Nr. 16/2009 vom 16.04.2009

Ein vorletzter Schnitt Chez Mario

Das St. Galler Goliathquartier war über drei Jahrzehnte lang ein lebendiger Stadtteil mit Klubs und Läden. Jetzt wird es zum Bankenviertel. Ein Streifzug – und ein Besuch beim Quartiercoiffeur.

Von Adrian Riklin

Es ist einer der ersten Frühlingstage in diesem Jahr. Ich entscheide mich, dem kleinen Quartier in der nördlichen St. Galler Altstadt mal wieder einen Besuch abzustatten. Dazu muss man wissen, dass durch dieses Quartier seit je ein spezieller Wind blies, nicht nur am Samstag, wenn Flohmarkt war. Das Goliathquartier unterhalb des Marktplatzes, so genannt wegen der Goliathgasse, hatte bis vor einigen Jahren den Ruf eines Klein-Amsterdams.
In früheren Jahrhunderten trafen sich hier die Bader, Dirnen und Rossknechte. Ab den sechziger Jahren entwickelte sich das Quartier zu einem Stadtteil für Freaks. Das Zentrum bildete bis in die späten siebziger Jahre das weitherum bekannte «Africana»: Hier wurden die neusten Platten aus England und den USA aufgelegt, es wurde getanzt, gekifft und mehr, und lange bevor sie berühmt waren, traten hier Pink Floyd auf.
Rund um das «Aff» (später «Ozon», heute ist dort eine todlangweilige Lounge-Bar) entstanden Bars wie «Goliath» und «Filou», der Plattenladen Z Records, später ein Comicladen und die alternative Buchhandlung Comedia. 1969 eröffnete gegenüber vom «Aff» ein 22-jähriger Coiffeur den Herrensalon Chez Mario.

Totengräberstimmung

Vierzig Jahre später hat sich die Stimmung verdüstert. In letzter Zeit ist die Verdrängung, die schon in den Neunzigern einsetzte, definitiv spürbar geworden: Im Februar musste Wirtin Elvira Panella zunächst die Lokale Goliath und Filou schliessen, nachdem ihr der Hausbesitzer gekündigt hatte – Letztere war eine der letzten Beizen, in dem sich die Szenen mischten, KantonsschülerInnen, in die Jahre gekommene Rocker, Punks, Bauarbeiter, biedere Geschäftsherren oder die pensionierte Damenschneiderin aus der Nachbarschaft versammelten sich hier.
Schluss damit. Nicht nur für die beiden Kultlokale. Massgebend an der Verdrängung beteiligt ist die auch in der Wirtschaftskrise prosperierende Privatbank Wegelin & Co., die ein Haus nach dem anderen kauft. Längst schon einem Empfangsraum für besondere Bankkunden geopfert wurde die Kulturbeiz Letzte Laterne. Unlängst zu einem Grossraumbüro für BankerInnen umgenutzt wurde das «Gösser Dancing», und anstelle des legendären griechischen Kleinstlokals Saloniki kann man sich neuerdings in einem unpersönlichen Thai-Lokal eine teure Erkältung holen.
Der Stadt scheint die Vertreibung der Lebendigkeit in den Kram zu passen, jedenfalls hat sie sich von der Bank selbst das ehemalige Katharinenkloster, wo bis auf weiteres noch die öffentliche Freihandbibliothek eingemietet ist, abkaufen lassen. Was mit den Gebäuden passiert, in denen «Goliath» und «Filou» waren, ist noch nicht bekannt.
Das alles geschieht – anders als im Bleicheliquartier, das inzwischen grossflächig von den Raiffeisenbanken besetzt ist – weitgehend unkommentiert. Im «St. Galler Tagblatt» war einzig ein Nachruf auf das «Filou» zu lesen – vom Leiter der Stadtredaktion, der als Gymnasiast in den achtziger Jahren daselbst noch Platten auflegte. Ansonsten vollzieht sich die Verdrängung reibungslos. Auch im Quartier regt sich kein kollektiver Widerstand – zu sehr haben sich die Interessen auseinanderdividieren lassen.

Sennett lässt grüssen

Immerhin gibt es noch die Comedia, Z Records – und Mario. Der hat gerade Zeit an diesem schönen Frühlingsnachmittag, also lasse ich mir die Haare schneiden. An den Wänden hängen noch immer die Coiffeurskizzen und -stiche von befreundeten Künstlern. Es ist ein Vergnügen, dem Barbier durch den Spiegel bei der Arbeit zuzuschauen; ich muss an das Buch «Handwerk» des US-amerikanischen Soziologen Richard Sennett denken, denn was hier und jetzt geschieht, während Mario schnippelt und schneidet und von der Spielweise des FC Barcelona schwärmt, ist Handwerk mit Leib und Seele.
Dann rauchen wir noch eine. Nächstes Jahr, sagt Mario, feiere ich mein 40-Jahr-Jubiläum. «Und, machst du ein Fest?», frage ich. Mario schweigt. Dann, und dabei schaut er auf meine Haare auf dem Boden, sagt er: «Vielleicht ein Abschiedsfest.»
Im nächsten Frühling, exakt zum Jubiläum, muss Mario Salvini räumen, auch seine Kuriositäten- und Raritätensammlung. Er ist 62, gern würde er noch einige Jahre sein Handwerk ausüben. Doch der Erbe des verstorbenen Hausbesitzers träumt von einer schicken Vinothek. Vielleicht werde es auch ein Gourmetlokal.

Richard Sennett: «Handwerk». Aus dem US-Amerikanischen von Michael Bischoff. Berlin Verlag. Berlin 2008. 430 Seiten. Fr. 39.90.

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