Nr. 37/2009 vom 10.09.2009

Wenn Bacchus schwitzt

Wo früher kühle Winde die Rebstöcke trockneten, wabern heute Dampfwolken und machen sie anfällig für Schädlinge. Im Tessiner Bleniotal ist der Klimawandel bereits angekommen.

Von Uwe Witt

Als Kurt Wasmer von einem seiner Weinstöcke kommt, klingt sein Schimpfen nicht wütend, eher ein wenig resigniert. «Jetzt haben wir auch noch die Reblaus. Die gabs hier seit hundert Jahren nicht mehr.» Ein weiteres Problem – denn zuvor kamen bereits der Falsche und der Echte Mehltau sowie andere Krankheiten. Seit einiger Zeit plagt sich der Tessiner Ökowinzer mit Schädlingen und faulenden Rebstöcken herum.

Vor dreissig Jahren hatte Wasmer gemeinsam mit seiner Frau Monika einige Weinlagen an den sonnigen Hängen des Bleniotals gekauft. Aus der deutschsprachigen Schweiz ins nördliche Tessin eingewandert, haben sie seitdem erfolgreich Bioweine und feines Obst produziert. Die Lage oberhalb des Örtchens Malvaglia war ideal: viel Sonne und ausreichend Regen. Das regionale Klima schützte zudem die Reben vor Ungeziefer und Krankheitsbefall. Denn nach dem Regen blies meist ein kräftiger, kühler Wind durch die Weinstöcke. Der vertrieb nicht nur die letzten niedrigen Wolkenfetzen. Er trocknete auch rasch die Rebstöcke. Das ist nun anders, seit ungefähr fünf Jahren merken es die WinzerInnen.

Kurt Wasmer macht mittlerweile den Klimawandel dafür verantwortlich. Denn dass die Durchlüftung nun weitgehend ausbleibt, hat einen simplen Grund: Sie verdankte sich einem Fallwind vom Gletscher des Rheinwaldhorns, der knapp zehn Kilometer nordöstlich von Malvaglia liegt – oder besser gesagt: lag. Denn die Südwestflanke des Eises gibt es praktisch nicht mehr. Die Gletscherzunge ist inzwischen abgetaut, so wie viel anderes Gletschereis in den Alpen. Auch die kühlen Winde haben sich rar gemacht, seit die Hochebenen des Lukmaniers im Norden bereits im Mai und Juni immer weniger mit Schnee bedeckt sind.

Frühreife Früchtchen

In der Schweiz sind die mittleren Temperaturen seit 1970 um rund 1,5 Grad Celsius angestiegen – also rund doppelt so stark wie im globalen Mittel. «Der Frühling beginnt jetzt viel früher», stellt Wasmer fest. «Eigentlich müsste ich die Weinstöcke schon Mitte Mai mit Kupferlösung spritzen, also drei Wochen eher als üblich.» Sonst seien die Krankheiten kaum im Zaum zu halten. Trotzdem verzichtet der Biobauer auf einen vermehrten Einsatz des mineralischen Schädlingsbekämpfungsmittels. Zum einen, weil er Vertrauen in die pflanzeneigenen Widerstandskräfte hat. Zum andern könne es wirtschaftlich betrachtet auch lohnender sein, einen gewissen Verlust durch Krankheiten und Schädlinge in Kauf zu nehmen, statt immer mehr zu spritzen, um möglichst viele Trauben zu ernten.

Nicht nur Krankheiten, auch der Schädlingsbefall nimmt durch die frühere Reife des Weins im Sommer zu. Schliesslich seien die Trauben nun schon im Juli und August begehrtes Futter für Wespen und andere Insekten, streicht der Biobauer hervor. Was die übrig lassen, werde nicht selten durch Hagelschlag oder Starkregen geschädigt, die es heute viel öfter gebe als in der Vergangenheit. «Auch die Herbstnächte waren früher kühler», sagt Kurt Wasmer. «Da gab es weniger Schäden und fruchtigere Weine.» Zudem wachse heute das Gras stärker, weil sich die Vegetationsperiode weit in den Herbst verlängert. Teure Mehrarbeit beim Schneiden sei die Folge, so der Winzer.

In diesem Sommer scheint das Wetter im Bleniotal vollkommen verrückt zu spielen. Seit Wochen wabern die Wolken nach jedem der ungewöhnlich vielen Regentage noch stundenlang zwischen den Bergen herum, bevor sie sich auflösen. Schon in den letzten Jahren wurde es ständig schwüler – wo das Tal doch eigentlich für seine kristallklare Luft bekannt ist. Die Dampfküche macht auch einer alten Tessiner Anbaumethode zu schaffen. Den Rebstöcken haben die WeinbäuerInnen stets eine Pergola als Dach wachsen lassen, die Wein und WinzerIn vor zu viel Sonne und Regen schützt. Nun wird die Tradition zum Problem, weil die Nässe sich wegen des fehlenden trockenen Windes staut. So entsteht ein idealer Nährboden für Pilze und Schädlinge. Sollten die Pergolen irgendwann fallen müssen, wäre dies nicht nur ein kultureller Verlust, denn sie sind auch ein lebendiges Ökosystem: Eidechsen, Schlangen und Insekten hausen hier, Vögel bauen darin ihre Nester.

Maréchal Foch, ade!

Mit dem Klima ändert sich schrittweise auch die Arbeitsweise der WeinbäuerInnen. Wurden noch vor nicht allzu langer Zeit die gelesenen Trauben unter freiem Himmel gelagert und abgepresst, so muss dies heute in geschlossenen, kühlen Räumen stattfinden. Das kostet einmal mehr Geld und Nerven. Dabei stehen die grossen Veränderungen erst noch an: Das gewandelte Umfeld macht besonders den eigentlich pilzresistenten Rebsorten des 19. und 20. Jahrhunderts zu schaffen: Léon Millot, Maréchal Foch, Clinton oder Seyval blanc. Sie sind immer weniger in der Lage, der Reblaus und dem Echten Mehltau zu trotzen.

Gefragt wären jetzt Sorten mit andern Resistenzeigenschaften. Etwa die uralte Bondola, einst als Armeleutewein verschrien. In Malvaglia machen die ÖkowinzerInnen daraus einen formidablen Rotwein. Verschiedene dieser robusten Sorten dürfen aber per Gesetz nur als Zweitklassweine vermarktet werden. Das erschwert die Umstellung.

Eine andere Möglichkeit wäre, auf höhere oder weniger südlich exponierte Parzellen auszuweichen, in Lagen, die früher für den Weinbau uninteressant waren. «Aber selbst wenn wir das Geld hätten, für so was gibt es keine Genehmigungen», sagt Wasmer. Nicht nur die Vermarktungs-, sondern auch die Rebbaugesetze seien zu wenig flexibel angesichts der dramatischen Veränderungen.

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