Nr. 28/2009 vom 09.07.2009

«Dann hätte es ein anderer machen müssen»

Der WOZ-Mitgründer trat im Mai den Posten des Ko-Chefredaktors des «Tages-Anzeigers» mit der Vorgabe an, ein Viertel der Redaktion zu entlassen. Am Montag wurde der Sozialplan unterzeichnet. Und der Chef äussert sich zu Vorwürfen.

Von Daniel Ryser

WOZ: Sie haben soeben eine Massenentlassung vollzogen und auf Unternehmerseite harte Sozialplanverhandlungen hinter sich. Zwei Monate im Job – schon genug?

Res Strehle: Nein, ich habe nicht genug. Aber sicher war es schwierig, als Chefredaktor in dieser Situation anzutreten. Ich habe viel Betroffenheit erlebt in den letzten Wochen. Aus Sicht des «Tages-Anzeigers» war der Stellenabbau richtig. Wenn es langfristig nicht gelingt, die Kosten dem Ertrag anzupassen, dann erst sind die Rettungsparolen berechtigt.

Das Mantra: Weniger Leute, bessere Zeitung. Erklären Sie das mal.

Wir haben noch immer 180 Vollzeitstellen, besetzt mit dossierkompetenten Leuten. Mit dem Konzept, vermehrt auf Schwerpunkte und Eigenleistungen zu setzen, können wir sogar noch interessanter werden. Parolen wie jene vom «Dreivierteltagi» sind aus meiner Sicht unberechtigt und schaden dem «Tages-Anzeiger».

Hat nicht eher die Massenentlassung dem Image des «Tages-Anzeigers» geschadet? Und die Art und Weise, wie sie vollzogen wurde?

Das müssen Sie trennen: Aus Sicht des «Tages-Anzeigers» war immer klar, dass das Niveau der Zeitung auch mit 180 statt 230 Stellen zu halten ist. Wenn man Tamedia vorwirft, sie erwirtschafte viel Geld und hätte den Stellenabbau anders vollziehen können, ist das eine andere Sache.

Man hätte es also anders lösen können.

Sagen Sie mir auch wie?

Die Personalkommission hat es formuliert: Der Stellenabbau wäre über einen Zeitraum von fünf Jahren ohne Entlassungen zu realisieren gewesen, allein durch Abgänge und Frühpensionierungen. Und durch Sorgfalt und Fingerspitzengefühl.

Das wäre sicher ein vernünftiger Weg gewesen. Aber damit hätte man vor drei, vier Jahren beginnen müssen. Jetzt haben wir Kosten, die deutlich über dem aktuellen und zukünftigen Ertrag sind. Mein Kollege Markus Eisenhut und ich sind deshalb vor diese Aufgabe gestellt worden. Klar, wir hätten uns weigern können, den Job anzutreten. Aber dann hätte es ein anderer machen müssen. Bei mir hiess es: «Jetzt macht der das! Ausgerechnet er! Der Autor des Buchs ‹Wenn die Netze reissen›!»*

Das ging mir auch durch den Kopf.

Was die Kritik übersieht: Das Netz gibt es in diesem Fall. Jeder der Betroffenen hat ohne Einkommensverlust mindestens ein Jahr Zeit, einen neuen Job zu finden, ausserdem bieten wir Frühpensionierungen zu sehr guten Bedingungen. Ich sperre mich nicht gegen den Strukturwandel, aber es soll ein Netz da sein, das die Betroffenen sichert.

Das Netz musste Ihnen abgerungen werden.

Ein Sozialplan ist immer Ergebnis von Verhandlungen. Das Ergebnis ist gut, es ist ein tragfähiges Netz. Wir stossen niemanden ins Prekariat. Wir können uns aber gegen den Strukturwandel nicht sperren.

Strukturwandel, was heisst das eigentlich?

Der Medienbereich befindet sich radikal im Umbruch. Die Leute lesen nicht mehr im gleichen Mass bezahlte Tageszeitungen wie früher. Früher hatte die bezahlte Tageszeitung eine Art Informationsmonopol. Heute informieren sich die Leser auf verschiedenen Kanälen: online, aus Pendlerzeitungen, wenn sie unterwegs sind. Und eben aus der bezahlten Abozeitung. Die muss sich deutlicher vom kostenlosen Angebot abgrenzen.

Apropos Strukturwandel: Fühlen Sie sich aufgrund Ihrer Geschichte als Linker nun besonders angreifbar?

Darf ein Linker den Strukturwandel in einer Marktwirtschaft akzeptieren? Ein radikaler Linker wohl nicht.

Dürfen Sie? Sie waren ein radikaler Linker.

Das bin ich bekannterweise nicht mehr. Ich habe aus meinem Umfeld verschiedene Reaktionen bekommen: Es gab die Leute, die es ja schon immer gewusst haben: «Das ist doch unsozial, der macht das mit, dieser unkritische Befehlsempfänger.» Andere zeigten Verständnis. Dann gab es die Dritten, die haben sich persönlich gemeldet und Briefe und Mails geschrieben und gefragt: Wie ist das genau gelaufen? Ein paar haben sich auch gefreut, dass ich diesen Job zusammen mit meinem Kollegen trotz der schwierigen Umstände annehme. Die WOZ aber offensichtlich nicht. Das verstehe ich nicht. Ich war, als ich auf der WOZ war, immer froh, im «Tagi» eine Alternative zur NZZ zu haben.

