Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Ein populäres Unheil

Die Schweinegrippe ist harmlos. Trotzdem kursieren weiter Schreckensmeldungen. Das hat mit der Lust an Katastrophen und mit wirtschaftlichen Interessen mehr zu tun als mit medizinischen Gründen.

Von Roland Fischer

Irgendwie ist es ja auch ein wenig enttäuschend. Die grosse Pandemie hat also gar nichts Erschreckendes mehr. «Une grippette» sei sie bloss, befand der Pariser Medizinprofessor und Politiker Bernard Debré unlängst. Eine Pseudokrise. Mit seiner Kritik an den Behörden, die vorschnell «herumgestikuliert» hätten, steht der französische Arzt allerdings ziemlich allein. Kaum ein Wissenschaftler, kaum eine Wissenschaftlerin mag mithelfen beim Beschwichtigen – stattdessen wird nach wie vor bei jeder Gelegenheit die Alarmglocke «Mutation» geläutet: Man könne nie wissen, wie sich der Erreger noch weiterentwickle, er könne sich jederzeit noch in ein «Killervirus» verwandeln.

Das ist Unsinn. Das Virus hat sich glücklicherweise als relativ harmlos herausgestellt, und es gibt – zumindest aus wissenschaftlicher Sicht – keinen Grund, anzunehmen, dass sich daran in nächster Zeit etwas ändern könnte.

Wenn wir trotzdem am Grippe-GAU festhalten, so hat das mit unserer Lust an der Katastrophe zu tun. Schon die Wirtschaftskrise hat diesen Reflex gekitzelt: Wenn uns der Lauf der Welt zu zäh und langweilig wird, dann sehnen wir uns nach dem grossen Knall, nach dem Erdbeben, mit dem Festgefügtes aus eben diesen Fugen gebracht wird. Doch es geht dabei nicht allein um den Nervenkitzel; das Sehnen nach der Katastrophe hat auch eine utopische Seite: Ein Ausnahmezustand stellt die Normalität infrage, macht für einen Moment auch das andere denkbar. Zudem macht dieser Zustand uns alle zu Verbündeten, es gibt plötzlich wieder ein «Wir» – gegen ein Unheil, einen äusseren Feind, gegen den es zusammenzustehen gilt. Aus Vereinzelten kittet das Chaos wieder eine Gemeinschaft.

Die Wissenschaft müsste ja eigentlich gefeit sein vor solchen Emotionalitäten, ForscherInnen sollten sich bekanntlich nur von Fakten leiten lassen. Dass auch sie lieber noch ein wenig auf der Schreckenswelle weitersurfen, liegt wohl bis zu einem gewissen Grad an ihrem Konformismus. Man exponiert sich als Experte und als Expertin weniger, wenn man das Vorwarnsystem noch ein wenig am Laufen hält, als wenn man einen Abbruch der Katastrophenübung fordert. Für die VirologInnen ist eine nicht ganz alltägliche Grippe zudem durchaus ein Segen: Ihr Forschungsgebiet ist plötzlich im Fokus der Medien, die grosse Präsenz der ExpertInnen und der unstillbare Hunger der Bevölkerung nach Expertisen schadet bestimmt nicht, wenn der nächste Antrag für einen Forschungskredit nötig wird.

Es gibt noch einen weiteren Grund, warum wir nicht längst wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Ein Schreckensszenario ist nämlich durchaus real, allerdings ist es nicht in erster Linie ein medizinisches, sondern ein ökonomisches. Nimmt man die Situation in Chile oder Neuseeland in den vergangenen Wochen zum Massstab, dann werden voraussichtlich etwa fünfmal mehr Menschen an der Schweinegrippe erkranken als üblicherweise an einer saisonalen Grippe. Das ist zwar nicht dramatisch, und es wird das öffentliche Leben nicht zum Erliegen bringen. Auch die Spitäler werden mit den vielen PatientInnen, die es ernster erwischt, voraussichtlich gut fertig werden. Aber wenn viele Menschen gleichzeitig krank sind, herrscht tatsächlich ein gehöriges Chaos, nicht zuletzt in der Wirtschaft. Und so ein Chaos kostet natürlich.

Wer ein anfälliges Immunsystem hat, dürfte die Grippe früher oder später bekommen. Früher – oder eben später! Wenn es gelingt, die Spitze der Epidemie zu brechen, wenn sich die Krankheitsfälle über einen weiteren Zeitraum verteilen, dann wird uns die Grippewelle (im Unterschied zum grossen Medienspektakel, das ihr vorausgeht) womöglich gar nicht besonders auffallen. Und die Wirtschaft wird ein paar Krankheitstage mehr als üblich wohl verkraften, wenn sie nicht alle gleichzeitig stattfinden. Dass die Behörden auf die Einhaltung von Hygienemassnahmen pochen, ist deshalb durchaus richtig, auch wenn die Chancen gering sind, dass man sich damit das Virus auf Dauer vom Leib halten kann. Der Impfstoff indessen wird wohl zu spät kommen – aber auch eine Impfung bietet ja keinen hundertprozentigen Schutz.

Übrigens, apropos Impfen und Ökonomie: Es gibt Studien, die der Grippeimpfung alles in allem eine ziemlich bescheidene Wirksamkeit attestieren. Und es gibt Studien, die aufzeigen, dass regelmässiges Händewaschen die mit Abstand zuverlässigste Schutzmassnahme ist. Händewaschen ist zwar nicht innovativ, und ausser der Seifenindustrie verdient auch niemand daran. Aber es ist eine Anti-Grippe-Massnahme, die auch in ärmeren Ländern breit zur Anwendung kommen kann. Denn bei allen Fragezeichen im Zusammenhang mit der Schweinegrippe, eines ist jetzt schon klar: Für die Dritte Welt hätte es von dem in aller Eile produzierten Impfstoff, sollte er bei uns auch von Nutzen sein, ohnehin nicht genug.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch