Nr. 22/2009 vom 28.05.2009

Sind Sie ein Fantast?

Interview: Etrit Hasler, Foto: Ursula Häne

Jyoti Guptara: «Ich hoffe, dazu beitragen zu können, dass die Fantasy-Gattung ernster genommen wird.»

WOZ: Woran arbeiten Sie derzeit?
Jyoti Guptara: Ich habe nur noch wenig Zeit, um den dritten «Calaspia»-Roman fertigzustellen. Ich hatte wohl etwas zu viel Charles Dickens gelesen, und die erste Fassung kam in recht archaischer Sprache daher. Dazu kommen noch Auftritte, am Global Humanitarian Forum etwa und am Fantasy-Festival in Frankfurt, am 29.  Juni [2009] beginnt dann die Rekrutenschule.

Ein volles Programm. Was erwartet uns im dritten Roman?
Es ist der vorläufige Abschluss der Abenteuer um Calaspia. Unsere Verpflichtungen gegenüber dem Verlag sind mit dem dritten Buch erfüllt, und immerhin haben wir seit dem Erscheinen des ersten Buches schon neun Jahre in dieser Welt verbracht.

Das heisst, es folgt etwas völlig anderes?
Mein Bruder und ich haben viele Ideen, aber noch ist nichts spruchreif.

Aber Sie bleiben bei der Fantasy?
Vorerst. Ich experimentiere zwar gern, schreibe hier und da Kolumnen, zum Beispiel. Aber das ist nicht das Gleiche. Zum Experimentieren gibt es Kurzgeschichten und Freizeit.

Befürchten Sie nicht, als Genreschriftsteller abgestempelt zu sein?
Im Gegenteil. Ich hoffe vielmehr, beitragen zu können, dass die Fantasygattung ernster genommen wird. Immerhin handelt es sich dabei um eines der ältesten und wichtigsten Genres: Homer, John Bunyan, Dante mit der «Göttlichen Komödie» und John Milton mit «Paradise Lost» – das waren alles Fantasyautoren. Sogar Shakespeare hat mit «Das Wintermärchen» und dem «Sommernachtstraum» Fantasystücke geschrieben.

Was macht denn den Reiz der Fantasy für Sie aus?
Der philosophische und mythologische Kern der Geschichten. Da ist einerseits die Frage danach, was wirklich menschlich ist. Egal, wie sehr sich die Welt verändert, es gibt gewisse Dinge, die gleich bleiben. Deswegen können wir uns heute noch mit Homers Figuren aus dem Trojanischen Krieg identifizieren.

Und andererseits?
Die Frage, was einen Helden ausmacht. Ich fand es bezeichnend, dass «Spider-Man» an den Kinokassen den letzten «Superman»-Film um Längen geschlagen hat. Das war so etwas wie der Kampf zwischen dem neuen und dem alten Image der USA: Superman, der unverwundbare Mann aus Stahl, wird abgelöst von Spider-Man, der zwar verletzlich ist – wie die USA seit dem elften September 2001 –, aber immer noch stärker als alle seine Gegner.

Heldengeschichten als Abbild der Welt?
Zumindest holen sie die Vorstellungskraft in der Realität ab. Natürlich ist das Eskapismus, aber einer, der in der Wirklichkeit fusst. Deswegen sind solche Geschichten in Zeiten der Krise immer sehr erfolgreich, seien diese Krisen finanzieller, politischer oder spiritueller Natur. In solchen Zeiten haben die Menschen gern einfache Weltbilder, die sich ohne grosse Schwierigkeiten in Schwarz und Weiss, in Gut und Böse einteilen lassen.

Fantasy ist in kirchlichen Kreisen eher verpönt. Hatten Sie mit Ihrem Glauben da nie Probleme?
Nein, ganz im Gegenteil. Die europäische Fantasyliteratur wurde massgeblich von Christen und ihren Wertvorstellungen geprägt: John Bunyans Gleichnisroman «The Pilgrim’s Progress» war lange Zeit neben der Bibel und dem «Book of Common Prayer» in jeder englischen Kirche zu finden. Und J.R.R. Tolkien, der aufgrund des «Herrn der Ringe» als Übervater moderner Fantasy gilt, war ein zutiefst gläubiger Katholik – das merkt man seinen Büchern auch an.

Trotzdem – «Herr der Ringe» und die «Harry Potter»-Bände werden von einigen christlichen Kreisen in den USA als blasphemisch abgetan …
Für mich ist das realitätsfremd. Das sind Menschen, die sich abschotten wollen und am liebsten unter einer Glaskuppel leben würden. Wer glaubt, die Wahrheit zu kennen, sollte doch nicht solche Angst davor haben, dass sein Glaube kritisch betrachtet wird? Philipp Pullmans «His Dark Materials»-Reihe ist da ein schönes Beispiel: Pullman ist Atheist, und, natürlich, seine Werke enthalten blasphemische Stellen. Aber wenn kirchliche Kreise dazu aufrufen, seine Bücher zu boykottieren oder gar zu verbieten, dann geben sie ihm nur recht, wenn er dieser Kirche vorwirft, die Wahrheit zu verfälschen und zu zensieren. Das ist doch eine Einstellung der Angst. Und Angst ist das pure Gegenteil von Glauben.

Jyoti Guptara, 20, ist einer der jüngsten Berufsschriftsteller der Welt. Sein Erstling, «Die Verschwörung von Calaspia», den er mit seinem Zwillingsbruder Suresh verfasst hatte, wurde in Indien zum Bestseller. Der zweite Band, «Calaspia. Der Schwertkodex», ist im April auf Deutsch erschienen. Jyoti Guptara lebt und arbeitet in Weinfelden.

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