Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Punk ist tot

Die Achtzigerbewegung feiert ihren 40. Geburtstag. Statt Nostalgie wären ein paar kritische Fragen angebracht. Eine Polemik.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Florian Bachmann (Fotomontagen)

«Die wütende Abgrenzung mag einmal befreiend gewesen sein, aber wer zieht das vierzig Jahre lang durch?» Erneute Besetzung des Autonomen Jugendzentrums unweit des Zürcher Hauptbahnhofs, 31. März 1981. Foto: Franz Hoffet, Keystone; Fotomontage: Florian Bachmann

Die Nostalgie ist gnadenlos. Jede Generation verfällt ihr neu. Dabei ist die Idee, die Jugend sei die beste Zeit des Lebens und alles danach nur noch Nachspiel, durch und durch reaktionär. Meistens kommt sie verbunden mit der resignierten «Einsicht» daher, dass sich die Welt eben doch nicht ändern lasse. Was für eine Beleidigung für die Jugend, vor allem aber für das Leben danach, in dem Entwicklung, Aufregung, Rebellion auch noch möglich wären – und sei es nur, die Ohren offen zu halten für neue Musik und nicht den Rest des Lebens den Punk aus der Jugend zu hören.

Vierzig Jahre nach dem Zürcher Opernhauskrawall war viel geplant: Kunst- und Fotoausstellungen, ein Stück im Theater Neumarkt, ein Jubiläumswochenende in der Roten Fabrik, zwei Dokumentarfilme, zwei Bücher. Ein Teil der Veranstaltungen fällt wegen Corona aus, anderes ist verschoben.

Wann begann die Musealisierung der Achtzigergeneration? Schon 1994, als die Ausstellung «Dada global» im Zürcher Kunsthaus die berühmte Fernsehsendung von 1980 zeigte, in der die beiden AktivistInnen «Herr und Frau Müller» satirisch mehr Gewalt gegen DemonstrantInnen forderten? Oder erst 2006, als der Zürcher Endsiebzigerpunk unter dem Titel «Hot Love» als Coffee Table Book verewigt wurde? Klar, Punk hatte von Anfang an zwei Pole: nicht nur Bier, Hund und stachelige Frisuren, sondern auch Kunst, Mode und ein Interesse an Avantgardetraditionen. Schliesslich hätte es ohne den Manager-Künstler Malcolm McLaren und die Modedesignerin Vivienne Westwood die Sex Pistols nie gegeben – zumindest nie so erfolgreich. Kunst und Punk passte immer. Aber geht es bei den immer neuen Punkrecyclingprodukten und beim Feiern von vierzig Jahren Zürcher Achtzigerbewegung nicht eher um die erwähnte Nostalgie?

Natürlich kann es persönlich sinnvoll und auch politisch produktiv sein zu fragen: Wie hat eine Bewegung mein Leben verändert? Aber das wurde beim Zwanzigjahrjubiläum im Jahr 2000 schon ausführlich gemacht: unter anderem mit Heinz Niggs grossem Interviewprojekt, das später als Buch, «Wir wollen alles, und zwar subito», erschien. Warum jetzt noch einmal? Viel spannender als das immer neue Nacherzählen von Opernhaus- und anderen Krawallen wären doch Fragen über längere Zeiträume: Was geschah zwischen diesen glorifizierten Jahren? Zum Beispiel 1983 oder 1993? Warum geht Bewegungen der Schnauf aus? Und liesse sich das vielleicht sogar verhindern? Wie hängen Kulturrevolten wie die Achtzigerbewegung mit expliziter politischen Bewegungen wie der Lateinamerikasolidarität zusammen – oder eben nicht?

Früher war alles besser

Hippie oder Punk, das ist eine ähnlich emotionale Frage wie Hund oder Katze. Für mich war lange klar: Punk! Die Haare abschneiden, den Verstärker aufdrehen und in die als verlogen empfundene Harmonie der Hippies hineinbrätschen, das war ein zentraler Impuls der Achtzigergeneration. («Woodstock isch Scheisse gsi», ätzte die Zürcher Punkband Sperma.) Und es funktionierte ein paar Jahre lang ganz gut. Aber heute wirkt Punk meistens nur noch versteinert und machoid – genauso wie manche seiner alternden Protagonisten: das «Rotzige» wie eine trotzige Weigerung, Feminismus und #MeToo anzuerkennen. Die wütende Abgrenzung mag einmal befreiend gewesen sein, aber wer zieht das vierzig Jahre lang durch?

Klar wäre ich 1980 auch dabei gewesen. Als Teenager im toten Winkel der späten Neunziger kam mir der vergangene Aufstand wie eine Utopie vor. Ich las alles darüber, hörte die alten Bands und haderte damit, nicht früher geboren zu sein. Alles schien vorbei, sogar die Geschichte, die Revolte sowieso; die Alternativbewegung, die es in diesem Land seit 1968 immer in irgendeiner Form gegeben hatte, verschwand fast ganz, und viele aus der Achtzigergeneration fanden es gerade sehr cool, in die boomende Internetökonomie zu investieren. Sogar die Luft musste 1980 aufregender gerochen haben als in den klaustrophobischen Spätneunzigern.

Dann kam die Jahrtausendwende, die Antiglobalisierungsbewegung wurde gross, Hunderttausende demonstrierten in Genua gegen den G8-Gipfel. In New York rasten Flugzeuge ins World Trade Center, die USA führten wieder Krieg in Afghanistan, in der Schweiz besetzten Sans-Papiers Kirchen, die Swissair gab den Geist auf. Beunruhigende Zeiten, aber zumindest war das lähmende Gefühl des Stillstands vorbei. Trotzdem glaubte ich noch lange, was jetzt laufe, sei irgendwie weniger spannend und bedeutend als das, was ich nicht miterlebt hatte. Bis ich ein paar Jahre später eine junge Frau traf, die damit haderte, die Antiglobalisierungsbewegung verpasst zu haben …

Ausgemüllert

Man solle gegen die DemonstrantInnen doch die Armee einsetzen – oder wenigstens die viel wuchtigeren Gummigeschosse aus Nordirland, polemisierte «Herr Müller» am 15. Juni 1980 zu bester Sendezeit. Die Taktik ging auf: Nicht nur der Moderator, auch SP-Stadträtin Emilie Lieberherr war verstört. Das Verb «müllern» bürgerte sich für solche satirischen, auch auf Flugblättern beliebten Überspitzungen ein. Eine Form der Provokation, die im Punkkontext auch international immer wieder auftauchte, in der Kunsttheorie «Überaffirmation» genannt: die Parodie so zuspitzen, dass die Menschenverachtung hinter der bürgerlichen Fassade sichtbar wird. Im Fernsehen funktionierte es hervorragend: Im Gewand der WutbürgerInnen, die ein härteres Vorgehen forderten, konnten «Herr und Frau Müller» dem Publikum eine Menge Fakten über Polizeigewalt an den Kopf werfen.

«Müllern» blieb in punknahen politischen Bewegungen beliebt; auch noch zwanzig Jahre später, in der Antiglobalisierungsbewegung. Das US-amerikanische Aktivistenduo The Yes Men nutzte die anfängliche Unbeholfenheit vieler Politikerinnen und Manager im Umgang mit dem Internet. So richtete es zum Beispiel eine täuschend echte Fake-Website der Welthandelsorganisation (WTO) ein und erhielt immer wieder fehlgeleitete Anfragen. Der fiktive WTO-Vertreter «Andreas Bichlbauer» referierte im Herbst 2000 in Salzburg an einer Konferenz, prangerte – mit Fotos untermalt – die Arbeitsmoral der Italienerinnen und Spanier an, die einen grossen Teil des Tages mit Siesta verbrächten, und stellte eine Initiative vor, die WählerInnenstimmen an Meistbietende verkaufen sollte. Im ersten Dokumentarfilm über die Yes Men wirkt «Bichlbauer» im Nachhinein etwas ratlos: «Alle waren supernett, niemand merkte etwas.» Die Neoliberalen erkannten den Zynismus des «Müllerns» nicht mehr – er war ihrem eigenen zu ähnlich.

Heute, zwanzig Jahre später, funktioniert Überaffirmation als politisches Stilmittel noch viel weniger: Das ganze Konzept wurde von rechts überholt. Die parodistisch gemeinten Sätze der Yes Men über «faule Italiener» klingen zahm neben fast allem, was Donald Trump täglich verlauten lässt. Die Menschenverachtung hinter der bürgerlichen Fassade sichtbar machen kann man nur, wenn noch eine bürgerliche Fassade da ist.

Style Police

Und noch etwas haben wahrscheinlich Punk und die Achtzigergeneration den Schweizer Kulturlinken eingebrockt: die Obsession mit Stilfragen. Die Abgrenzung von den Hippies ging mit einer grossen Angst einher, weich, peinlich, «gschpürschmi» zu wirken. Da war man im Zweifelsfall lieber hart und unzugänglich. Das «Achtzgi» war eine ziemlich heteronormative Geschichte. Bin ich uncool? Was denken die anderen über meine Hosen? Die Angst vor der «Style Police» – so hiess später eine Kolumne im deutschen Punkmagazin «ZAP» – konnte genauso bedrückend sein wie die Angst früherer Generationen vor der Meinung der NachbarInnen.

Punk beinhalte auch «all diese Auswüchse, die radikalen Gegenwartsbezug und soziales Desinteresse zum profitablen Style-Prinzip gemacht haben», schrieb der kluge, punksozialisierte deutsche Popjournalist Martin Büsser 1996. Aus Punk liessen sich wirtschaftlich verwertbare Ideen ziehen, analysierte er – «Ideen, deren breit grinsendes ‹Fuck you› gerade diejenigen im Elend zurücklässt, für die sich einzusetzen Punk einmal vorgab». Ein paar Jahre später hatte die Schweiz einen neurechten Satiriker mit Irokesenschnitt.

Für die heutigen Zwanzigjährigen liegen die Achtzigerunruhen in der fernen Vergangenheit – irgendwo zwischen Eltern- und Grosselterngeneration. Für sie, die 2019 so zahlreich fürs Klima und den Frauenstreik auf die Strasse gingen, spielen zumindest diese Stildiskussionen keine Rolle mehr. Die Frage, ob die Welt langfristig bewohnbar bleibt, ist ein paar Dimensionen grösser. Gleichzeitig ist «Gschpürschmi» erlaubt, Meditieren normal. In der Musik verwischt Autotune Geschlechtergrenzen. Auch Männer können sich die Nägel lackieren. Wenn sich junge Männer feministisch geben, um feministischen Frauen zu gefallen, ist das manchmal wohl nur eine Masche – und trotzdem ein Fortschritt. Auch eingeübtes Verhalten prägt. Der politisch aktive Teil dieser Generation ist empfindsam und unironisch: in vieler Hinsicht das Gegenteil der Achtziger. Oder vielleicht die konsequente Weiterführung: Sie trauen sich auszuleben, was die Achtziger noch unter ihren Lederjacken versteckten.

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