Nr. 26/2014 vom 26.06.2014

Was heisst denn hier normal?

Sie lassen sich nicht behindern: Mit «Vielen Dank für nichts» und «Gabrielle» kommen erneut Spielfilme ins Kino, in denen Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt stehen – und weitere werden folgen. Das ist kein Zufall.

Von Esther Banz

Mit den Rollstühlen durch die autofreie Shoppingzone einer Altstadt kurven und PassantInnen anrempeln: ­Behinderte tun doch nichts Böses?! Foto: Aus dem Film «Vielen Dank für nichts»

Die Regisseure Oliver Paulus und Stefan Hillebrand sagten es an den Solothurner Filmtagen geradeheraus: Es befremde sie, wenn behinderte Menschen vermeintlich gut gemeint als bemitleidenswerte Opfer dargestellt werden – so geschehen in einem Theaterstück, das sich Hillebrand angesehen hatte. Das dort Gezeigte ärgerte ihn so sehr, dass er seinen Regiekollegen überzeugen konnte, Menschen mit Behinderung als das Gegenteil von Opfern zu zeigen – nämlich als TäterInnen.

«Vielen Dank für nichts» heisst ihr Film, mit Joel Basman in der Hauptrolle. Basman spielt den Teenager Valentin, der nach einem Snowboardunfall im Rollstuhl landet. Ein ekelhafter Kerl, der mit seinem Schicksal und seiner Trauer überhaupt nicht klarkommt, verbal um sich schlägt und vor niemandem Respekt zeigt. Als seine Mutter dringend mal eine Pause braucht, schickt sie ihren Sohn in eine Pflegeinstitution im Südtirol, wo ein Theaterregisseur mit Menschen mit Behinderung ein Stück erarbeitet. Valentin macht widerwillig mit, ausser ihm sind in der Truppe auch die «Spastis» Lukas und Titus. Er merkt bald, dass die beiden so bescheuert nicht sind und erst noch Humor haben. Weh tut indes, dass die junge Betreuerin Mira, in die er sich verliebt, einen Freund hat. Der arbeitet in einem Tankstellenshop. Und den werden sie schliesslich überfallen, die drei jungen Männer, die eines gemeinsam haben: Sie sitzen alle im Rollstuhl.

«Hat der das extra gemacht?»

Provokant ist «Vielen Dank für nichts» nicht wirklich, ausser vielleicht in jener Szene, die schonungslos das ganze Dilemma von Nichtbehinderten im Umgang mit Menschen mit Behinderung vorführt: Da kurven Valentin und seine neuen Freunde mit ihren Rollstühlen durch die autofreie Shoppingzone einer Altstadt und rempeln von hinten PassantInnen an, eineN nach dem andern, und das sehr genüsslich. Die Getroffenen reagieren immer genau gleich: Wütend drehen sie sich um, doch kaum sehen sie die Täter, halten sie verdutzt inne und entschuldigen sich, peinlich berührt. Was in ihnen vorgeht, kann man von ihren Gesichtern ablesen: Hat der das extra gemacht? Kann nicht sein, ist ja ein Behinderter! Und die tun doch nichts Böses. Oder auch: Können die überhaupt etwas Böses tun, sind sie fähig dazu, körperlich oder gar intellektuell? Mit den verdatterten Opfern in der Fussgängerzone führen Paulus und Hillebrand vor, was positive Diskriminierung gegenüber Menschen mit Behinderung ist.

«Vielen Dank für nichts» ist eine rasante, oft lustige und erfrischende Komödie. Nur auf den Klamauk hätten die Macher verzichten können, denn so wirkt es bisweilen, als wollte man noch einen draufsetzen, damit das Publikum auch ja darauf einsteigt, dass ein Film mit echten Behinderten sogar lustig sein kann. Riskanter wird es, wenn Behinderung und Sexualität aufeinandertreffen, wie das im Kino in den letzten Jahren auffällig oft thematisiert wurde: in Filmen wie «Yo, también» (2009), «Hasta la vista» (2011) und «The Sessions» (2012) oder auch in Paul Rinikers «Sommervögel» (2010). Auch der kanadische Spielfilm «Gabrielle» von Louise Archambault zeigt jetzt: Wenn Sex auf dem Spiel steht, kollidiert gut gemeinte Bevormundung mit Gleichstellung, Kontrolle mit Freiheit.

Die Angst der Angehörigen

Die junge Gabrielle im Film lebt mit dem Williams-Beuren-Syndrom (WBS), einer kognitiven Beeinträchtigung, erzeugt durch einen genetischen Defekt. Menschen mit WBS sind intellektuell und motorisch eingeschränkt, verfügen aber über ein gutes Musikgehör und hohe soziale sowie sprachliche Kompetenz. Gabrielle (gespielt von Gabrielle Marion-Rivard, die selbst WBS hat) verliebt sich nun in ihren Chorkollegen Martin und er sich in sie. Sachte kommen sie sich näher, bis sie eines Tages zusammen in Gabrielles Zimmer sind, als Martins Mutter ihn abholen will. Der Betreuer öffnet die Tür, vor ihnen stehen Gabrielle und Martin, beide halb nackt. Die Mutter ist sichtlich schockiert, Gabrielles Betreuer hingegen reagiert unaufgeregt. Er fragt die junge Frau: «Hast du seinen Penis angefasst?» Ab hier sind die Fronten klar: auf der einen Seite das aufgeschlossene Umfeld Gabrielles, mit einer ihr sehr nahestehenden und für ihre Grundrechte kämpfenden Schwester, auf der andern Seite Martins Mutter, die nach diesem Ereignis dafür sorgt, dass sich die Liebenden fortan nicht mehr begegnen werden.

