Nr. 33/2009 vom 13.08.2009

Love, Peace und Intrigen

Eigentlich wollten sie nur ein kleines Open-Air veranstalten. Dann kamen Hunderttausende. Joel Rosenman, einer der vier Festivalorganisatoren erzählt, wie es dazu kam – und was daraus wurde.

Interview: Frank Heer, New York

WOZ: Herr Rosenman, als Gymnasiast organisierte ich vor etwa 25 Jahren ein Woodstock-Revival-Festival an unserer Schule. Wir hängten Woodstock-Plakate auf, zogen Hippieklamotten an und liessen ein paar lokale Bands auftreten, die lange Haare hatten.

Joel Rosenman: Wunderbar!

Nun sind Sie aber einer der vier Organisatoren des echten Woodstock-Festivals, das vor vierzig Jahren bei White Lake stattfand, und besitzen die Rechte am Woodstock-Logo wie auch am Ortsnamen Woodstock selbst. Rein theoretisch hätten Sie mich damals verklagen können!

Ich schlage daher vor, dass Sie mir heute noch einen Scheck im Wert von, sagen wir, sechs Franken schicken. Dann sehe ich von einer Klage ab.

Das klingt nach einem fairen Deal.

Moment, wir haben die Zinsen vergessen! Wie viele Jahre, haben Sie gesagt, sind seit diesem Schulfest vergangen?

Ich glaube, ich muss zuerst mit meinem Anwalt sprechen! Doch im Ernst: Wie kann man den Namen einer Ortschaft rechtlich schützen?

Darüber müssen Sie mit einem Rechtsexperten philosophieren. Ich kann Ihnen nur sagen, weshalb wir das tun mussten. Ein Beispiel: Wenn das Wort «Woodstock» von anderen Organisationen im Zusammenhang mit einem Live-Event verwendet und damit vorgetäuscht wird, der Anlass hätte etwas mit unserem Festival zu tun, können wir einschreiten. Wir schützen damit nicht nur unsere Idee vor der Kommerzialisierung, sondern auch die Konsumenten.

In Ihrem Buch «Making Woodstock» beschreiben Sie, wie ein Reporter während des Festivals von Ihnen das «Woodstock-Phänomen» erklärt haben wollte.

Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte.

Wissen Sie es heute, vierzig Jahre später?

Es dauerte tatsächlich eine Weile, bis ich begriff, dass unser Konzert historische Ausmasse erreichte und in die Geschichtsbücher eingehen würde. Während des Festivals hatte ich keine Zeit, mir darüber Gedanken zu machen, und unmittelbar danach waren wir jahrelang damit beschäftigt, die unzähligen Probleme zu lösen, die das Festival verursacht hatte.

Sie und Ihr Partner John Roberts hatten sich mit 1,5 Millionen Dollar verschuldet. Das Festival war ein finanzielles Fiasko.

Ja, und es dauerte elf lange Jahre, bis wir finanziell wieder über Wasser waren. Zudem wurden wir von Klagen überschüttet: Von Bauern, deren Land und Eigentum beschädigt worden war, von Menschen, die für ihr Ticket bezahlt und es wegen des Verkehrschaos nicht bis aufs Gelände geschafft hatten, von unseren Geschäftspartnern Michael Lang und Artie Kornfeld ... In den ersten Jahren nach Woodstock ging es in erster Linie darum, zu überleben.

Sie demontieren in Ihrem Buch auch lustvoll den Mythos Woodstock und beschreiben – wenn auch sehr humorvoll –, dass es hinter den Kulissen nicht nur um Love and Peace ging, sondern auch um Intrigen, Geld und Machtkämpfe. Wird Woodstock im Nachhinein verklärt?

Das kommt auf die Perspektive an. Hirnforscher haben ja längst herausgefunden, dass Erinnerungen lediglich ein Zusammenfügen subjektiver Eindrücke sind, die sich über die Jahre verändern. Deshalb unterscheidet sich die Erinnerung ja auch immer von dem, was wirklich geschah.

Und welche Ihrer Erinnerungen an Woodstock überwiegen?