Dass Sie angetreten sind mit dem Anspruch, eine Massenentlassung zu vollziehen, hat die Freude etwas gedämpft. Momentan sind auf der WOZ viele eher froh, in der NZZ eine Alternative zum «Tagi» zu haben.

Das muss ich zur Kenntnis nehmen.

Während des Stellenabbauprozesses haben Sie sich in Kommentaren vor allem mit dem Thema Sterbehilfe beschäftigt.

Ich sehe den Zusammenhang nicht. Ausserdem war Sterbehilfe bloss eines meiner Themen. Ich habe auch zu Habermas geschrieben, zu den Übergriffen auf die Zivilbevölkerung in Sri Lanka. Überall dort, wo ich in der Aktualität etwas zu sagen habe. Das Thema Sterbehilfe hat mich immer interessiert, ausserdem war es aktuell. Ich bin der Meinung, dass wir uns dazu äussern sollten, wenn der Kanton mit der grössten Sterbehilfeorganisation eine Regelung trifft. Bei der Sterbehilfe faszinierte mich auch die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte. Ich sah früher eine Nähe zu den Euthanasieprogrammen der Nazis. Heute meine ich, dass diese Parallele etwas fundamental verwechselt: Selbstbestimmung mit einem Vernichtungsprogramm. Mündigkeit bis zum Tod scheint mir eine humanistische Forderung, gegen die sich Kirche, Staat und ein Teil der Ärzteschaft sperren.

Der Zusammenhang: Ihnen wurde von der Personalkommission vorgeworfen, dass man Sie nicht gespürt habe in den Verhandlungen. Dass Sie geschwiegen hätten.

Das ist nachweislich falsch. Ich habe zuerst zugehört, um mir ein Bild zu machen. Ich habe immer klar gesagt: Wir stehen in der Pflicht. Es gibt einen Strukturwandel, gegen den sperren wir uns nicht. Aber um ihn abzufedern, braucht es ein Netz.

Gerade die Frühpensionierungen waren in diesem Netz aber entgegen ersten Aussagen gar nicht vorgesehen.

Daniel Suter, Präsident der Personalkommission, hat folgendes Bild benutzt: Ihr habt eine Reise an den Rheinfall versprochen und dann gemerkt, dass die Billetts nur bis Bülach reichen. Das war anfänglich so. Das erste Angebot der Tamedia hätte nicht bis an den Rheinfall gereicht. Ich setzte mich als «Tagi»-Chefredaktor dafür ein, dass es reicht. Und jetzt ist das Geld da.

Ebenfalls heftig kritisiert wurde, dass Sie die Entlassungen delegiert haben. Vor allem altgediente RedaktorInnen haben dies als Geringschätzung ihrer Arbeit empfunden.

Wir können nicht bei 230 Leuten jedem Einzelnen sagen, ob er künftig dabei ist oder nicht. Wir teilten Ressortleitern den Rahmen mit. Und in diesem Rahmen sollten die Ressortleiter die Freiheit haben, ihr Team aufzustellen. Die Ressortleiter kennen bei einem solch grossen Betrieb die Leute besser. Das Vorgehen war aus meiner Sicht korrekt.

War es klug, auch Mitglieder der Personalkommission zu entlassen?

Wir sagten, wenn wir jemanden frühpensionieren können, dann tun wir das. Auch wenn es der Präsident der Peko ist. Wir wollten die Redaktion verjüngen, so wird die Zeitung auch jünger. Wir haben dabei die gleichen Kriterien für alle angewendet. Wir konnten nicht sagen, nur weil einer in der Peko sitzt, geniesst er einen besonderen Schutz. Da bekäme ja auch die Peko ein schlechtes Gefühl der Privilegiertheit.

Das Signal war Folgendes: Wer sich wehrt, wird entlassen.

Das ist komplett falsch.

Der Sozialplan wurde am Montag unterzeichnet. Dem neuen «Tagi», der Ende September kommen soll, steht nichts mehr im Weg. Ein Boulevardblatt, wie das Medienmagazin «Klartext» einschätzt?

Dafür gibt es weder Indizien noch eine Aussage von mir, dass es in diese Richtung gehen soll. Wir können und wollen nicht Boulevardjournalismus betreiben. Wir sollten intelligenter werden, klüger, die analytischen Fähigkeiten erhöhen. Einfach gesagt: So klug sein wie die NZZ, aber zugänglicher.

Wie soll das gehen – klug wie die NZZ sein und gleichzeitig die Zugänglichkeit erhöhen?

Das ist die Kunst, der Spagat. Wir wollen näher ran an die Leute und gleichzeitig die Analyse- und Recherchekapazität erhöhen. Wir müssen visuell stärker werden. Wir haben jetzt den Rohbau des neuen «Tagi». Danach werden wir die einzelnen Räume gestalten.

Wie lange bekommt der neue «Tagi» Zeit, sich zu bewähren?

Es gibt keine Frist. Aber vermutlich wird sich innerhalb eines Jahres zeigen, ob das neue Konzept von den Lesern geschätzt wird.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch