Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Ein Volk in Isolationshaft

Die Militärdiktatur sieht in ihnen TerroristInnen. Sie selbst nennen sich RebellInnen ohne Gewalt: Im Osten Burmas stemmen sich die Free Burma Rangers mit Medikamenten und Kameras gegen den Mord am Volk der Karen.

Von Carsten Stormer, Kawthoolei

Erfüllung findet er in seinem Beruf. Nur die Traurigkeit kann er nicht abschütteln, sie ist auf seine Seele tätowiert. Wenn seine GefährtInnen abends am Lagerfeuer sitzen, auf der Gitarre klampfen, Charoots rauchen und burmesische Popsongs singen, setzt sich Eh Ka Lu ab: Singen, tanzen, das ist nichts für ihn. Lieber sucht er seine PatientInnen auf, legt ihnen Infusionen oder ein Kissen unter Rücken. Deckt jene zu, die frieren. Bringt eine Schüssel Reis vorbei oder hält einfach nur die Hände eines Kranken. Das Schlimmste für ihn sei, wenn er Flüchtlingen in die Augen blicke und wisse, dass sie bald sterben würden, an Malaria, an Durchfall, einer entzündeten Wunde; eigentlich Kleinigkeiten. Weil es wegen dieses verdammten Kriegs keine ÄrztInnen und Krankenhäuser gibt. Eh Ka Lu ist ein stiller 29-jähriger Mann vom Stamm der Karen im Khaki des Dschungelkämpfers. Ein Sanitäter der Free Burma Rangers (FBR), auf dem Weg ins Kriegsgebiet im Osten Burmas, und wenn er redet, klingt er schüchtern, fast ein wenig unbeholfen.

Es ist zwei Uhr nachts, die Gruppe von Eh Ka Lu ist rund achtzig Kilometer von der thailändischen Grenze entfernt. Zeit, zu gehen; die Gefährten warten schon, zusammen mit einigen Rebellen der Befreiungsarmee der Karen (KNLA) und ihren veralteten Gewehren – die bewaffnete Eskorte für die Free Burma Rangers. Eh Ka Lu wuchtet den Rucksack auf den Rücken. Drei Monate lang wird er durch das Land ziehen. Die nächsten vier Tage immer Richtung Norden, bis zu 25 Kilometer am Tag auf Schleichwegen durch dichten Dschungel, endlose Bambus- und Pinienwälder, über Gebirgsbäche und über steile Bergkämme, vorbei an Dörfern aus Pfahlhütten, in Hänge und Täler getupft. Eine Zauberwelt, konserviert in der Isolationshaft der Militärdiktatur. Der Tag verdichtet sich auf Laufen, Essen, Schlafen. Anfangs sind sie nur nachts unterwegs – wegen der burmesischen Soldaten. Mehr als hundert neue Basen hat die Armee in zwei Jahren in den Dschungel gehauen, «um die Bevölkerung zu terrorisieren», sagt Eh Ka Lu. Das Land atmet nur noch flach.

Sechzig Jahre Übel

Kawthoolei nennen die Karen ihre Heimat, «Land ohne Übel». Es gibt dort weder Krankenhäuser noch Strassen, Strom, fliessend Wasser oder Schulen. Es ist von der Aussenwelt abgeschnitten, ein Gefängnis mit Bergpanorama, so gross wie die Schweiz: das Operationsgebiet für die etwa 300 jungen Karen der Free Burma Rangers. Seit zwölf Jahren leisten sie friedlich Widerstand gegen die Repressionen aus der Hauptstadt und die Angriffe der Armee. Bewaffnet mit Lebensmitteln, Medikamenten, Arztbesteck, Funkgeräten und Videokameras ziehen 48 Teams der Free Burma Rangers von Dorf zu Dorf, pulen Kugeln aus Gliedmassen und flicken Minenopfer zusammen. Sie ziehen Zähne, verteilen Vitamintabletten, helfen bei Geburten und bringen Flüchtlinge aus der Schusslinie. Das sind Terroristen, schimpfen Burmas Diktatoren – für die Karen sind sie VolksheldInnen.

Als eine der ganz wenigen Organisationen dringen die Free Burma Rangers tief in das Kriegsgebiet im Osten Burmas ein und dokumentieren die Verbrechen der Regierung. Ihre Berichte füllen Woche für Woche viele Seiten im Internet und lesen sich wie die Anklageschrift eines Kriegsverbrechertribunals. Alles Lügen, behaupten die Machthaber in der Hauptstadt und lassen weder Uno noch Hilfsorganisationen in die Region. Ohne die etwa 5000 RebellInnen wäre das Volk der Karen der burmesischen Armee schutzlos ausgeliefert.

Es stirbt sich leicht hier. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mordet das Militärregime im Hinterhof Burmas aufmüpfige Minderheiten. Nach der Unabhängigkeit von den Briten im Jahre 1948 gestand die damalige Regierung den Minderheiten zu, in frühestens zehn Jahren die Föderation zu verlassen. Ein Versprechen, das schnell vergessen war. Die Völker der Katschin, Arakan, Tschin, Mon, Schan, Wa sind inzwischen einen Waffenstillstand eingegangen, ausgeblutet in Jahrzehnten des Krieges. Nur das Volk der Karen will sich nicht den Diktatoren unterwerfen.

Der seit sechzig Jahre währende Völkermord und die ethnischen Konflikte haben bis heute rund 600 000 Tote gefordert. Hunderttausende flohen in die Flüchtlingslager nach Thailand, in tagelangen Fussmärschen über Berge und Minenfelder. Täglich kommen neue hinzu. Eine halbe Million Menschen der etwa sieben Millionen überwiegend christlichen Karen leben als Flüchtlinge im eigenen Land, versteckt im Dschungel, in wackeligen Unterkünften aus Bambus und Bananenblättern, wo viele Menschen an Malaria, Hunger oder Erschöpfung sterben und jedes fünfte Kind den fünften Geburtstag nicht erlebt.

Während des langen Marsches erzählt Eh Ka Lu seine Geschichte. Drei Jahre ist es her: Er wollte mit seinem Cousin jagen gehen. Er fand ihn auf der Lichtung, auf der sie verabredet waren. Ermordet, und in seinem Mund steckte ein Zettel. Eine Warnung der Armee an die Überlebenden: Legt euch nicht mit der burmesischen Regierung an. Manchmal denkt er, es wäre doch besser, einfach ein Gewehr zu nehmen, im Dickicht auf die burmesischen Soldaten zu warten und abzudrücken. Doch statt den Cousin zu rächen, beschloss Eh Ka Lu, Sanitäter zu werden. «Meine Aufgabe, ist es, meinem Volk zu helfen», sagt er. Ein paar Wochen später schloss er sich den Free Burma Rangers an.

Nur Freiheit und Frieden

«Liebe deine Nation», bedeutet Eh Ka Lu in der Sprache der Karen. Seine Kameraden heissen: Lachendes Wasser, Goldener Fels, Glänzendes Silber – je verzweifelter die Situation, desto schöner die Namen. Sie alle wuchsen im Krieg auf oder in Flüchtlingslagern. Ihr Lachen haben die Karen trotzdem nicht verloren. Ständig nehmen sich die Rangers gegenseitig auf den Arm, kichern oder singen Volkslieder. «Eh Ka Lu, jetzt hör endlich auf mit diesen Geschichten», rufen sie ihm zu. Doch der erzählt von der Kampagne der Regierung, die Terror gegen die Zivilbevölkerung befiehlt, damit die Leute nicht den Widerstand der Karen mit Lebensmitteln, Geld, Informationen und neuen RekrutInnen unterstützen. Eh Ka Lus Augen wandern hin und her, und wenn er spricht, wird seine Stimme immer leiser. «Jeder Zivilist darf ohne Warnung erschossen, gefoltert, vergewaltigt werden.»

Dabei «fordern wir ja nichts Besonderes», sagt er. Demokratie, freie Wahlen, dass die Verbrecher in der Hauptstadt Naypyidaw, die die Wahlen gestohlen haben, verschwinden. Keine Unabhängigkeit. Diese Forderung haben die Karen längst verworfen. «Nur Freiheit und Frieden.» In einem föderalen Staat mit gleichen Rechten für die Minderheiten.

Aufklärungsmissionen

«Pst», macht der Anführer der KNLA und legt den Zeigefinger an die Lippen. «Nicht vom Pfad abweichen», flüstert er, «Minen!» Dann schiebt er einige Äste mit dem Lauf seines Gewehres beiseite. Langsam schälen sich die Konturen eines Lagers aus dem Dickicht. Auf dem gegenüberliegenden Hügel, 500 Meter Luftlinie entfernt, liegt Maw Pu, das Divisionshauptquartier der burmesischen Armee in der Gegend; Bambushütten, Bunker, Minengürtel. Fünf Bataillone, bis zu tausend Soldaten seien dort stationiert, sagt der Rebell. Jetzt beginnt die Arbeit der Rangers, sie holen Stative und Teleskope aus den Rucksäcken, schrauben Digitalkameras darauf. «Damit wir Beweise haben, falls es dort unten zu Menschenrechtsverletzungen kommt», sagt ein Ranger mit dem zerbeulten Gesicht eines Preisboxers, er nennt sich Mad Dog. Seine Kiefer zermahlen Betelnüsse.