Eindeutig die positiven. Vielleicht kennen Sie das: Sie schmeissen eine Party in Ihrer Wohnung, aber es kommen viel zu viele Leute. Zu wenig Bier, zu wenig Food, zu wenig Platz – Sie haben alle Hände voll damit zu tun, dafür zu sorgen, dass die Party nicht in einen Albtraum ausartet. Und gleichzeitig sehen Sie, dass die Leute eine grossartige Zeit haben. Das generiert ein Gefühl von Glück und Überforderung.

Hatten Sie während des Festivals überhaupt Zeit, ab und zu den Bands zuzuhören?

Nein. Wir waren durchgehend damit beschäftigt, Telefonanrufe entgegenzunehmen, das Schlimmste zu verhindern, Helikopterflüge für die Musiker oder die medizinische Versorgung zu organisieren, den nicht abreissenden Strom von Besuchern zu stoppen, wütende Bauern zu beruhigen, logistische Entscheidungen zu treffen, Geld für sture Manager aufzutreiben, die drohten, ihre Bands zurückzupfeifen. Ein einziges Krisenmanagement.

Einige Bands wollten ihren Auftritt kurzfristig absagen?

Ja, ich erinnere mich noch genau an den Samstagabend kurz vor Mitternacht. Wir mussten einen unserer Bankvertreter per Helikopter mit einer Tüte voller Bargeld einfliegen, da sich die Manager von Grateful Dead und The Who plötzlich weigerten, wie abgemacht Schecks anzunehmen. Ich kämpfte mich also mit einem Rucksack voller Cash zur Bühne vor, während gleichzeitig Janis Joplin spielte. Es hatte aufgehört zu regnen, das Publikum war glücklich, und langsam bekam ich das Gefühl, dass vielleicht doch noch alles glimpflich enden könnte. Doch das waren rare Momente.

Sie erhielten für das Konzert eine Bewilligung für 50 000 Besucher. Es kamen 400 000 ...

Insgeheim hofften wir auf 150 000 bis 200 000 Menschen. Darauf wären wir vorbereitet gewesen. Doch dann kam fast eine halbe Million, und unsere Infrastruktur begann zu kollabieren. Spätestens am Samstagmorgen funktionierte alles nur noch bedingt. Leute konnten das Gelände weder verlassen noch betreten, vor den Toiletten musste man stundenlang warten, die Verpflegung wurde knapp. Die katastrophalen Zustände, die Menschenmassen, die verschiedensten Drogen und der strömende Regen lieferten jedes erdenkliche Szenario für ein Chaos oder massive Unruhen. Es sprach alles dafür, dass die Situation im Publikum jeden Moment eskalieren würde.

Was nicht passierte. Wie erklären Sie sich das?

Die Besucher übernahmen instinktiv die soziale Kontrolle über das Festival. Es brauchte keine Autorität, die für Ruhe und Ordnung sorgte. Man half sich gegenseitig, während wir versuchten, die Massen bei Laune zu halten, indem wir die Bands anwiesen, durchgehend zu spielen. Zumindest über den Zeitraum von vier Tagen lebten 400 000 Menschen ein utopisches Gesellschaftsmodell von Toleranz und Nächstenliebe, während die US-amerikanische Gesellschaft drauf und dran war, in sich zusammenzufallen. Ich behaupte, dass unsere Generation an diesem Wochenende bewies, dass wir in der Lage waren, Verantwortung für diesen Planeten zu übernehmen. Es war eine Botschaft an die Welt.

Dabei war die Botschaft so ja nie geplant: Sie und Ihr Geschäftspartner John Roberts waren lediglich auf der Suche nach einer guten Geldanlage.

John und ich waren dabei, ein Aufnahmestudio in Manhattan zu bauen. Ein Riesenprojekt. Unsere zukünftigen Festivalpartner Michael Lang und Artie Kornfeld kannten wir damals noch nicht, doch sie hatten denselben Anwalt wie wir und suchten Geld, um ein eigenes Studio in Woodstock zu bauen. Sie glaubten, dass das eine gute Idee war, weil damals einige berühmte Musiker wie Bob Dylan in Woodstock lebten. Mike und Artie wussten, dass John Roberts Geld geerbt hatte, und so wollten sie uns für ihr Projekt begeistern. Da wir nicht an einem zweiten Studio interessiert waren, schlugen wir vor, ein Konzert in der Nähe von Woodstock zu organisieren. Mit dem Geld hätten die beiden einen Teil der Studiokosten bezahlen können, und für uns wäre auch etwas herausgesprungen. Zumindest glaubten wir das.

