Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Unterkühltes Cockpit

Mit schnarrender Stimme hat Oswald Grübel die neusten Quartalsergebnisse der Bank bekannt gegeben.

Von Kaspar Surber

Der Konferenzsaal in der Zürcher Börse ist halbrund. Projektoren werfen das UBS-Logo an die Wand. Mit den Fernsehkameras, Fotoapparaten und Notebooks der Journalistinnen und Analysten aus halb Europa wirkt der Konferenzsaal wie das Cockpit eines Raumschiffes. Es ist ein arg unterkühltes Cockpit, was nicht nur daran liegt, dass die Lüftung kalt um die Füsse bläst. Es liegt auch am Mann mit der schnarrenden Stimme am Rednerpult. Oswald Grübel ist an diesem Dienstagmorgen gekommen, um die neusten Quartalsergebnisse der UBS zu präsentieren.

Grübel ist einerseits unzufrieden: Die Grossbank hat einen Verlust von 1,4 Milliarden Franken erzielt. Der Abfluss von Kundengeldern konnte im Inland zwar gestoppt werden, schnellte im Ausland aber auf vierzig Milliarden hoch. Grübel sieht anderseits auch positive Anzeichen: Hätte die UBS nicht Sonderkosten von 2,3 Milliarden Franken zahlen müssen, so würde ein operativer Gewinn resultieren. Hätte sie nicht – musste sie aber. Das Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme konnte die UBS ausserdem auf 3,5 Prozent steigern. Konnte sie ausserdem – musste sie gemäss Finanzmarktaufsicht sowieso. Die Nationalbank fordert gar fünf Prozent.

Boni für Talente

Zwischendurch macht Grübel Witze. Grübel-Witze sind meist etwas zynisch und selbstgefällig, sie gehen zum Beispiel so: «Hätte man die UBS von einem Quartal zum nächsten in den Gewinn führen können, würde es mich nicht brauchen.» Einige JournalistInnen lachen, aber die meisten lachen nicht.

Am Telefon werden weitere AnalystInnen zugeschaltet. Eine halbe Stunde lang dringen ihre Detailfragen über Lautsprecher in den Saal. Es hört sich gespenstisch an, und man fragt sich: Ist die UBS überhaupt noch eine Bank? Oder ist sie nur noch eine halbe Bank? Liegt die andere, die noch schlechtere Hälfte, in der Zweckgesellschaft beim Bund? Oder ist die UBS am Ende nur noch dieses unterkühlte Cockpit, an dem die ganze Wirtschaft hängt?

Immerhin, über 70 000 MitarbeiterInnen beschäftigt die UBS noch. Aber es werden weniger: Schon früher hat die Bank angekündigt, 8000 Stellen zu streichen. «Wir sind auf bestem Weg dazu», sagt Grübel jetzt. Bis Ende Jahr sollen in der Schweiz 2300 Angestellte entlassen werden. Gleichzeitig hat man für «Talente» wieder Lohnerhöhungen und Boni eingeplant.

Auf in die Dritte Welt!

Zum Schluss macht Grübel zwei aufschlussreiche Bemerkungen: «Man kann wohl nicht bestreiten, dass sich unversteuerte Vermögenswerte in der Schweiz befinden. Diese Werte werden weiter abgezogen. Welche Höhe sie hatten und was das für das Private Banking bedeutet, wird sich erst weisen.» Man muss diese Worte schon zweimal hören: Grübel, gefeierter Paradeplatz-Intimus, scheint eben zu bemerken, dass der Schweizer Finanzplatz auf Steuerhinterziehung baut. Und man muss sich, wenn sich der Nebel über UBS-Rettung und UBS-Prozess verzieht, die Frage stellen: Welche Rolle wird dem Schweizer Finanzplatz künftig zugedacht? Grübel fügt an: «Wir sehen Potenzial in den Entwicklungsländern.»

Die nächste aufschlussreiche Feststellung: «Ich rechne damit, dass der positive Trend an den Aktienbörsen nicht anhält und wir in zwei, drei Monaten Korrekturen erleben.» Grübel sagt das im eigenen Interesse: Die UBS ist im Ausland keine wichtige Kreditgeberin, würde also von Firmenpleiten gegenüber der Konkurrenz profitieren. Was der Satz für die Firmen und die Angestellten bedeutet, kann man sich hingegen schwarz ausmalen. Aber ihre Situation ist im Cockpit kein Thema. Hier werden die neusten Zahlen und Einschätzungen nach aussen gesendet. Die UBS-Aktie sackt ab.

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