Nr. 10/2011 vom 10.03.2011

Ein Gespenst Stalins auf Kuba

Die letzten Lebensjahre eines seltsamen spanischen Pensionärs im kubanischen Exil waren für den kubanischen Schriftsteller Leonardo Padura Anlass, um in einem monumentalen Roman von der Pervertierung der grossen Utopie des 20. Jahrhunderts zu erzählen.

Von Geri Krebs

Am 20. August 1940 schlug Ramón Mercader in Coyoacán, einem Vorort von Mexiko-Stadt, dem sowjetischen Exilanten Lew Davidowitsch einen Eispickel in den Schädel. Tags darauf starb Davidowitsch, der seit 1937 in Mexiko als politischer Flüchtling gelebt hatte und international besser bekannt war unter seinem Nom de Guerre Leo Trotzki.

Sein Mörder, der Katalane Ramón Mercader, Mitglied der Kommunistischen Partei Spaniens, wurde 1937, mitten im Spanischen Bürgerkrieg, vom sowjetischen Politkommissar Leonid Eitingon von der Front bei Madrid abgezogen, um in der Sowjetunion zum Agenten ausgebildet zu werden. Josef Stalin persönlich hatte den Auftrag zur Ermordung Trotzkis gegeben – er sah im Mitbegründer der Roten Armee seit Ende der zwanziger Jahre seinen gefährlichsten Rivalen auf dem Weg zur uneingeschränkten Macht.

Nach der Mordtat wurde Mercader von der mexikanischen Polizei verhaftet, zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt und nach Verbüssung der Strafe 1960 nach Moskau abgeschoben. Dort erhielt er zwar einen Orden, verrichtete aber ansonsten Büroarbeit in einem Institut der Partei – um dann als Belohnung seine letzten Lebensjahre von 1974 bis 1978 schwerkrank auf einer idyllischen Tropeninsel namens Kuba verbringen zu dürfen.

Drei Geschichten

Aus dieser Faktenlage hat Leonardo Padura (geboren 1955 in Mantilla, La Habana) einen fast 750 Seiten umfassenden, aber leicht lesbaren Roman geschaffen. Er erstreckt sich von 1928, dem Jahr der Verbannung Trotzkis, bis 2005. Geografisch wechselt er – mit wenigen Ausnahmen – zwischen der Sowjetunion, Spanien, Mexiko und Kuba.

Eigentlich erzählt Padura, unterteilt in dreissig Kapitel, drei voneinander unabhängige Geschichten: Die erste ist die des jungen kubanischen Schriftstellers Iván, der 1977 an einem Strand bei Havanna einen Fremden kennenlernt, der hier seine Windhunde ausführt; die zweite berichtet von Verbannung, Flucht, Exil und Tod Trotzkis und die dritte über Ramón Mercader. Dabei verhalten sich die drei Geschichten proportional zueinander. Mit 134, 218 und 349 Seiten entspricht ihr Umfang nicht nur etwa den Zeiträumen, die jeweils aus den drei Biografien erzählt werden, sondern auch der Intensität und psychologischen Tiefe, mit der diese eingeführt werden. Am eindrücklichsten sind jene Teile, die die Verwandlung des jungen Kommunisten Mercader in ein identitätsloses Werkzeug eines Jahrhundertverbrechers beschreiben.

Fluch und Segen zugleich ist «die bedrückende Anwesenheit der Zeitgeschichte auf jeder einzelnen Seite», wie Padura im Nachwort schreibt. Als historisch-politisch interessierter Zeitgenosse erfährt man spannende Einzelheiten. Etwa von Stalins perfider Raffinesse, mit der er von 1936 bis 1938 in den Moskauer Prozessen die Führungsriege der Kommunistischen Partei und der Roten Armee liquidierte, um danach den obersten Schlächtern und Henkersknechten jener Liquidationsorgie auch den Garaus zu machen – so macht man das, wenn man sich seiner Mitwisserinnen und Komplizen entledigen und am Ende als alleiniger oberster Verbrecher amtieren will.

Es gibt ja einiges an Literatur über diese Epoche, von Trotzki selber, von Isaac Deutscher oder Peter Weiss. Nur sind diese Werke in Kuba bis heute nicht greifbar – Stalins Verbrechen wie auch Trotzkis Bedeutung für die Geschichte der kommunistischen Bewegung sind in Kuba immer noch weitgehend tabu. So gesehen, hat Padura für kubanische LeserInnen ein eminent wichtiges Buch geschrieben.

Kubanische Tabus

Wie schwer man sich in Kuba mit der Vergangenheit als treuer Verbündeter der untergegangenen Sowjetunion immer noch tut, bewies ein Vorfall an der Buchmesse von Havanna vor Monatsfrist, wo zwei Jahre nach Erscheinen des Romans in Spanien eine kubanische Ausgabe präsentiert wurde – in einer Auflage von 4000 Exemplaren, die sofort verkauft waren. Es gab keinerlei Aufmerksamkeit in den kubanischen Medien für diesen wichtigen Roman, und an der Buchpräsentation wurde der bekannte oppositionelle Journalist und Blogger Reinaldo Escobar – in den neunziger Jahren auch für die WOZ tätig – am Eintritt gehindert.

Irgendwie passt der Vorfall zum Geist des Romans. Es fehlt darin jeglicher Hinweis, unter welchen Umständen Mercader 1974 ins kubanische Exil kam, und Trotzki funktioniert als reiner Sympathieträger. Dabei war er weder Musterdemokrat noch sozialdemokratischer Geschichtslehrer – als der er bisweilen, etwa in seinen Aufrufen zur Einheit an die Adresse der Linken in Deutschland angesichts des aufkommenden Faschismus, erscheint. Als Gründer der Roten Armee und als Lenins Kriegsminister von 1917 bis 1922 war er einer der Architekten jener Terrormaschinerie gewesen, die ihn selber verschlang. Immerhin erkannte Trotzki als einer der Ersten Stalins dämonische Machtbesessenheit.

28 Jahre später

Eine Ironie der Geschichte wollte es, dass Trotzki am gleichen Tag starb, an dem 28 Jahre später die Panzer der Roten Armee mit der Niederwalzung des Prager Frühlings die letzte Hoffnung zerstörten, dass der Sozialismus sowjetischer Prägung noch eine Zukunft haben könne. Im letzten Teil von «Der Mann, der Hunde liebte» treffen in Moskau in jenem August 1968 zwei ältere Herren nach 28 Jahren erstmals wieder aufeinander: Ramón Mercader und Leonid Eitingon, Mercaders ehemaliger Mentor. Letzterer war kurz nach Stalins Tod in Ungnade gefallen und hatte zehn Jahre im Knast verbracht. Aus Eitingons Mund tönt das so: «Das hier ist das Requiem. Das nächste Mal, wenn so etwas passiert, dann geht es nicht mehr darum, den Kommunismus zu reformieren, dann wird alles auseinanderfallen. Die Sowjetunion ist ein kranker Körper, denn alles, was existiert, ist Stalins Werk; sein einziges Ziel war es, zu verhindern, dass ihm irgendjemand die Macht entreissen konnte.»

Ob man da Parallelen zu Kuba sehen kann?

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