Die Angst, mit der Martins Mutter im Film alleine zu sein scheint, teilen im «wahren Leben» viele Angehörige. Es ist die Angst, dass Menschen mit (geistiger) Behinderung Kinder bekommen. Denn: Was dann? Wie weit können Eltern mit einer Behinderung für ihr – oft ebenfalls behindertes – Kind die Verantwortung tragen? Und wer trägt ausserdem? Weitere Angehörige, vielleicht, und der Staat, ja. Aber das ist teuer – und ist das nötig, wo man ihre Existenz doch von vornherein vermeiden respektive unterbinden könnte? Martins Mutter fragt irritiert, ob Gabrielle denn nicht «operiert» sei.

Gleichzeitig wächst bei der verliebten Gabrielle der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung. Ihre Schwester lässt sie einen Tag gänzlich alleine gestalten. Gabrielle scheitert kläglich. Der Wunsch nach Freiheit trifft auf die Realität, denn ohne Unterstützung ist sie wegen ihres Handicaps in vermeintlich harmlosen Situationen aufgeschmissen und bringt sich im dümmsten Fall in Gefahr. Schutz bedeutet aber auch Einschränkung.

Aufwachen aus dem Dämmerzustand

Menschen mit Behinderung sollen am Leben der «Normalen», der Gesellschaft, möglichst weit teilhaben können und dort auch mitwirken – zumindest in den westlichen Ländern ist das heute Common Sense. Dennoch liess sich ausgerechnet die Schweiz bis im April dieses Jahres Zeit, die Behindertenrechtskonvention der Uno zu ratifizieren. Dass dies nun endlich geschehen ist, so ist die Behindertenhilfsorganisation Pro Infirmis überzeugt, sei ein grosser Schritt in Richtung Inklusion von Menschen mit Behinderung. Und indem nicht von «Integration» die Rede ist, ist auch gleich gesagt: Es soll heute nicht mehr darum gehen, Personen, die sich von der Norm unterscheiden, möglichst in «die» Norm aufzunehmen und dort einzupassen, sondern zuallererst die Verschiedenartigkeit der Menschen zu respektieren und auf dieser Basis alle ganz selbstverständlich und gleichberechtigt teilhaben zu lassen – «Inklusion» eben.

So weit, so gut auf dem Papier. Die Umsetzung sei wieder eine andere Geschichte, weiss die Schweizer Filmemacherin Stina Werenfels («Nachbeben»), die sich seit geraumer Zeit intensiv mit dem Thema beschäftigt. Unlängst hat sie ihren neuen Film, «Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern», abgedreht, nach dem Theaterstück von Lukas Bärfuss. Darin erwacht der Teenager Dora aus dem medikamentös herbeigeführten Dämmerzustand, in dem sie die letzten Jahre verbracht hat – man wollte die Umwelt und sie selbst vor ihren Gefühlsausbrüchen schützen, ihr ein «normales» Leben ermöglichen. Nun aber möchte die Mutter wissen, wie ihre Tochter wirklich ist, und lässt sie die Psychopharmaka absetzen. Dora lebt regelrecht auf und entdeckt dabei freilich auch ihre Sexualität, in extremis.

«Unsere Geschichte spielt an Knotenpunkten der liberalen westlichen Gesellschaft. Bärfuss’ Stück schneidet mit einer Rasierklinge sehr präzise durch ihr Fleisch», sagt Stina Werenfels. «Geht es um Menschen mit Behinderung, gelangen wir schnell zur Frage: Wie steht es in der Praxis um die Grundrechte, die wir ihnen theoretisch zugestehen? Wie viel Selbstbestimmung ist erlaubt? Wie gehen wir mit dem Dilemma um, dass Schutz und Kontrolle immer auch auf Kosten von Freiheit gehen?» Werenfels interessiert das besonders vor dem Hintergrund, dass Selbstverwirklichung in unserer Gesellschaft den Gehorsam und die Disziplin als höchste Werte abgelöst habe. Und noch etwas fällt ihr auf: «Während die Grundrechte von Minderheiten, etwa Migrantinnen und Migranten, in der Praxis mehr und mehr beschnitten werden, erfahren Menschen mit Behinderung auf Gesetzesebene zumindest eine Verbesserung. Es gibt einen gesellschaftlichen Konsens, dass sie Rechte haben und Teil des Ganzen sein sollen.»

Die Ideologie der Selbstoptimierung

Die Häufung von Filmen wie «Gabrielle» und «Vielen Dank für nichts» ist auch deshalb bemerkenswert, weil sie in eine Zeit fällt, da die Selbstoptimierung zu einer neuen Ideologie geworden ist. Und Menschen mit Trisomie 21 wird es bei uns angesichts der heutigen pränatalen Diagnosemöglichkeiten und des damit einhergehenden gesellschaftlichen Drucks in absehbarer Zeit nur noch sehr vereinzelt geben. Das erklärt vielleicht auch, weshalb diese unperfekten Menschen derzeit so stark im Fokus stehen. Wir haben es hier quasi mit einer aussterbenden Gruppe von Menschen zu tun. Vorausgesetzt, wir wollen das, denn es muss nicht sein.

«Gabrielle» und «Vielen Dank für nichts»
laufen ab dem 26. Juni in den Kinos,
«Dora oder die sexuellen Neurosen unserer Eltern» folgt im Frühling 2015.

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