Nr. 24/2009 vom 11.06.2009

Streiken?

Interview: Daniel Ryser

Daniel Suter: «Ich frage Sie: Wann hat es je einen Medienstreik gegeben?»

WOZ: Die Mediengewerkschaft Comedia protestiert heftig gegen die Entlassungen. Die schwerreichen Eigentümer der Tamedia – seit 2000 wurde über eine Milliarde Franken aus dem Unternehmen herausgezogen – hätten den Stellenabbau ohne Entlassungen vollziehen können.
Daniel Suter: Es ist sicher so, dass man es ohne eine Entlassung hätte machen können, zum Beispiel mit Frühpensionierungen oder internen Rochaden bei Abgängen. Das hätte allerdings etwa fünf Jahre gedauert – und Geld, Zeit und eine feine Hand benötigt. Die feine Hand ist bisher nicht zu spüren. Der «Tagi» bekommt so ein Glaubwürdigkeitsproblem. Warum hat die Abzocker-Initiative eines bürgerlichen Unternehmers selbst bei konservativ denkenden Menschen einen derartigen Erfolg? Weil die Leute wollen, dass im Arbeitsleben bürgerlicher Anstand gilt. Wenn die «Tagi»-Leser wüssten, wie mit den Leuten, die für den «Tagi» schreiben, umgegangen wird, würden sie wohl vehement protestieren.

Im «Tagi» kann man über diese Zustände nur wenig lesen. Ist es schwierig, über die Zustände im eigenen Haus zu berichten?
Ich glaube, alle Medienunternehmen haben Schwierigkeiten, über eigene Krisen zu schreiben. Das geht einer NZZ so, das ginge wohl selbst einer WOZ so. Und ich kann das verstehen. Ich hoffe natürlich, dass «Tagi»-Leser über andere Medien die Informationen holen können, die ihnen ihre Zeitung in diesem Bereich nicht bietet.

Was gibt es also Neues zu erfahren?
Am Freitag fand eine grosse Konferenz statt. Sie ist das alte, jeweils von der Chefredaktion einberufene Informationsmittel. Neben einem Blick in die Zukunft gab es eine einstündige Aussprache zu den Entlassungen.

Was wurde ausgesprochen?
Die Chefredaktion hat wohl zum ersten Mal erfahren, wie viel Geschirr sie zerschlagen hat. Die heftigste Kritik kam dabei von Leuten, die nicht entlassen wurden. Zudem schilderte ein Kollege, der Jahrzehnte hier arbeitete, das Prozedere seiner Entlassung. Die Chefredaktion zeigte sich davon überrascht und betroffen. Die Aussprache war eine fundamentale Kritik an der Chefredaktion.

Wie lautete sie?
Wie wollt ihr auf einem solchen Scherbenhaufen etwas Neues aufbauen?

Die Sozialplanverhandlungen sind am Dienstag angelaufen. Gibt es Hoffnung? Oder bleiben nur Scherben?
Ich lasse mich gerne positiv überraschen. Die Details und die Härtefälle brauchen ihre Zeit.

Gibt es viele Härtefälle?
Ich habe den gesamten Überblick noch nicht. Ein Härtefall etwa ist, wenn, wie geschehen, eine fünfzigjährige alleinerziehende Mutter auf die Strasse gestellt wird. Oder jener Redaktor in den Fünfzigern, der Kinder in Ausbildung hat und der Haupternährer der Familie ist.

Warum streiken Sie eigentlich nicht? Was, wenn es hiesse: Morgen erscheint kein «Tagi». Und übermorgen vielleicht auch nicht. Die öffentliche Debatte wäre lanciert.
Das wäre sicher ein starkes, überraschendes Zeichen. Aber ich bin wohl zu sehr Jurist: Solange die Sozialplanverhandlungen laufen – sie dauern vermutlich noch bis Ende Juni –, gibt es eine Friedenspflicht. Ein Streikaufruf wäre zudem nicht meine Aufgabe. Es wäre die Aufgabe der Gewerkschaften, wenn unsere Sozialplanverhandlungen scheitern würden. Aber ich frage Sie: Wann hat es je einen Medienstreik gegeben?

Wann hat die Tamedia derart viel Gewinn erwirtschaftet und gleichzeitig so gnadenlos derart viele Leute entlassen?
Das stimmt schon. Aber Journalisten sind keine Syndikalisten. Jeder hält sich für ein bisschen einzigartig; Journalisten sind ausgeprägte Individualisten. Die Leute sind jetzt natürlich wirklich schockiert. Und vielen geht es nicht gut. Aber das heisst noch nicht, dass man gemeinsam streikt. Die Empörung ist ja da. Und die meisten sind auch mutig genug, sie mitzuteilen. Aber zu einem Streik fehlt womöglich bei den individualisierten Journalisten, ich möchte mich da nicht ausnehmen, ein gewisses Denken, vielleicht auch die Kraft, der Mut. Vergessen Sie nicht: Die Gekündigten haben Angst, dass sie am Ende ganz ohne Abfindung dastehen. Und die anderen drei Viertel, die nicht entlassen wurden, haben auch Angst. Man hat ihnen gerade vorgemacht, was mit ihnen passieren kann.

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