Nr. 14/2009 vom 02.04.2009

Gegen die Schande des Schweigens

An den Völkermord an den Tutsi in Ruanda vor fünfzehn Jahren erinnern inzwischen viele Bücher. Dazu gehören auch die Werke aus dem Projekt «Rwanda - écrire par devoir de mémoire», die zum Teil nun auf Deutsch vorliegen.

Von Heinz Hug

Am 6. April 1994 wurde das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen. Dies war der Auftakt zu einem Völkermord, der - zählt man die Toten - nur noch vom Holocaust übertroffen wird. Innerhalb von etwa hundert Tagen töteten Hutu-Milizen rund eine Million Tutsi und der Hutu-Führung nicht genehme Hutu. Das weltweite Echo auf dieses Morden blieb zuerst gering. Das kann für Europa nicht erstaunen, sagte doch François Mitterrand, der damalige Präsident Frankreichs: «Ein Genozid in einem Land wie Ruanda ist nicht allzu wichtig.» Dazu passt, dass sich die Uno-Führung allen Hilferufen ihrer VertreterInnen in Ruanda verschloss.

Auch in Afrika gab es kaum Reaktionen. Unter den Intellektuellen äusserte sich nur gerade der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka. Vier Jahre später versuchten afrikanische KünstlerInnen dieser Schande des Schweigens etwas entgegenzusetzen: Zehn AutorInnen, ein Künstler und ein Filmemacher reisten im Rahmen des Projekts «Rwanda - écrire par devoir de mémoire» nach Ruanda.

Die Zeit danach

Vor kurzem sind zwei Veröffentlichungen des Projekts auf Deutsch erschienen: «Schädelernte» (im Original 2000) von Abdourahman A. Waberi und «Big Chiefs» (2007) von Meja Mwangi. Der 1948 in Kenia geborene Mwangi hat bisher mehrere sozialkritische Romane verfasst. Die Werke des eine Generation jüngeren Waberi verfolgen einen höheren literarischen Anspruch. Seine «Schädelernte» ist ein Bändchen von siebzig Seiten, Mwangis «Big Chiefs» ein romanartiges Gebilde, das in Anlehnung an afrikanische Oralität in die Handlung eingebettete Geschichten enthält. Erzählt werden sie von einem blinden Alten, der einst selbst zu den Big Chiefs gehörte (womit der Autor die Mitglieder der politischen Elite meint), dann aber als Arzt für die Armen tätig wurde und nun in einem Slum lebt. Seine ZuhörerInnen sind «der Junge» und «das Mädchen». Die Erzählungen des Alten kreisen um seine Lebensgeschichte und um die Taten der Big Chiefs, die mit ihrer Politik Afrika zugrunde richten. Der «Junge» gehört zu den Initianten eines Aufstands der SlumbewohnerInnen, der sie in die Stadt führt, wo es nicht zum Machtwechsel, sondern zu Plündereien und einem Massaker durch die Armee kommt.

Waberi macht den Status von «Schädelernte» gleich zu Beginn klar: «Dieses Buch entschuldigt sich schon fast für seine Existenz.» Es erhebt keineswegs den Anspruch, etwas Umfassendes über den Genozid auszusagen. Die Sammlung von Zitaten, fiktiven und reportagehaften Texten scheint die Bruchstücke von Leben zusammenzusuchen, die nach dem Genozid übrig geblieben sind. Bei Mwangi dagegen gibt es einen aussenstehenden Erzähler: Dieser und mehr noch der alte Mann als Binnenerzähler erheben Anspruch auf Wahrheit. Mwangi macht seinen Protagonisten zum Zeugen des Genozids, während Waberi nach dessen Spuren sucht.

Die Politik der «Big Chiefs»

In Mwangis Buch ist nie von Ruanda die Rede, doch diverse Hinweise machen klar, dass der Genozid an den Tutsi den zentralen Bezugspunkt darstellt. Dieses Geschehen vermengt er mit der desperaten Situation Afrikas. Mit problematischen Konsequenzen: Mwangi betrachtet Afrika ohne jegliche Differenzierung; darüber hinaus macht das Buch den Anschein, dass Genozid überall in Afrika vorkommt oder vorkommen kann. Mwangi wird auch der nachgenozidalen Zeit in Ruanda keineswegs gerecht: Nach dem Völkermord sind die Big Chiefs nach wie vor an der Macht. Jener historische Bruch, den die Ruandische Patriotische Front (RPF) herbeiführte, existiert bei Mwangi nicht. In Waberis «Schädelernte» finden wir zwar kein Loblied auf Paul Kagame, den jetzigen Präsidenten Ruandas, der aus der RPF hervorging, doch einer seiner Texte trägt den Titel «Nein, Kigali ist nicht trist». Er handelt vom 1998 beobachteten Wiederaufbau, und einmal heisst es: «Jeden Tag vermehrt man seinen Vorrat an Mut.»

Noch problematischer ist Mwangis Sicht auf den Genozid. Der alte Mann nennt zwar Einzelereignisse, sonst aber bleibt er vage und bedient Klischees. Von einer einst «guten Ehefrau und Mutter» heisst es: «Als der Völkermord die Menschen um sie herum in Bestien verwandelte, ergriff ein blutrünstiger Dämon Besitz von ihr und hackte mit der Machete auf die Kinder ihrer Nachbarn ein. Dann schloss sie sich der Orgie von Mord und Blutvergiessen an.»

Mystifikationen, Dämonisierungen

Was die Erklärung des Genozids betrifft, verweist Mwangi zwar auf einige Hintergründe, er spricht von der Politik der Big Chiefs, auch von ökonomischen und demografischen Entwicklungen. Bei den Mördern, die die Befehle der Big Chiefs ausführten, greift er indes auf Mystifikationen zurück: Wie das Beispiel der Frau zeigt, tragen Dämonen und Teufel die Verantwortung für das mörderische Geschehen. Dieser Rückgriff findet sich auch bei der Erklärung, warum aus den Helden des Unabhängigkeitskrieges unmenschliche Big Chiefs werden. Der Alte muss zusehen, «wie eine Zivilisation zur Barbarei wurde, wie ein gottesfürchtiges Volk zum Werkzeug des Teufels wurde». Damit nimmt Mwangi einen weit verbreiteten Diskurs auf: der Genozid an den Tutsi als Rückfall in die Barbarei, als atavistisches Aufflammen von Stammeskonflikten, Afrika als der dunkle, latent grausame Kontinent.

Waberi zeichnet den Genozid ganz anders. Im Text «Die wilden Horden» (gemeint sind die Tutsi) lässt er einen Mörder reden und macht dabei sichtbar, welche Ideologie hinter dem Hass und dem Willen zum Morden steht. In «Rückkehr nach Kigali» beschreibt er den Besuch eines Gefängnisses mit 7000 Inhaftierten. Lapidar heisst es, sie sähen «ganz normal» aus und widmeten sich «Tätigkeiten, die menschlicher nicht sein könnten». Zur Erklärung greift er auf den Völkermord an den Juden zurück; in einem Zitat von Primo Levi heisst es, «die normalen Menschen, die Beamten, die bereit sind, zu glauben und zu gehorchen», seien die gefährlichsten. Diese Sicht deckt sich weitgehend mit der von Lukas Bärfuss und seinem Roman «Hundert Tage» (2008) (vgl. WOZ Nr. 15/08). Auch für dessen ProtagonistInnen sind die Milizionäre «Artgenossen», für ihn bricht mit dem Genozid nicht die Irrationalität über Ruanda herein, sondern präzis vorbereitetes Handeln. Ein geregeltes Staatswesen - dazu hat die Schweizer Entwicklungshilfe beigetragen - ist für Bärfuss Bedingung für den Völkermord.

Edition Bakame

Noch gibt es Bücher nicht wie Brot

Ein Kinderbuchverlag unterstützt mit Schweizer Beteiligung die Wiederbelebung der beim Genozid zerstörten Erzählkulturen und rettet Mythen, Sagen und Geschichten Ruandas.

