren die Zahl der westlichen KorrespondentInnen mit jedem Jahr schrumpfte. Offensichtlich sah die Welt aus der Sicht vieler Medienverantwortlicher in den USA, aber auch in Europa anders aus: Der Westen hat den Kalten Krieg gewonnen. In Russland sind die Würfel gefallen. «Die Geschichte ist zu Ende.» Nach dem Verschwinden der Sowjetunion, so räsonierte 1997 der kürzlich verstorbene US-amerikanische Politologe Samuel Huntington, müsse die noch einzige Supermacht USA zwar eine «neue Mission» finden. Doch Aussenpolitik könne die Öffentlichkeit jetzt mit ruhigem Gewissen den Profis in der Regierung und einer gut informierten Elite überlassen.

Huntingtons Ratschlag befolgten die US-Fernsehanstalten am radikalsten. Die Welt war jetzt weniger gefährlich und deshalb weniger «newsy» geworden. Ohne äussere Gefahr kein Drama, kein Konflikt, keine Quote. Betriebsökonomisch verursacht Auslandsberichterstattung «high cost - low return» (hohe Kosten - wenig Rendite) und kann deshalb stark reduziert werden.

Die Zahlen sprechen für sich: Die Berichte der AuslandskorrespondentInnen der damals führenden US-Fernsehanstalten (ABC, CBS, NBC) erreichten 1989 mit 4000 Minuten pro Jahr eine Rekordlänge. Im Jahr 2000 waren die von den eigenen KorrespondentInnen produzierten Berichte um mehr als die Hälfte auf 1700 Minuten geschrumpft. Dabei waren und sind bis heute für einen Grossteil der US-Bevölkerung die TV-Sender Hauptquelle für Auslandsinformationen - also wichtiger als Zeitungen.

Mit dem Verschwinden des kommunistischen Ostblocks gab es auch die «Dritte Welt» nicht mehr. Es gibt dort keine Stellvertreterkriege mehr. Mit Ausnahme der Reizthemen «Kuba», «Venezuela» oder «Simbabwe» tauchen die Länder dieser Welt nur noch als Schauplatz einer exotischen «human touch story» auf - oder wenn sie Opfer eines Hurrikans, einer Hungerkatastrophe oder eines Erdbebens geworden sind.

Fallschirmspringer-Journalismus

Zu einem vorübergehenden Boom der Auslandsberichterstattung kam es nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 in New York. In Wirklichkeit handelte es sich dabei aber mehr um Krisenberichterstattung. In Afghanistan und im Irak kam der sogenannte Parachute Journalism in Schwang. Mangels fest stationierter KorrespondentInnen kommen Reporter wie Fallschirmspringer zum Einsatz, die oft im Begleittross der Truppen («eingebettete Journalisten») berichten. Viele von ihnen sind FreelancerInnen. Sie produzieren billiger als festangestellte KorrespondentInnen und sind oft bereit, grössere Risiken einzugehen, weil sie unter schärferem Konkurrenzdruck stehen.

Der Georgienkrieg, die erste grosse internationale Krise nach dem Ende des Kalten Krieges, zeigte die Schwachpunkte der Krisenberichterstattung auf. Mit dem «eingefrorenen Konflikt» im Kaukasus vertraut waren neben den wenigen ExpertInnen die noch in der Region (Moskau) stationierten KorrespondentInnen. Überfordert waren die «Parachute-Journalisten», die von der besonders effizienten PR-Maschinerie der georgischen Regierung vor allem in den für die Meinungsbildung der Öffentlichkeit entscheidenden ersten Stunden leicht zu manipulieren waren. Unter dem Zeit- und Quotendruck standen im Internet oft stundenlang Berichte, die nur auf einer Quelle (Tiflis) beruhten und so den Eindruck erweckten, die «junge georgische Demokratie» werde wie seinerzeit Ungarn oder die Tschechoslowakei von russischen Panzern überrollt.

Kein Drama, keine Quote

In diese Falle tappte beispielsweise der «Spiegel» mit der Titelgeschichte «Der gefährliche Nachbar. Wladimir Putin und die Ohnmacht des Westens» (Nr. 34/2008). Eine Woche später versuchte das Magazin mit einer «Chronik der Tragödie» (Nr. 35/2008) die Scharte wieder auszuwetzen.