Der Mythos Woodstock entstand also aus einer Businessidee!

Nun ja, zumindest aus der Idee, ein kleines Konzert zu veranstalten. Ich bin der Letzte, der behauptet, ich wäre dazu berufen worden, mit dem Woodstock-Festival die Welt zu verändern.

Wenn man Sie und John Roberts auf Fotos von 1969 sieht, tragen Sie stets Anzug und Krawatte. Waren Sie keine Hippies?

Ich glaube, niemand in unserer Gruppe war ein echter Hippie, ausser Artie Kornfeld. John und ich stammen aus konservativen Familien, doch wir waren beide sehr offen gegenüber der Subkultur, interessiert an neuer Musik, Literatur, an Politik und neuen Lebensformen. Michael Lang hatte zwar lange Haare, trug verwaschene Jeans, Indianergürtel und Cowboystiefel, aber er war der zäheste und talentierteste Businesstyp von uns vieren.

Kürzlich kam eine neu gemasterte Version des berühmten Woodstock-Spielfilms als DVD auf den Markt. Haben Sie ihn sich wieder einmal angesehen?

Natürlich. Der Film ist ein Meisterwerk und Regisseur Michael Wadleigh ein Genie. Er hat es geschafft, die Essenz von Woodstock einzufangen und 400 Stunden Material dramaturgisch geschickt auf 120 Minuten zusammenzuschneiden. Jedes Mal, wenn ich den Film sehe, entdecke ich neue Details, die mir vorher nicht aufgefallen waren.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie den Film heute sehen?

Ich wundere mich, weshalb ich und John Roberts nie zu sehen sind und sich Michael Lang und Artie Kornfeld vor der Kamera in Pose werfen, als wären sie die alleinigen Macher des Festivals. Während John Roberts und ich im Hintergrund beinahe durchdrehten, schafften es die beiden, eine fantastische Zeit zu haben. Wir machten wohl etwas falsch ...

Sind Sie noch immer enttäuscht über diese Partnerschaft, die unmittelbar nach dem Festival in einen verbitterten Anwaltskrieg ausartete?

Nun, damit werde ich wohl nie vollkommen ins Reine kommen. Doch die positiven Erfahrungen überwiegen eindeutig.

Sie haben mit Lang dann immerhin wieder die Festivals von 1994 und 1999 organisiert. Woodstock treibt Sie beide offenbar immer wieder zusammen.

Die Wiederannäherung zwischen Lang und mir erforderte Diplomatie im grossen Stil. Schliesslich war es ein Abwägen von gemeinsamen Interessen, was uns bewog, wieder zusammenzuarbeiten. Wir alle verändern uns mit den Jahren. Und die Differenzen, welche heute zwischen uns liegen, beschränken sich auf ein tolerierbares Minimum.

Und doch haben Sie es nicht geschafft, für dieses Jahr das angekündigte Jubiläumsfestival auf die Beine zu stellen.

Das hat damit zu tun, dass es heute sehr schwierig ist, ein Festival in so grossen Dimensionen zu veranstalten, ohne dabei auf gewichtige Sponsoren angewiesen zu sein. Und Sponsoring entspräche nicht dem Geist von Woodstock.

Warum ist Woodstock für Ihre Generation noch heute so wichtig?

Woodstock war ein Schock für ganz US-Amerika, und zwar zu einer Zeit, als wir einen Krieg gegen Vietnam führten und viele junge Männer in permanenter Angst lebten, eingezogen zu werden. Im Jahr zuvor wurden Robert Kennedy und Martin Luther King ermordet, die Stimmung war sehr unheilvoll, es gab bereits Proteste und gewalttätige Ausschreitungen. Und plötzlich waren da Hunderttausende von jungen Menschen versammelt, deren Lebensgefühl und Sichtweise auf das, was in den USA geschah, bis anhin von den Medien wie von der älteren Generation diskreditiert, ins Lächerliche gezogen und isoliert wurde. Wenn man in Woodstock auf der Bühne stand und über dieses schier endlose Feld junger Gleichgesinnter blickte, hatte man das Gefühl, die Welt vor sich versammelt zu haben. Unsere Welt, nicht die Welt unserer Eltern.

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