Zuerst war nur die Kälte. Dann der Gedanke, die nächsten Jahre im Bett verbringen zu müssen, um nicht zu erfrieren. Und dann sah sie die Bücher. «An jeder Strassenecke konnte man sie kaufen, so wie in anderen Ländern Brot», erinnert sich Agnes Gyr-Ukunda an ihre ersten Eindrücke in der Schweiz. Die damals 23-Jährige kam 1979 nach Fribourg, um zu studieren. Ruanda musste sie fluchtartig verlassen. Der Konflikt zwischen den Hutu und Tutsi forderte schon damals Todesopfer.

Der kulturelle Genozid

«Unsere eigenen Geschichten, Sagen und Mythen wurden über Generationen in der Landessprache Kinyarwanda weitererzählt, aber nie aufgeschrieben», erklärt die 52-Jährige. Bücher gab es kaum. Auch die Erzählungen verstummten. «Schon Jahrzehnte vor dem Völkermord begann ein kultureller Genozid. Es war uns untersagt, die eigene Kultur zu leben. Geschichten, Lieder und Tänze waren verboten. Durch den Genozid 1994 starben die Menschen, die unsere Geschichten noch kannten.»

Gyr, mit einem Schweizer verheiratet und Mutter von vier erwachsenen Kindern, verlor durch den Völkermord einen Teil ihrer Familie. «Für mich war klar, dass ich für mein Land und die zurückgebliebenen Menschen etwas tun wollte», erinnert sie sich. Bücher für Kinder und Jugendliche boten die ideale Gelegenheit. Ein Teil der Tradition konnte bewahrt und weitergegeben werden. Gleichzeitig lernten die Kinder wieder, Geschichten zu erzählen und sich daran zu freuen. 1995 gründete Gyr mit ihrem Mann in der Schweiz den Verein «Bücher für Kinder in Ruanda». In Kigali eröffnete sie den ersten und bis heute einzigen Kinderbuchverlag: die Edition Bakame. Der Name ist in Ruanda Programm. Bakame heisst der schlaue Hase, der in unzähligen Fabeln auftaucht und immer die passende Lösung bereithält. Nach dem Beispiel der SJW-Hefte (Schweizer Jugendschriftenwerk) veröffentlicht die Edition seit 1996 Kinderbücher in Kinyarwanda - von Einheimischen geschrieben, illustriert und in Kigali gedruckt.

Eine halbe Million Kinderbücher

Was spielerisch leicht tönt, ist immer noch ein langwieriger Prozess. In Ruanda gibt es weder eine Druck- noch eine Papierindustrie. Das Material wird importiert. Das notwendige Wissen mussten sich die KinderbuchmacherInnen zuerst aneignen. Auch AutorInnen, die in der Landesprache schreiben, oder einheimische IllustratorInnen gibt es kaum. «Per Radio suchen wir nach Autoren und veranstalten Schreibwettbewerbe, um Geschichten zu erhalten», erklärt Gyr. Die eingereichten Texte werden überarbeitet und illustriert. Alle zwei Jahre kommen neue Titel auf den Markt. Märchen, Fabeln, Liebesgeschichten, Alltagserzählungen - und vor kurzem sogar ein Buch, das Kindern lehrt, wie sie sich im Strassenverkehr verhalten sollen. Die meisten Bücher erscheinen in Kinyarwanda, einige in Französisch und Englisch.

Bis heute sind 500000 Kinderbücher verkauft worden. Dazu kommen 800000 Schul- und Handbücher für die Lehrpersonen. Der Produktionspreis eines Buches steigt mit den hohen Druck- und Papierkosten. Bücher würden damit für die breite Öffentlichkeit in Ruanda unerschwinglich. «Die Mitglieder des Vereins ‹Bücher für Kinder in Ruanda› und Spender machen es möglich, die billigsten Bücher für knappe zwei Franken zu verkaufen», erklärt Agnes Gyr. Damit kann sich auch eine einfache Familie ein Buch leisten. Trotzdem haben Bücher in der breiten Bevölkerung immer noch Seltenheitswert. Die Menschen müssen sie zuerst entdecken und lieben lernen. Bücher wie Brot wird es in Ruanda noch lange nicht geben. Doch das erste Mal in der Geschichte des Landes ist Literatur in Kinyarwanda für die Allgemeinheit zugänglich. Die Erzählkultur hat eine zweite Chance erhalten.

Christa Wüthrich, Kigali

www.bakame.rw

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