Nr. 38/2009 vom 17.09.2009

Viel Dreck und jede Menge Kohle

In der Schweiz wollen die Energieunternehmen Atomkraftwerke bauen, um angeblich das Klima zu schützen. Gleichzeitig investieren sie im grossen Stil in ausländische Gas- und Kohlekraftwerke, die unsere CO2-Bilanz ruinieren.

Von Susan Boos

In Brunsbüttel hat die Zukunft eine Farbe: schwarz, schwarz wie Kohle – und die Schweiz hat einiges damit zu tun.

Brunsbüttel liegt hinter Hamburg, dort, wo sich die Elbe mit dem Meer vereint und der Nord-Ostsee-Kanal beginnt. Wenn die Elbe viel Wasser bringt und die Dämme brechen, steht alles unter Wasser. Stephan Klose hat das schon erlebt. Das war vor fünf Jahren, tagelang lagen die Felder um sein Haus unter Wasser. Alle Tiere, die im Boden lebten, seien ertrunken, sagt er. Gestunken habe es, grauenvoll und wochenlang.

Vor knapp zwanzig Jahren ist Klose mit seinem Grafikatelier in den Riegelbau mit dem Schilfdach gezogen. Da draussen gibt es einen endlosen Horizont, Wiesen, Äcker, Kühe und das Atomkraftwerk Brokdorf.

Das AKW war schon in Betrieb, als Klose sein Haus kaufte. Das hat er akzeptiert. Aber was sie jetzt planen, will er nicht hinnehmen.

Er hat noch Claudia Kuhlgatz und Karsten Hinrichsen eingeladen. Alle drei gehören zur Bürgerinitiative Gesundheit und Klimaschutz Unterelbe und haben ein Ziel: verhindern, dass in der Gegend Kohlekraftwerke gebaut werden. Vier Stück sind geplant. An einem Projekt ist die Rätia Energie beteiligt, die fast zur Hälfte dem Kanton Graubünden gehört. «Ehrlich», sagt Hinrichsen, der agile, pensionierte Meteorologe, «dass die die Frechheit haben, mit ‹Pure Power› Werbung zu machen, finden wir schon unerhört.» Tatsächlich bietet die Rätia KundInnen in Deutschland unter dem Titel «Pure Power St. Moritz» sauberen Schweizer Strom an.

Hinrichsen und Klose ziehen Pläne und Fotomontagen hervor und versuchen, in wenigen Minuten eine gigantisch komplizierte Geschichte zu erzählen. Gerafft geht es um Folgendes: Rätia Energie versorgt das Bündnerland mit Strom und gehört zu 46 Prozent dem Kanton Graubünden.

Das Energieunternehmen hat sich vorgenommen, die Welt der grossen Stromhändler zu erobern. Das fällt ihm nicht schwer, da die Rätia über diverse Wasserkraftwerke verfügt, die den kostbarsten Strom produzieren, den es gibt. Damit verdient sie prächtig, doch der Gewinn muss arbeiten, und das soll er unter anderem in Brunsbüttel tun.

Hier plant die Rätia zwei Kohlekraftwerke mit einer Leistung von je 900 Megawatt – das ist etwas weniger, als das AKW Gösgen hat. Noch besitzt die Rätia 51 Prozent des Drei-Milliarden-Euro-Projektes, später will sie aber nur 200 bis 400 Megawatt behalten und den Rest an andere Energieunternehmen abgeben.

Die Flussheizung

Kohle ist schlecht. In einer Kilowattstunde Kohlestrom stecken 950 Gramm Kohlendioxid (CO2), wie das Ökoinstitut Darmstadt errechnet hat. Kohlekraftwerke sind genau genommen Kohlendioxidfabriken: In einem Jahr werden die beiden Blöcke in Brunsbüttel gleich viel CO2 produzieren wie der gesamte Schweizer Verkehr.

