Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

Das Comeback des Wahns

Die US-amerikanische Band stellte in den sechziger Jahren Popmusik und Poetry in den Dienst radikaler Politik. Nach 45 Jahren erscheint nun ihr letztes Album mit dem Titel «Be Free».

Von Christoph Wagner

In den sechziger Jahren waren die Fugs «the Lower East Side’s most fantastic protest rock ’n’ roll peace-sex-psychedelic singing group» – das ultimative Politrockensemble des New Yorker Untergrunds. Ende 1964 von den beiden Beatpoeten Tuli Kupferberg und Ed Sanders gegründet, hatte sich die Band bereits vor dem Woodstock-Festival 1969 wieder aufgelöst. In den gut fünf Jahren ihres Bestehens haben die Fugs ein eigenständiges Genre geschaffen: eine fulminante Form des subversiv-anarchistischen Rockkabaretts, das alles beinhaltete: Performance-Art, Satire, Pop- und Folksongs, Lyrik, Happening, Stand-up-Comedy, die elektrischen Sounds der Rockmusik, dazu jede Menge Dada.

Jeder Fugs-Auftritt war ein Spektakel, ein wildes Gemenge all dieser Elemente, voller Spontanität, Biss und Ironie. Die Band nahm den Mund voll und liess die Hosen runter. Sie schockierte die Öffentlichkeit mit Tabubrüchen, radikalen Politattacken und Obszönitäten, wobei die ZuhörerInnen vor Vergnügen jauchzten und quiekten, wie das Schwein Pigasus, das die Fugs 1968 mit auf die Bühne nahmen und es dem Publikum als ihren Kandidaten für die US-amerikanische Präsidentschaftswahl präsentierten.

Goldfinger und Stinkfinger

Die Band hatte ein Hauptquartier: den Peace Eye Book Store in der East 10th Street von Manhattan, den Ed Sanders betrieb. Der Buchladen war in einer ehemaligen jüdischen Metzgerei untergebracht und Sanders hatte den Schriftzug «Strictly Kosher» im Schaufenster stehen lassen. Hier entstand die Untergrundpostille «Fuck You / A Magazine of the Arts». Die Zeitschrift machte sich mit ihrer Mixtur aus Pornografie, Pazifismus und Literatur über den Puritanismus und die Spiessigkeit der US-amerikanischen Gesellschaft lustig.

Die Antwort kam postwendend: 1966 gab es eine Polizeirazzia, Sanders landete vor Gericht. Die Anklage: Besitz von obszönem Material. Das Verfahren zog sich lange hin und endete schliesslich mit einem Freispruch.

Ursprünglich waren die Fugs aus einer einzigen Idee entstanden: Den Bandmitgliedern schwebte vor, Popmusik und Poetry in den Dienst radikaler Politik zu stellen, allerdings nicht in Agitpropmanier, sondern in einem wilden eruptiven Akt aus Kreativität, Witz und Absurdität.

«Ihre Auftritte waren der blanke Wahnsinn», erzählt Peter Stampfel, zeitweise Mitglied der Band. «Es ging wie im Tollhaus zu. Sie sangen diese Parodien, etwa auf die ‹Goldfinger›-Melodie aus dem James-Bond-Film, die sie in ‹Stinkfinger› umtauften, wobei Tuli Kupferberg mit einer schmutzigen Decke über dem Kopf auf der Bühne herumtorkelte.» Dazwischen wurde es immer wieder still. Wenn eine Folterszene aus Vietnam nachgestellt wurde, war Schluss mit Klamauk, danach wurde der Song «Kill for Peace» angestimmt.

Für diese Art ätzender Satire war keine der grossen Schallplattenfirmen zu haben. Die Fugs schauten sich nach Alternativen um. Vielleicht boten die ersten unabhängigen Labels, die damals in New York entstanden, eine Chance? «Eines Abends traf ich durch einen Bekannten den experimentellen Filmemacher Harry Smith. Smith hatte sich als Herausgeber der Schallplattenbox ‹Anthology of American Folkmusic› einen Namen gemacht, die als Initialzündung des ersten grossen amerikanischen Folkrevivals gilt», erinnert sich Sanders. «Smith kam danach zu vielen Auftritten der Fugs. Er brachte mich mit Moses Ash vom Folkways-Label in Kontakt, wo unsere erste Platte erschien.»

