Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

Reich durch die Nadel

Wie man mit einer Ware, die eigentlich niemand will, fette Gewinne macht. Und wie man eine grosse Aufregung geschickt nutzen kann: Die Pharmaindustrie weiss, wie man mit Krisen konstruktiv umgeht.

Von Roland Fischer

Ende Oktober hat Novartis ein neues Rekordergebnis präsentiert. Man habe «vom Wachstum neuer Produkte profitiert», sagte Novartis-Chef Daniel Vasella. Neue Produkte? Da wären im Moment vor allem adjuvierte (in der Wirkung verstärkte) Impfstoffe zu nennen. Es handelt sich dabei um «gedopte» Impfungen – durch Zusatzstoffe erreicht man auch mit weniger Serum eine gute Impfantwort des Körpers. Pharmafirmen finden das fabelhaft, denn die Herstellung der Impfseren ist teuer. Mit Adjuvanzien (vgl. Kasten «Wirkverstärker» weiter unten) lassen sie sich strecken, im besten Fall bekommt man so ein Vielfaches der Ausbeute. Beide in der Schweiz zugelassenen Impfstoffe (Pandemrix von GlaxoSmithKline und Focetria von Novartis) werden mit solchen Stoffen versetzt.

Doch es gibt in Sachen Adjuvanzien und Verträglichkeit noch einige offene Fragen – die Behörden waren da bislang eher zurückhaltend (in den USA etwa ist kein einziger adjuvierter H1N1-Impfstoff auf dem Markt). Das schöne Geschäft kam also bislang nicht so recht ins Laufen. Die Londoner Beratungs- und Marketingfirma Datamonitor vermeldete unlängst, dass «die konservative [sprich: ablehnende] Haltung der US-Zulassungsbehörde gegenüber neuen Adjuvanzien wahrscheinlich anhalten wird und eine relevante Hürde für die Entwickler bedeutet». Mit anderen Worten: Das Geschäft ist bis auf Weiteres im Eimer. Datamonitor präsentierte aber gleich einen Schlachtplan: «Die beste Strategie, die Chancen für eine Zulassung eines neuen Adjuvans zu verbessern, ist, auf Indikationen mit hohem, aber bislang unbefriedigten Bedarf zu zielen, für die keine anderen Impfstoffe zur Verfügung stehen.» Hoher, aber bislang unbefriedigter Bedarf? Man kann es auch einfacher sagen: Schweinegrippe. Es wird also empfohlen, gezielt Notsituationen zu nutzen, um ein umstrittenes Produkt durch die Zulassung zu drücken.

Risiko ohne Not

Vor allem in Deutschland mehren sich nun kritische Stimmen, die nicht einsehen, weshalb man mit einem im Schnellverfahren geprüften Impfstoff gegen eine an sich ungefährliche Krankheit angehen will. «Normalerweise vergeht bis zur Zulassung eines Impfstoffes viel mehr Zeit», sagt Christiane Fischer, Ärztin und Spezialistin für Korruption im Gesundheitswesen. «Was wir jetzt haben, ist ein Schnellschuss. Und damit nimmt man ohne Not das Risiko in Kauf, dass die Impfung mehr Schaden anrichtet, als sie Nutzen bringt.»

Spulen wir nochmals ein paar Monate zurück: Ende April wusste man von der Schweinegrippe nicht viel mehr, als dass sie sich – ausgehend von Mexiko – rasch ausbreitet und dass ihr viele Menschen zum Opfer fallen. So plötzlich sie kam, die Gesundheitsbehörden überrumpelte die Nachricht kaum: In den meisten Ländern hat man im Zuge der Vogelgrippe 2005/06 Pandemiepläne erstellt, um auf eine fatale Grippewelle vorbereitet zu sein, so auch in der Schweiz. Dass man im Frühjahr diesen Plänen folgend Millionenverträge mit Impfstoffherstellern aufgleiste, war deshalb nur logisch – und in Anbetracht der Lage auch korrekt.

Im Juni dann rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die höchste Pandemiestufe aus: Die Welt war gewissermassen offiziell im Ausnahmezustand. Deshalb konnten dann auch die Zulassungsbehörden im Schnellverfahren über die Impfstoffe entscheiden. So weit, so gut – auch Christiane Fischer findet «ein verkürztes Zulassungsverfahren durchaus okay, wenn die Situation wirklich gefährlich ist».

Bloss: Inzwischen hatte sich längst gezeigt, dass das Virus keineswegs so tödlich ist wie anfangs befürchtet. Es breitet sich zwar viel rascher aus als die übliche saisonale Grippe, es erkranken auch viel mehr Menschen, doch fordert das Virus offenbar eher weniger Tote.

«Pandemie» klingt eigentlich nach ernster Bedrohung. So sah das auch die WHO – in der Pandemiedefinition der Organisation war ursprünglich explizit die Rede von einer «enormen Anzahl Toten». Im Mai wurde die Definition umgeschrieben – und diese Bedingung fallen gelassen: Nun hatte auch ein kaum tödliches Virus plötzlich Pandemiepotenzial. Die Änderung fand damals kaum Beachtung – dabei ging es um viel mehr als um Begriffsklauberei unter Gesundheitsfunktionären. «Indem man die Pandemiedefinition geändert hat, konnte man auch eine Krankheit, die eigentlich nicht gefährlich ist, zu einem Geschäft machen», sagt dazu Christiane Fischer.

Tatsächlich hatte die Ausrufung der höchsten Pandemiestufe weltweit weitreichende Konsequenzen. Ob in den einzelnen Ländern die Pandemiepläne in Kraft gesetzt wurden, hing im Wesentlichen davon ab, wie die WHO die Situation einschätzte. Daniel Koch, Leiter der Schweinegrippe-Taskforce beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), sagt: «Sicher war es eine wichtige Botschaft, dass die Stufe 6 durch die WHO ausgerufen wurde.» Nun wird die Maschine endgültig angeworfen, man sucht unverzüglich mit den Impfstoffherstellern handelseinig zu werden – ein Geschäft über fast 100 Millionen Franken wird im Eilverfahren erledigt. Tatsächlich brauchen wird man nun womöglich nur einen Bruchteil der bestellten Impfstoffe.

Der Pharmaindustrie kann das egal sein, denn sie hat die stärkere Verhandlungsposition im Frühjahr eiskalt ausgenutzt: Wer orderte, musste Abnahme und volle Bezahlung garantieren. «Die Verträge sind fix, wir konnten den Umfang der Bestellung später nicht mehr verändern», sagt Daniel Koch. Einzig die Länder, in denen die Impfstofffabriken stehen (in Deutschland beispielsweise), hätten beim Vertragspoker eine stärkere Position gehabt.

In dem Moment, als die WHO das Virus als brandgefährlich eingestuft hatte, wurde für die Pharmaindustrie also aus einem fragilen Geschäftsfeld ein Business mit garantiertem Gewinn. Impfstoffe gegen die saisonale Grippe sind in der Regel Verlustgeschäfte, da sich nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung impfen lässt und die Behörden dementsprechend ordern. Für die Industrie ein dankbares Argument: Erst durch Abnahmegarantien rechne sich der Aufwand, einen komplett neuen Impfstoff zu produzieren. Bestünde das Risiko, dass man auf der Produktion sitzen bleibt, würde sich niemand an die Entwicklung machen.

War das der WHO bewusst? Betrieb die Gesundheitsorganisation mit der Neubeurteilung des Pandemiebegriffs eine Art private Forschungsförderung mit öffentlichen Geldern? Verschiedene Kritiker werfen der WHO tatsächlich eine zu grosse Nähe zur Industrie vor. Das Influenzaberatungsgremium der WHO sei durchsetzt von Experten, die im Sold der Industrie stünden.

Auch das BAG wird von Experten beraten. Daniel Koch: «Der Vorwurf der Befangenheit kommt immer, wenn es um Impfstoffe geht. Er ist an sich verständlich, aber unbegründet. Experten sind immer Spezialisten, die entsprechend auch Kontakte zur Industrie pflegen. Diese Verbindungen müssen offengelegt werden – sie bedeuten aber keinesfalls, dass die Experten von der Industrie abhängig sind.»

Bis zu 18 Milliarden US-Dollar

Wie auch immer man die Rolle der ExpertInnen einschätzt – für die Pharmabranche ist die Rechnung auf jeden Fall aufgegangen. Neueste Schätzungen von Sarasin-Analysten sprechen von einem totalen Impfauftragsvolumen von sieben Milliarden US-Dollar, welches auf achtzehn Milliarden anwachsen könnte, wenn die Grippe ernster wütet. Nicht nur Novartis beschert das Rekorde: Bei Sanofi-Aventis dürften die Gewinne, Schweinegrippe sei Dank, dieses Jahr um über zehn Prozent steigen.

Da wird also viel Geld verdient mit einer Ware, die womöglich gar nicht gebraucht wird, schliesslich ist die Impfskepsis bei der Bevölkerung gross. Damit die überzähligen Impfdosen nicht einfach auf dem Müll landen, kam unlängst der Vorschlag auf den Tisch, sie kostenlos Entwicklungsländern zur Verfügung zu stellen. Diese gehen im Impfstoffpoker ohnehin meist leer aus. Doch die schöne Idee verfängt nicht, da sind sich Ärzte, die die Situation in ärmeren Ländern kennen, einig. «Es ist Unsinn, die überzähligen Impfdosen in die Dritte Welt zu schicken. Die Menschen dort haben ganz andere Probleme – Malaria, Aids, Tuberkulose und so weiter», sagt Christiane Fischer, die für eine NGO zu Medizin in der Dritten Welt arbeitet. Sehr gut möglich, dass in den Süden gelieferte Impfseren erstmal in einer Lagerhalle stehen bleiben und, da sie nicht mehr gekühlt werden, innert Kürze verderben.

Sinnvoller wäre es wohl, die überzähligen Dosen beispielsweise nach Amerika weiterzuverkaufen, wo zurzeit ein grosser Mangel an Impfstoff besteht. Doch absurderweise ist das nicht so einfach: Obwohl wir schon bezahlt haben, gehört uns die Ware nicht uneingeschränkt. Die Industrie hat sich tatsächlich auch hier ein Mitspracherecht gesichert. Ob die Schweizer Behörden «ihren» Impfstoff tatsächlich weiterverkaufen dürfen, wird derzeit noch verhandelt.

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