Nr. 41/2013 vom 10.10.2013

Lidl poliert sein Image

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

Ausgerechnet Lidl, mögen sich einige LeserInnen gedacht haben, als sie in der WOZ von letzter Woche über ein ganzseitiges Inserat stolperten. Ausgerechnet Lidl, der Discounter, der in Deutschland jahrelang mit miserablen Arbeitsbedingungen für Schlagzeilen sorgte, zahlt ab Dezember «allen 2300 Mitarbeitenden den höchsten in einem Gesamtarbeitsvertrag vertraglich gesicherten Mindestlohn im Schweizer Detailhandel»: 4000 Franken für zwanzigjährige Ungelernte, dreizehnmal im Jahr – das übertrifft gar die Forderungen der Mindestlohninitiative.

Auch wenn das Inserat die Illusion erwecken könnte, dass unzählige VerkäuferInnen die Möglichkeit haben, Vollzeit bei Lidl zu arbeiten (was nicht der Fall ist), zeigt der Fall, was öffentlicher Druck bewirken kann: 2004 brachte die deutsche Gewerkschaft Verdi das «Schwarz-buch Lidl» heraus; 2008 deckte der «Stern» auf, wie Lidl in Deutschland Angestellte bespitzelte und überwachte. Vor einem Jahr nun erhöhte Lidl die Löhne seiner Beschäftigten in Deutschland über den von den Gewerkschaften verlangten Mindestlohn hinaus.

Nun also weitet Lidl seine Imagekampagne in die Schweiz aus. Als solche ist sie an KundInnen gerichtet, vor allem aber auch an neue MitarbeiterInnen: Lidl ist auf Expansionskurs – um neue Filialen eröffnen zu können, muss der Discounter Personal bei der Konkurrenz abwerben. Andere Detailhändler in der Schweiz geraten damit unter Zugzwang – auch wenn Migros und Coop mit Mindestlöhnen von derzeit 3700 beziehungsweise 3800 Franken bei Faktoren wie Mutterschaftsurlaub, Abendzulagen oder Pensionskassenbeiträgen noch immer leicht bessere Bedingungen bieten. Der Mindestlohn von 4112 Franken, den Lidls Erzrivale Aldi seit diesem Jahr zahlt, ist nicht Bestandteil eines Gesamtarbeitsvertrags und kann somit jederzeit wieder gesenkt werden.

Einzelne sozialpartnerschaftlich erkämpfte Verbesserungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen: Über die Hälfte aller Angestellten hierzulande ist nicht durch einen Gesamtarbeitsvertrag geschützt. Und noch immer verdienen gegen 400 000 Vollzeitangestellte unter 4000 Franken im Monat. Umso nötiger ist ein für alle Branchen verbindlicher gesetzlicher Mindestlohn.

Was Coop, Migros und Co. nicht daran hindern soll, schon vor der Abstimmung zur Mindestlohninitiative die Löhne ihrer Angestellten entsprechend zu erhöhen. Und natürlich hätte auch Lidl noch viele weitere Möglichkeiten, nachhaltig sein Image zu verbessern: zum Beispiel, indem er auch in den Zulieferbetrieben einigermassen menschenwürdige Bedingungen schafft.

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