Stundenlang beobachten und filmen sie. Aber heute bleibt es ruhig. Erst vor ein paar Tagen hat die KNLA von dieser Position aus das Lager beschossen, «seitdem trauen sie sich nicht mehr heraus», sagt Mad Dog. Unter einem Baum dösen sechs burmesische Soldaten, und einige Zwangsarbeiter schleppen Wassergefässe und Brennholz die Hänge hoch. «Aufklärungsmissionen» nennen die Rangers solche Beobachtungsaktionen. Sie sind gefährlich, aber wichtig – um die Bewegungen des Feindes zu kennen, «so sind wir ihnen immer einen Schritt voraus», sagt Mad Dog. Wenn er grinst, zeigt er seine schwarzen Zahnstummel. Drei Stunden später packen die Rangers wieder ein.

Am nächsten Morgen erreicht die Karawane ihr Etappenziel, das Dorf Ler Mu Plaw am Fluss Yunzalin. Es hat sich herumgesprochen, dass die Rangers kommen. Von überall strömen Menschen herbei, Hunderte kommen aus den Bergen; Mütter mit unterernährten Kindern, Schwangere, Flüchtlinge, RebellInnen, einbeinige Minenopfer auf Krücken. Sie berichten von Kindern, die man vor den Augen ihrer Eltern zum Übungsschiessen an Bäume hängt. Von Massenvergewaltigungen und Greisen, zu schwach für die Flucht, die in ihren Hütten verbrennen. Von DorfbewohnerInnen, die man als menschliche Schutzschilde durch Minenfelder treibt, und von Männern, die in Armeecamps als Zwangsarbeiter schuften müssen. Der Ausnahmezustand ist hier Alltag. Die Felder können oft weder geerntet noch bestellt werden, oder die Ernte wird niedergebrannt. Alles dreht sich um das Sammeln von Neuigkeiten und Gerüchten. Sind die Soldaten wieder abgezogen? Gab es neue Kämpfe oder Vertreibungen? Fragen, die den Tag bestimmen. Weil die Zukunft nicht weiter entfernt ist als der nächste Morgen.

Versorgung im Akkord

Eh Ka Lu breitet eine Bastmatte am Boden aus, holt Desinfektionsmittel, Pillen und Spritzen aus seinem Rucksack. Im Akkord zieht er Zähne, schabt eitrige Wunden aus, öffnet Abszesse, klopft Bäuche ab, setzt Spritzen, betäubt fauliges Fleisch. Andere verteilen Decken und Moskitonetze, Fertignudeln und Schokoriegel, bauen Plumpsklos oder stellen Solarzellen auf, richten tragbare Satellitenschüsseln in den Himmel und tippen auf Laptops; modernes Gerät, um Unrecht zeitnah ins Internet zu stellen. So geht das bis spät in die Nacht.

Wer ein Ranger werden will, sollte lesen und schreiben können. In einem Ausbildungslager in Burma erhalten Rekruten einen zweimonatigen Crashkurs, lernen, wie man eine Infusion legt, einen Blinddarm herausschneidet oder Beine amputiert. Karten lesen, ein GPS-Gerät benutzen und Minen entschärfen gehören ebenso zum Programm wie Interviewtechniken, Berichte schreiben und Schwimmunterricht. Es ist wie Vokabeln pauken; jeden Tag, bis die Neuen die Sprache des Krieges verstanden haben. Wer danach noch mitmachen möchte, verpflichtet sich für zwei bis vier Jahre; freiwillig und ohne Bezahlung. Das Wichtigste jedoch: Keiner rennt davon, sollte die burmesische Armee ein Dorf angreifen. «Wir lassen die Menschen nicht im Stich. Sie riskieren viel, wenn sie uns helfen.»

Fünf Ranger starben in den letzten Jahren. Einen nahmen Soldaten gefangen und folterten ihn zu Tode. Ein anderer trat auf eine Mine, der Dritte ertrank im Fluss Salween, zwei weitere erlagen Krankheiten. Hat er Angst? «Manchmal schon.» Hoffnung? «Eher nicht», sagt Eh Ka Lu, die sei ihm irgendwo im Dschungel verloren gegangen. Acht Monate im Jahr verbringt er in Burma, den Rest des Jahres in einem Flüchtlingslager in Thailand; Kraft tanken.

Eh Ka Lu ist stolz, ein Ranger zu sein, dadurch habe sein Leben einen Sinn erhalten. Ein paar Hundert gegen eine Militärdiktatur – bei diesem Gedanken huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Die Situation ändern werde seine Arbeit nicht. «Für die Leute, die ich behandle, macht es trotzdem einen Unterschied. Sie leben weiter – und nur das zählt.» Mehr als 700 000 Menschen haben die Rangers in den vergangenen zwölf Jahren behandelt. Irgendwann, wenn der Krieg nur noch ein böser Traum ist, möchte Eh Ka Lu Medizin studieren. «Aber dann bin ich vielleicht schon zu alt», sagt er und döst ein.

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