Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

Er kam aus der Selbstverständlichkeit

Von Peter Bichsel

Als Ernst Leuenberger damals, als wir alle noch jung waren, nach Solothurn kam, um Sekretär des Gewerkschaftskartells zu werden, brachte er uns etwas mit, von dem wir glaubten, es längst zu kennen. Er brachte uns die Politik mit – er gründete einen Politischen Arbeitskreis, mit der schönen Abkürzung PAK, scharte die jüngeren Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten um sich, und wir diskutierten, entwarfen Programme und Taktiken und organisierten den Kanton, die Eidgenossenschaft und die Welt. Die Welt hat zwar nichts davon erfahren, aber uns hat es wohl getan.

Und dann wurde gesungen, die «Internationale», und Jean Racine spielte auf dem Handörgeli – also auch «Bandiera Rossa» und dann auch «C’est la petite Gilberte», und der kanonähnliche Wechselgesang beim Refrain misslang uns immer. Also noch «S isch nümme die Zyt, wo einisch isch gsi, won e mit mim Schümmeli über d Schmittebrügg bi.» – «Bärnbiet, Bärnbiet, liebi Heimet, schöner chöntis niene si, e ha gäng chli Freud gha dranne, das e ou e Bärner be.»

Als Aschi damals nach Solothurn kam, brachte er uns etwas mit. Er brachte uns die Freude mit. Nicht die Leidenschaft und die Verbissenheit, sondern die Freude daran, die Freude an der Politik. Dabei verachtete er Bierseligkeit, Männerbündelei, Ausgelassenheit und Burschenherrlichkeit zutiefst. Voreilige Nähe mochte er nicht. Er trat allem und allen mit grossem Respekt gegenüber und bewahrte die Distanz des Respekts bei aller Freundlichkeit und bei aller Herzlichkeit. Auch die Freude hatte für ihn ihren Ernst. Aschi war ein stiller und besonnener Mensch – ein stiller Mensch, der reden konnte.

Und dann sangen wir halt noch mal die Internationale: «Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt.»

Aschi kannte auch die Strophe gegen den Staatskapitalismus, die, nachdem der reale Sozialismus sie verboten hatte, längst in Vergessenheit geraten war und die uns heute doch an etwas erinnern könnte: «Gebäude, fest und stark bewehret, die bergen, was man euch entzog, dort liegt das Geld, das dir gehöret und um das man dich betrog.»

Aber wir haben das gesungen, genauso wie wir den «Trueber Bueb» gesungen haben: «Ja, e ben e Ämmitaler, e be ne Bueb vom Trueb.»

Wir sangen diese Lieder in Erinnerung an irgendetwas. Wir sangen die Internationale nicht als Kampflied, sondern in Erinnerung an jene, die gehofft und gehofft hatten.

In dieser Erinnerung ist Aschi Politiker geworden, der ehemalige kleine Bub, der wissen wollte, wer alles schon Bundesrat war, die alten Leute im Dorf befragte und seine Liste ergänzte, und der, als die Liste immer noch nicht vollständig war, dem Bundesrat von Steiger einen Brief schrieb und von ihm eingeladen wurde. Einer, der begann, aus der Geschichte zu lernen. Sie wurde ihm zum Trost, zur Motivation, zur Quelle seines Ärgers und in der Summe zur Mitte seiner Gelassenheit.

Ich lese in den Zeitungen von seiner Kompromissbereitschaft, das ist ein kleines und verständliches Missverständnis, aber er hatte die Fähigkeit, das, was ist, vorerst einmal zu akzeptieren – so ist es –, und so müsste es eigentlich nicht bleiben. Er hatte die Absicht, die Welt zu verändern, aber nicht einfach allein, sondern mit den anderen zusammen. Dabei hat er mich verändert, hat er uns verändert. Die Welt hat er nicht verändert, aber ein paar Menschen schon. Das ist schon viel.

Und ich lese in den Zeitungen, dass er ein Verlust für die Schweiz sei – das stimmt. Aber ich kenne viele, für die er ein schmerzlicherer Verlust ist, jene armen Schlucker hier in Solothurn, er selbst hätte sie nie so genannt, denen er die Steuererklärung ausfüllte, für die er von Amtsstelle zu Amtsstelle gelaufen ist und denen er auch den Gottswillen angehalten hat, sich vielleicht doch ein bisschen zusammenzureissen. Jene «bösen» Buben auch, die er und Doris wie eigene Kinder in die Familie aufgenommen haben, sie dabei vielleicht nicht verbessert, aber denen sie zum mindesten eine gute Zeit geschenkt haben. Nicht anzunehmen, dass sie seine Wählerinnen und Wähler wurden, und darum ging es ihm auch nicht.

