Nr. 23/2009 vom 04.06.2009

Die Niederlagen

Von Thomas Schwendener

Die Geschichte der ArbeiterInnenbewegung ist eine Geschichte fataler Niederlagen: Von der Sozialdemokratie national integriert, vom Stalinismus zum Staatsfundament zementiert, vom Faschismus zerschlagen. Christian Riechers geht diesen Niederlagen auf den Grund. «Der Marxismus ist die Lehre von der Konterrevolution», erklärt der Gramsci-Forscher. So untersucht er am italienischen Faschismus, wie die «Schwarzhemden» innerhalb kürzester Zeit die Widerstände der ArbeiterInnenbewegung brechen konnten.

Wer eine neue Faschismustheorie erwartet, wird enttäuscht. Riechers zielt aufs Ganze, auf gesellschaftliche Zusammenhänge und letztlich auf die Totalität kapitalistischer Gesellschaft. Der Sieg der Faschisten sei ohne die «längerwährenden und tiefergehenden Kämpfe, in denen sich im Prozess der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise die grossen Gesellschaftsklassen konstituieren», nicht zu begreifen. Riechers versucht von einer Fixierung auf den Faschismus wegzukommen. Stattdessen analysiert er die Verfassung der kapitalistischen Gesellschaft nach 1919 als permanente Konterrevolution, innerhalb der der Faschismus eine besondere Form darstellt.

Die Sammlung umfasst Aufsätze zur Kritik des Stalinismus, des «Idealisten Gramsci», an der Volksfrontpolitik der Komintern, aber auch an den Mikrobewegungen der ArbeiterInnenklasse in den Betrieben. Die Texte sind thematischen Blöcken zugeordnet. Doch beziehen sie sich so aufeinander, dass eine klare Abtrennung fraglich bleibt. Wie die Volksfrontpolitik kritisieren, ohne die sowjetische Aussenpolitik und den Stalinismus mit einzubeziehen? Wie den Sieg des Faschismus in Italien verstehen, ohne die Spaltungen in der italienischen ArbeiterInnenbewegung und die Probleme des Generalstreiks von 1922 zu analysieren? Die Textsammlung öffnet neue Denkräume, wo die Diskussionen in der Linken festgefahren sind.

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