Nr. 19/2009 vom 07.05.2009

Ein Rest Sommer

Von Anna Wegelin

Eine Frau mittleren Alters mit langem Haar steht neben ihrem Bett. Sie ist in Gedanken versunken und hält eine Zigarette. Die Sonne, die in den Raum dringt, scheint auf ihren nackten muskulösen Körper. Die Frau ist Zeitungsredaktorin. Sie verkauft das Ferienhaus ihrer Eltern. Der Makler war früher mal ihr Liebhaber. Die Begegnung mit dem Ex löst bei ihr heftige Gefühle aus. Sie fährt mitten in der Nacht nach New York zu ihrem Freund: «Sie küsste ihn und zog sich aus. Wie einfach es mit Lloyd war, wie direkt sie sein konnte: Hier sind meine Brüste, hier ist mein Geschlecht, hier bin ich!» Sie erfährt gerade den perfekten Moment in ihrem Leben.

Die Erzählung «Eine Frau in der Sonne» verleiht dem schön aufbereiteten Band des norwegischen Schriftstellers Frode Grytten den Titel. Grytten, der lange als Journalist arbeitete, hat zehn Liebes- und Leidensgeschichten nach Bildern von Eduard Hopper komponiert: melancholisch im Ton, leichtfüssig im Duktus. Die Begrenzungen, das Unfertige in den Bildern des amerikanischen Malers seien befreiend, so der Autor. Sie greifen etwas Wesentliches im Leben der meisten Menschen auf: Die Gefühle, die uns steuern, die Anziehungskraft zwischen Mann und Frau, der «Alltag» eben.

Die durchkomponierten, kurzweiligen Erzählungen handeln von nicht mehr ganz jungen Menschen in urbanen Gegenden zwischen Nottingham und New York und spielen alle am 27. August. Der Autor dazu: «Wir haben einen Rest Sommer in uns.» All seine Figuren realisierten irgendwann, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssen. Das sei doch etwas Positives.

Ich empfehle «Eine Frau in der Sonne» all jenen nicht mehr ganz jungen Menschen zur Lektüre, die zwar das romantische monogame Liebesideal nicht erfahren haben, aber dennoch den Wunsch hegen, es liesse sich in unserer auf Perfektion getrimmten Gesellschaft eines Tages verwirklichen.

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