Nr. 12/2009 vom 19.03.2009

Lidl und die grosse Umverteilung

Der Markteintritt von Lidl heizt den Preiswettbewerb weiter an. Bezahlt wird die Zeche von den Angestellten. Doch daran ist nicht der Wettbewerb allein schuld.

Von Yves WegelinMail an AutorIn

Wenn der deutsche Discounter Lidl diese Woche in der Schweiz seine Tore öffnet, sind die KonkurrentInnen gewappnet. Coop hat Anfang Jahr die Preise von 600 Markenartikeln gesenkt - wenig später zog Migros nach.

Der raue Wettbewerb im Detailhandel drückt die Preise seit Jahren. Das freut die KonsumentInnen - und den Konsumentenschutz. «Die Schweiz ist nach wie vor eine Hochpreisinsel», sagt SP-Ständerätin Simonetta Sommaruga, Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz. Da sei es nur angebracht, dass die Preise endlich sinken. Die wettbewerbsbehindernden Preisabsprachen und Handelshemmnisse gehörten endlich abgeschafft.

Niemand bestreitet, dass die Schweiz eine Hochpreisinsel ist. Und tatsächlich ist es schwer zu verstehen, weshalb die internationalen Konzerne für ihre Markenartikel hierzulande durchschnittlich zwanzig bis dreissig Prozent mehr verlangen als in den Nachbarländern. Dazu sind sie nur deshalb in der Lage, weil unzählige bürokratische Auflagen es den hiesigen HändlerInnen oft verunmöglichen, die Waren am offiziellen Vertriebskanal vorbei aus dem billigen Ausland zu importieren. Doch dann wird es schnell einmal kompliziert: Was ist mit den kleineren ProduzentInnen in der Schweiz? Und was mit den DetailhändlerInnen selbst? Sind ihre Margen tatsächlich zu hoch, wie manche WettbewerbshüterInnen kritisieren? Und sollen sich die BäuerInnen uneingeschränkt der internationalen Massenproduktion stellen müssen (vgl. Interview mit Biobauer Felix Lang in der Print-WOZ)?

Es drückt am falschen Ort

Doch erst einmal gibt es ohnehin noch ein anderes Problem: Wenn der Wettbewerb bei den DetailhändlerInnen auf die Preise drückt, dann werden die Kosten nicht unbedingt dort gespart, wo die WettbewerbshüterInnen es möchten. Die internationalen Konzerne und die grossen Importeure geraten kaum unter Druck. Detailhandelsberater Peter Fuhrer erklärt: «Wenn die grossen Player nicht den von ihnen gewünschten Preis erhalten, dann liefern sie nicht.» Der Schweizer Markt sei viel zu klein und daher die Verhandlungsmacht der hiesigen DetailhändlerInnen viel zu gering gegenüber den Grosskonzernen und -importeuren - und an ihnen kommt niemand vorbei. Kurz: Kartelle und Handelshemmnisse bleiben auch bei zunehmendem Preisdruck bestehen.

Der Preiskampf hat einen weiteren Haken - diesmal nicht aus wettbewerbspolitischer, sondern aus sozialpolitischer Sicht: Um die Preise zu senken, werden Kosten nicht zuletzt bei den ohnehin tiefen Löhnen gespart - im Detailhandel wie auch in der Industrie. Auch Konsumentenschützerin Sommaruga räumt ein: «Natürlich schlägt sich die Preiskonkurrenz auch auf die Arbeitsbedingungen und die Löhne nieder - ich will dieses Problem keinesfalls leugnen.» Und Patrik Ducrey von der Schweizer Wettbewerbskommission stellt fest: «Wenn die Hochpreisinsel beseitigt wird, hat das auch Konsequenzen für die Löhne.»

Der Arbeitsdruck steigt

Robert Schwarzer von der Gewerkschaft Unia kennt das Problem: «Der Arbeitsdruck auf die Angestellten im Detailhandel nimmt seit Jahren zu.» Vor dem Markteintritt des deutschen Discounters Aldi in der Schweiz Ende 2005 seien aus Effizienzgründen Tausende von Stellen gestrichen worden. Immer weniger Angestellte mussten immer mehr Waren bewegen. Auch der ehemalige Aldi-Filialleiter Thomas G. (Name der Redaktion bekannt) sagt: «Der Job ist für das Personal extrem hart.» Er habe ständig den «Leistungsfaktor» - Umsatz geteilt durch eingesetzte Arbeitsstunden - im Auge behalten müssen. Für dessen «Optimierung» gebe es zwei Möglichkeiten: mehr Umsatz oder weniger Personal. Zudem seien bei Aldi je nach Filialleiter Schichten von vierzehn Stunden keine Seltenheit, obwohl sie gegen das interne Reglement verstiessen. Und die gesetzlich geregelten nächtlichen Ruhepausen von elf Stunden würden systematisch missachtet.

Von solchen Vorwürfen zeigt sich Aldi-Sprecher Sven Bradtke «überrascht». Zur Frage, ob es hin und wieder zu solchen Missbräuchen komme, will er sich nicht äussern. Und wie hoch liegt der Mindestlohn? Das gebe Aldi nicht bekannt, sagt Bradtke, er liege jedoch über dem Branchendurchschnitt. Das ist nicht schwierig: bei Denner beträgt er 3800, bei Migros 3700, bei Coop 3600 Franken pro Monat. Der Discounter Lidl bezahlt als Mindestlohn 3500 Franken - brutto.

Ähnlich sieht es auch in der Nahrungsmittelindustrie aus: «In den vergangenen Jahren hat der Leistungsdruck auf die Arbeitenden massiv zugenommen», sagt Natalie Imboden von der Unia. Die damit zunehmende Produktivität der Arbeitskräfte werde nur zu einem kleinen Teil in Form von höheren Löhnen weitergegeben. Und die sind ohnehin schon sehr tief: Ein Drittel aller in der Nahrungsmittelindustrie tätigen Frauen verdient weniger als 3500 Franken im Monat.

Umverteilung - aber wohin?

Kurz und gut: Der zunehmende Preisdruck bringt eine zufällige Umverteilung in Gang - weder effizient und schon gar nicht gerecht. Denn nicht alle KonsumentInnen profitieren von den fallenden Preisen: Jene, die gleichzeitig als Angestellte die Kostensenkung zu tragen haben, ganz sicher nicht.

Wettbewerbs- und Sozialpolitik sind nicht Sache der Konsumenten - sondern jene der politischen BürgerInnen. Sie haben zu entscheiden, ob sie für international gehandelte Produkte weiterhin mehr bezahlen wollen als ihre europäischen NachbarInnen. Tatsächlich spricht wenig dafür: Die Preisabsprachen sind weder demokratisch abgestützt noch sozialpolitisch begründet. Das Staatssekretariat für Wirtschaft hat eine entsprechende Gesetzesrevision zur Abschaffung technischer Handelshemmnisse bereits in die Wege geleitet.

Gleichzeitig ist es auch die Aufgabe der politischen BürgerInnen, den materiellen Reichtum nach ihren Vorstellungen von Gerechtigkeit zu verteilen - nicht jene des Marktes. Entweder durch staatliche Umverteilung oder durch die Festlegung von Mindestlöhnen - auch wenn dies die Preise in den Discounterfilialen in die Höhe treibt. Nicht die SchnäppchenjägerInnen sind schuld an den miesen Löhnen. Sondern die Herabstufung der politischen BürgerInnen zu reinen KonsumentInnen.

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