Nr. 26/2009 vom 25.06.2009

Sie gehen vor Gericht?

Interview: Daniel Ryser, Foto: Florian Bachmann

Daniel Suter: «Diesen Prozess kann ich der Tamedia nicht ersparen.»

WOZ: Wo stehen die Sozialplanverhandlungen mit Tamedia?
Daniel Suter: Wir – die Personalkommission und die Gewerkschaften – wurden am Freitag zu einem Gespräch mit Verwaltungsratspräsident Pietro Supino und Tamedia-CEO Martin Kall geladen. Dort konnten wir unsere Position darlegen. Es wurde deutlich, dass nun auch vonseiten der Besitzerfamilie faire Frühpensionierungen gewünscht werden. Da geht was. Die Verhandlungsrunde am Montag war dann zum ersten Mal etwas entspannter. Dort wurden zwei Frühpensionierungsmodelle zumindest skizziert. Wir erwarten jetzt, dass sie durchgerechnet werden.

Diese Frühpensionierungsmodelle waren aber ursprünglich nicht vorgesehen?
Nein. Darum dauert es auch so lange. Wir steigen am Freitag in die vierte Verhandlungsrunde. Dann werden wir wohl auch über die jüngeren Entlassenen reden können, nicht mehr bloss über Frühpensionierungen. Die Arbeitgeberseite hatte geglaubt, drei Runden würden reichen. Dem ist nicht so. Es tut gut zu spüren, dass immer mehr Leute merken und sich daran stören, was beim «Tagi» läuft. Man kann das auf der Website Rettet-den-Tagi.ch gut verfolgen. Interessant ist aber auch das belämmerte Schweigen der Hammel.

Das Schweigen der Hammel?
Ich denke vor allem an die ehemaligen Chefredaktoren. Dass Peter Hartmeier in seine alte Rolle des Konzernsprechers zurückfällt, kann ich verstehen. Aber der grosse Welterklärer Roger de Weck: Was ist von seinen wohlformulierten Essays über den Kapitalismus zu halten, wenn ihm zum real existierenden Kapitalismus in dem Haus, für das er arbeitet, nichts einfällt? Oder Peter Studer, Ex-TA-Chef, Ex-SF-Chef, Ex-Presseratspräsident: Er schweigt: Fällt ihm nichts ein? Geht es hier um Rücksichtnahme jenseits aller ethischen Verpflichtungen? Auch der Presserat, dem ich selber angehöre, hat noch nichts gesagt. Zumindest zur Entlassung der Mitglieder der Personalkommission von TA und «Bund» hätte er sich äussern müssen, das berührt die Berufsethik des Journalismus stark.

Res Strehle, der alte linke Kämpfer, Sozialist, WOZ-Mitgründer und Ko-Chefredaktor des «Tages-Anzeigers», lässt entlassen und schweigt?
Bei den Verhandlungen sitzt er da und schweigt. Leute, die ihn von früher kennen, sagen: «Doch nicht Res! Der ist doch Kommunist!» Aber nennt sich nicht auch die Staatspartei in China, die den Turbokapitalismus eingeführt hat, kommunistisch? Man muss Menschen an ihren Taten messen.

Wie geht es ausserhalb der Verhandlungen weiter?
Ich gehöre ja eher zur Abbruchgruppe. Intern hat sich nun auch eine Aufbaugruppe gebildet: junge oder jung gebliebene Wilde, die nicht entlassen wurden, die die Gunst der Stunde nutzen wollen, um die Neugestaltung des «Tagis» voranzutreiben. Das ist gut und wichtig für die Zeitung. Eine Auseinandersetzung wird noch kommen: Meine Kündigung und die meiner Kollegen aus der Personalkommission waren widerrechtlich. Im Gesetz steht, dass es missbräuchlich ist, Personalvertreter zu entlassen. Tamedia sagt, das gelte bei Massenentlassungen nicht. Das ist Unsinn. Die selektive Entlassung der Peko-Mitglieder aber wird zu einem Verfahren führen, an dem auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund sehr interessiert ist.

Sie gehen vor Gericht?
Diesen Prozess kann ich der Tamedia nicht ersparen.

Aller optimistischen Voraussicht nach werden Sie im Herbst frühpensioniert. Und dann?
Vielleicht finde ich auch einen neuen Beruf. Ich suche als Jurist einen Job, bei dem mir frühmorgens die Zeit bleibt, einen nächsten Roman zu schreiben. Den Journalismus schliesse ich nach über zwanzig Jahren mit dem Kampf um den Sozialplan ab. Da ist keine Steigerung mehr möglich. Wenn ich mir Res Strehle anschaue, denke ich, Chefredaktor ist kein Beruf, den man anstreben sollte. Zumindest nicht beim «Tages-Anzeiger».

Nachtrag von 9. Juni 2011

Gewerkschaftsfeind Tamedia

Zuletzt berichtete die WOZ im August 2010 über den Fall des ehemaligen «Tages-Anzeiger»-Redaktors Daniel Suter, dessen Rausschmiss aus «wirtschaftlichen Gründen» vom Zürcher Arbeitsgericht als missbräuchlich bezeichnet worden war. Im sogenannten Mai-Massaker des Jahres 2009 hatte das Verlagshaus Tamedia rund einem Viertel der RedaktorInnen des «Tages-Anzeigers» gekündigt. Der damals 59-jährige Suter war Präsident der Personalkommission, er befand sich mitten in den Verhandlungen mit der Unternehmensleitung, als ihm selbst die Entlassung eröffnet wurde.

Dass Angestellte mit gewerkschaftlichem Vertretungsauftrag kurzerhand vor die Türe gestellt werden können, widerspricht allerdings internationalem, von der Schweiz anerkanntem Recht, das die ArbeitnehmerInnenvertreter besonders schützt, und Suter klagte gegen Tamedia auch wegen Verstoss gegen das Mit­wirkungsgesetz und das Obligationenrecht.

In einem aufsehenerregenden Entscheid gab ihm das Arbeitsgericht Zürich im Juli 2010 recht. Es verurteilte Tamedia zur Bezahlung einer Entschädigung von 26 000 Franken. Nun hat das Zürcher Obergericht am 24. Mai diesen Entscheid umgestürzt und Suters Klage in zweiter Instanz abgewiesen. Für die Mediengewerkschaft Syndicom, die Suter Rechtshilfe gewährt, ist der neue Gerichtsbeschluss ein «herber Rückschlag». Der Arbeitnehmerschutz in der Schweiz sei unterentwickelt. Daniel Suter zieht den Entscheid mit gewerkschaftlicher Unterstützung vors Bundesgericht weiter.

Stefan Keller

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