Seit dem Ende des Kalten Krieges 1992 ist die politische Berichterstattung auch in den Hauptnachrichtensendungen aller deutschen TV-Sender zurückgegangen. Zugenommen hat aber die Berichterstattung über Angstthemen (Terrorismus, Islam) - obwohl die Anzahl der Kriege und Konflikte weltweit in den neunziger Jahren abgenommen hat. Diese Analyse macht eine Studie zur «Krise im Auslandsjournalismus» (Netzwerk Recherche). Ihre Schlussfolgerung: «Journalismus wird als Teil einer Marktwirtschaft begriffen, in der Angebot und Nachfrage den journalistischen Bewegungs- und Handlungsspielraum sowie die Themenauswahl bestimmen. Zu verkaufen sind ‹KKK›: Krisen, Krieg und Katastrophen. Und die Devise lautet ‹kiss› (keep it short and simple). Grossen Raum erhalten bunte, unterhaltsame, abenteuerliche Storys, die den Leser, Zuschauer oder Hörer ‹reinziehen›. Nicht gefragt sind politische Analysen, die sowieso immer die gleichen ‹25 Experten› interessieren.»

Die wahrscheinlich grösste Glaubwürdigkeitskrise seit der «Zeitenwende» hat der Journalismus während des Irakkrieges erlitten. Die «New York Times», die ein globales Leitmedium geblieben ist, musste sich für ihre «wenig aggressive und unkritische» Berichterstattung entschuldigen. Die Ansicht Samuel Huntingtons, nach dem Verschwinden des Feindes könne Aussenpolitik der Regierung und der politischen Elite überlassen werden, wurde gründlich Lügen gestraft.

Ein Hoffnungsschimmer war, dass die Folterbilder von Abu Ghraib dennoch an die Öffentlichkeit gelangten und so das ganze Ausmass des «Bösen» im «Imperium des Guten» (Roger Silverstone, britischer Kommunikationswissenschaftler) entlarvten. In einem entscheidenden Moment funktionierten die «Checks» der «vierten Gewalt» doch noch. Treibende Kraft dieser Enthüllung war allerdings Seymour Hersh, ein Veteran des investigativen Journalismus, der schon vor vierzig Jahren das Massaker von My Lai in Vietnam aufgedeckt hatte.

Murdoch zeigt den Weg

«Das Gejammer über den Niedergang des Journalismus kann ich nicht mehr hören. Das ist dummer Zynismus», meint Rupert Murdoch. Für den erfolgreichsten Medienmogul der Welt kommt Qualitätsjournalismus erst jetzt zum Zug. Beweisen will er es mit dem «Wall Street Journal» (WSJ), das seit bald zwei Jahren zu seinem Medienimperium gehört. Im einst reinen Wirtschaftsblatt wird die innen- und aussenpolitische Berichterstattung ausgebaut. Als einzige US-Zeitung - neben «USA Today» - gewinnt das WSJ an Auflage. Auch die Zahl der OnlineabonnentInnen wächst konstant, obwohl das WSJ eine der wenigen Zeitungen ist, die im Netz Gebühren verlangen.

Wie sein Geschäftsmodell funktionieren soll, erklärt Murdoch in der Biografie «The Man Who Owns the News» (Der Mann, der die Nachrichten besitzt) von Michael Wolff. Als Zielgruppe seines «Premium Content» (Edelinhalts) zählt Murdoch die rund zwei Millionen EntscheidungsträgerInnen in der US-Gesellschaft: gut ausgebildet, mit hohem Einkommen, die im Beruf und in ihrem sozialen Umfeld auf Qualitätsinformationen angewiesen sind. Für diese exklusive Kundschaft, und das ist das Entscheidende, ist die Werbung auch bereit, einen exklusiven Preis zu bezahlen.