Mir fällt ein Wort ein, wenn ich Aschi beschreiben will, ein einfaches Wort für einen einfachen Menschen, das Wort «selbstverständlich». Wir hatten immer den Eindruck, dass Aschi in etwas ruhte, im grössten Stress in etwas ruhte – er ruhte in der Selbstverständlichkeit.

Kurz nachdem er nach Solothurn gekommen war, damals, und lange bevor er Nationalrat wurde, sagte er uns mal: Wir wollen miteinander offen sein – ich will Ständerat werden. Wir haben das erstaunt zur Kenntnis genommen. Er ist es geworden. Nein, kein Karrierist – ein felsenfester 68er, der den Marsch durch die Institutionen ernst nahm und dabei die Institutionen ernst nahm.

Nein, ich hoffe nicht, dass – wie ich in der Beiz gehört habe – mit ihm der letzte Sozialist gegangen sei. Aber ich fürchte, dass mit ihm einer der letzten linken Wertkonservativen gegangen ist. Einer, der erst mal die wirklichen Werte – und nicht das schnöde Bankgeheimnis – dieses Landes bewahren wollte, einer, der die Geschichte der modernen Schweiz kannte wie wenige andere, einer, der daran glaubte, dass dieses Land die Grundlagen, die Institutionen hätte, ein gerechtes, ein humanes, ein solidarisches Land zu werden.

Er kam aus der Einfachheit. Aber seine Einfachheit hiess auch: eine wunderbare Mutter, ein wunderbarer Vater, ein wunderbarer Bruder und wunderbare Schwestern. Oder um es weniger pathetisch auszudrücken: Er kam aus der Selbstverständlichkeit. Die hat er weitergetragen in seine eigene wunderbare Familie, in seine Kreise von Freunden, in sein eigenes Leben, das eigentlich nur deshalb ein politisches wurde, weil das selbstverständlich war.

Er hatte seine Weisheit nicht löffelweise gefressen, sondern Buchstaben für Buchstaben gelesen und gelernt. Er kam nicht aus einer Welt der Bildung und der Gebildeten, auch nicht der Eingebildeten – und deshalb trat er allem, was mit Bildung zu tun hatte, mit grosser Ehrfurcht gegenüber. So, wie er auch den Menschen begegnete. Er liebte seine Eisenbahner nicht nur, sondern er verehrte sie für das, was sie konnten, was sie leisteten. Diese Verehrung, die Verehrung seiner Eltern, der Respekt gegenüber seinen Nachbarn, seiner Umgebung, machte ihn zum Gewerkschafter. Und auch hier sind die Wörter Verehrung und Respekt zu gross und dürfen getrost durch das Wort Selbstverständlichkeit ersetzt werden.

Politik war für ihn ein sauberes Geschäft. Daran hielt er trotzig fest, unabhängig davon, wie das die anderen hielten und wie sich andere verhielten und wie wieder andere ihr unsauberes Geschäft damit betrieben, dass sie die gesamte Politik als unsauber diffamierten. Aschi war kein Charismatiker, kein Populist – nur ein Mensch, dem man vertrauen konnte, und das wohl deshalb, weil er sich selbst vertrauen wollte.

Lieber Aschi, ich habe in den Zeitungen auch gelesen, dass Du Vorbilder hattest, und es fiel den Schreibern allzu leicht, welche zu finden. Ich habe beim Lesen ein bisschen gelächelt, wie Du es auch getan hättest. Ja, ich weiss, Du hattest Vorbilder. Vorbilder auch in vielen Menschen, deren Namen kaum jemand kennt. Jetzt hast Du keine Vorbilder mehr. Jetzt bist Du das Vorbild. Mein Vorbild, unser Vorbild – und letztlich dann doch das Vorbild von wenigen. Wir waren immer wenige und wollten mehrere werden, und hatten letztlich gäng chli Freud gha dranne, unter wenigen zu sein.

Du weisst es, und wir wissen es – die Welt wird Dich nicht vermissen und die Schweiz und Solothurn auch nicht. Aber wir schon. Für uns ist jetzt etwas anders geworden.

S isch nümme die Zyt, wo einisch isch gsi, won e mit mim Schümmeli – fidirulla, fidirulla, fidirullallalla – danke schön, Aschi.

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