Mit der Eskalation des Vietnamkriegs verschärfte sich die politische Konfrontation in den USA. Aktive KriegsgegnerInnen wie die Fugs gerieten ins Fadenkreuz des Staatsschutzes. Polizei, FBI und patriotische Gruppen traten auf den Plan. Die Situation wurde bedrohlich. «Jemand schickte mir eine Briefbombe, die sich glücklicherweise als Attrappe entpuppte. Sie war in eine ausgehöhlte Ausgabe von Dostojewskis ‹Der Idiot› eingebaut», erzählt Sanders. «Dann erhielt ich anonyme Anrufe, bei denen man drohte, uns in die Luft zu sprengen. Der Anrufer sagte, er würde zuerst mich und dann Frank Zappa in die Luft jagen. Ich hatte ein kleines Kind und musste Vorsichtsmassnahmen treffen. Lange Zeit hatte ich nur eine geheime Telefonnummer. Dazu kamen die Aktivitäten des FBI. Man wollte uns zur Strecke bringen. Sie meinten, unsere Texte würden den Straftatbestand der ‹Obszönität› erfüllen. Wir lebten dauernd unter der Drohung, verhaftet zu werden.»

Mit ihrem nächsten Album landeten die Fugs beim Alternativlabel ESP, das sich durch mutige Produktionen von avantgardistischem Jazz hervorgetan hatte. Umso grösser war die Enttäuschung über das Verhalten der Labelbesitzer. «Die Betreiber von ESP waren alles andere als ehrlich», erinnert sich Sanders. «Wir nahmen unser zweites Album für ESP im Februar 1966 in einem Studio auf, das Harry Belafonte gehörte. Wir merkten schnell, dass sie uns betrogen und mit hanebüchenen Geschichten hinters Licht führen wollten. Daraufhin brachen wir die Beziehungen ab.»

Im Zentrum des politischen Orkans zu stehen, die Zielscheibe von FBI und der Polizei zu sein, zerrte an den Nerven der Fugs-Mitglieder. 1969 hatte Sanders genug. Er zog die Notbremse und stieg aus. «All diese Konflikte laugten mich aus. Es waren nicht nur die Attacken und der Druck, dem wir ausgesetzt waren. Wir mussten Geld verdienen, weil Rechtsanwälte bezahlt sein wollten und ausserdem unser Rock-‘n‘-Roll-Lebensstil viel Bares verschlang», sagt Sanders. «Ich sehnte mich nach meinem Leben als Beatnik-Poet zurück.»

Benefiz für Kupferberg

Nach einem Konzert im Mai 1969 mit The Grateful Dead entschloss er sich, als Musiker eine Pause einzulegen. Diese Auszeit dauerte fünfzehn Jahre. Erst seit 1984 kommen die Fugs wieder regelmässig zusammen. Soeben haben sie ein neues Album veröffentlicht mit vierzehn neuen Liedern. «Es wird das letzte Album der Fugs sein», sagt Sanders, «weil Tuli Kupferberg mittlerweile 86 Jahre alt ist und schwer behindert.»

Nach einem Schlaganfall ist Kupferberg nahezu erblindet und auf Pflege angewiesen. Weil er nicht in der Lage ist, aus eigener Kraft für die astronomischen Krankenhaus- und Pflegekosten aufzukommen, hat die Szene unter der Regie des Musikproduzenten Hal Willner diesen Januar ein grosses Benefizkonzert für ihn organisiert. Dabei gab sich die Crème der New Yorker Avantgarde ein Stelldichein. Von Lou Reed und Laurie Anderson über Philip Glass und John Zorn bis zu Sonic Youth liess es sich niemand nehmen, dem Vorkämpfer der Subkultur die Ehre zu erweisen. Alle wollten sich erkenntlich zeigen für die Pionierarbeit, die Kupferberg und die Fugs in den sechziger Jahren geleistet haben. Sie hatten den Weg frei geräumt.

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