Diesen Vorgang nennen US-MedienexpertInnen «up-scaling». Weil Qualitätsjournalismus nicht mehr an die LeserInnen (AbonnentInnen), sondern ein möglichst kaufkräftiges Publikum an die Werbung verkauft wird, passt sich das Medium auch inhaltlich «nach oben» an. Abgehängt werden die weniger gebildeten, wirtschaftlich nicht interessanten LeserInnenschichten, die sich nur noch über das Fernsehen informieren («down-scaling»). Für diese Bevölkerung, so die Medienfachleute Bill Kovach und Tom Rosenstiel, ist die Presse ein Teil des Establishments geworden und nicht mehr eine Institution, die in ihrem Interesse Öffentlichkeit herstellt und die Mächtigen kontrolliert.

Zurück ins 19. Jahrhundert

Der Prozess des «up-» und «down-scalings» findet jetzt auch in Europa vor unseren Augen statt. Klartext spricht der deutsche Verleger Alfred Neven DuMont («Kölner Stadt Anzeiger», «Express», «Frankfurter Rundschau», «Berliner Zeitung» und andere). Er will die «Bürgerzeitungen» aus ihrer Talfahrt retten. Die noch einzige grosse links positionierte deutsche Tageszeitung, die «Frankfurter Rundschau», will er nach rechts respektive «in die Mitte» führen. Denn: «Wer weiterhin eine linke Nische bedienen will, der wird keine lukrative Zeitung entwickeln können.» Die wenigen «Deutungsburgen» (Qualitätsmedien), die überleben, werden exklusiver, glaubt DuMont. Für den deutschen Verleger ist eine Zweiklassengesellschaft unausweichlich: «Die Bildungsgesellschaft auf der einen Seite, alle Übrigen auf der anderen. Wir entwickeln uns leider soziologisch rückwärts: Wer hat denn im 19. Jahrhundert Zeitung gelesen? Die Elite!» («Cicero» Nr. 1/09)

Exemplarisch zu beobachten ist die von DuMont festgestellte Refeudalisierung der Gesellschaft in der Art und Weise, wie die Finanz- und Wirtschaftskrise bewältigt wird. Zwanzig Jahre nach dem Ende des Kommunismus wird nun auch der Kapitalismus in seinen Grundfesten (Banken) erschüttert. In den Medien macht zwar die «Wut des Volkes» über Abzocker und Boni Schlagzeilen. Das politische Systemversagen und die Notwendigkeit eines Systemwandels werden aber kaum thematisiert. Der unabhängige, kritische Wirtschaftsjournalismus, der die relevanten Informationen und Analysen dazu liefern müsste, bleibt auf die Alternativpresse beschränkt. Ein Thesenpapier zur Wirtschaftsberichterstattung in deutschen Medien meint dazu: «Anders als in Politik und Kultur ist der Markt der akademischen und wissenschaftlichen Positionen viel stärker auf einen Elitenkonsens in ökonomischen und wirtschaftlichen Fragen konzentriert» (Netzwerk Recherche). Noch ausgeprägter als im übrigen Journalismus ist die Wirtschaftsberichterstattung auf die «wenigen Glücklichen» ausgerichtet.

Im Westen keine Glasnost

Die «Deutungsburgen» bleiben unter Einfluss des gleichen Elitenkonsenses. Das erklärt, warum die Krisenverursacher und Krisengewinnler auch die KrisenmanagerInnen bleiben. Im Westen gibt es keine Glasnost, und deshalb ist auch keine «Zeitenwende» zu erwarten.

Die Ursachen für die Refeudalisierung der globalisierten Gesellschaft hat der US-Amerikaner Jeremy Rifkin in «Access» beschrieben. Seine These: Nicht mehr Grundbesitz, sondern Zugang zu privilegierten Gütern wie wertvollen Informationen, elitären Adressen, exquisiten Kanälen und machtnahen Korridoren entscheiden über Drin- oder Nichtdrinsein. Und der amerikanische Soziologe Daniel Bell beobachtete schon vor mehr als zwanzig Jahren: «Die Kontrolle über Kommunikationsdienstleistungen wird eine Quelle der Macht und der Zugang zu Kommunikation eine Bedingung der Freiheit sein.» Heute muss die Frage lauten: Wie kann eine demokratische Gesellschaft funktionieren, wenn die Kontrolle über die Information und der Zugang zu Information ein Privileg von «wenigen Glücklichen» werden?

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