Ausserdem sind sie eher Flussheizungen als Kraftwerke, denn der grössere Teil der eingesetzten Energie geht als Abwärme in die Elbe, da Kohlekraftwerke einen Wirkungsgrad von höchstens 46 Prozent haben und das Flusswasser zur Kühlung dient. Klüger wäre es, man würde mit der Abwärme Häuser heizen. Doch Brunsbüttel kann mit seinen 13 000 EinwohnerInnen gar nicht so viel Wärme brauchen.

Claudia Kuhlgatz, schlank, hager, schüchtern, sitzt neben Klose und Hinrichsen und sagt nicht viel. Doch dann beginnt sie von ihren Schafen zu erzählen, die hinter ihrem Haus am Deich grasen. Das Land sei mit Dioxin verseucht, woher, wisse niemand genau. Erst kürzlich hätten sie von den Behörden einen Brief erhalten, der sie verpflichte, die Leber geschlachteter Schafe als Sondermüll zu entsorgen: «Weil sie zu viel Dioxin enthalten.»

Die Kohlekraftwerke würden noch mehr Dioxin, Blei, Cadmium, Quecksilber, Arsen, Nickel und 300 Tonnen Feinstaub in die Umwelt abgeben, sagt Kuhlgatz. Sicher, nur kleine Mengen: «Aber hier ist jedes zusätzliche bisschen zu viel», sagt sie leise und schweigt danach wieder.

Stephan Klose zieht eine Postkarte hervor, die er gestaltet hat: «Unser schönes neues Brunsbüttel?», steht darauf. Man sieht den Parkplatz vor dem malerischen Brunsbütteler Hafen in der Abendsonne. Auf der Postkarte ist ein Klotz hineinmontiert: Die fast 120 Meter hohen Kraftwerksgebäude mit den rauchenden Schloten.

«Der Hafen ist der schönste Ort der Stadt – von hier wird man künftig direkt auf die Kraftwerke blicken. Das müssen die Leute endlich begreifen!», sagt Klose.

Den meisten scheint es egal. Die Gemeinde wehrt sich nicht gegen das Projekt. Bald dürfte die letzte Baubewilligung vorliegen.

Windstrom hat Vorrang

Ausserhalb von Brunsbüttel erheben sich die mächtigsten Windräder der Welt. Die weissen Türme mit den rotierenden drei Armen wachsen in den Himmel. Sie drehen hier für Testzwecke, Hunderte ihrer Art sollen bald in die Nordsee gepflanzt werden. Jeder Turm hat eine Leistung von fünf Megawatt. Ihretwegen dürften die Kohlekraftwerke finanziell auf Grund laufen.

Die Ökonomin Frauke Wiese von der Uni Flensburg hat es durchgerechnet: Vor der Küste sind Windanlagen mit einer Leistung von 11 500 Megawatt geplant. Die Leitungen von diesen Offshorewindparks kommen in Brunsbüttel an Land. Der Strom muss hier ins deutsche Netz eingespeist werden – die Kapazitäten reichen jedoch nicht, um den Wind- und den Kohlestrom gleichzeitig ins Netz zu pumpen. In Deutschland gilt aber: Windstrom hat Vorrang. Im Herbst und im Winter liefern die Windräder beständig Strom. In dieser Zeit müssten also die Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden, weil die Leitungen fehlen, um ihren Strom abzuführen. Mit Gaskraftwerken wäre dies einfacher, weil man sie schneller an- und abstellen kann. Kohlekraftwerke sind dafür zu träge.

Frauke Wiese kommt zum Schluss: «Angesichts der Rahmenbedingungen dieses Standorts ist aus wirtschaftlicher Sicht davon abzuraten, 3200 Megawatt Kohlekraftwerkskapazität in Brunsbüttel zu errichten.»

Bei der Rätia Energie sieht man das anders. Die Bündner sind überzeugt von ihrem Engagement. «In Deutschland werden fünfzig Prozent des Stroms mit Kohle hergestellt, Deutschland kommt um die Kohle gar nicht herum», sagt Werner Steinmann von der Rätia Energie. Die neuen Kraftwerke in Brunsbüttel würden sauberer sein als die alten Kohlekraftwerke – und darum auch klimaschonender. Ausserdem investiere die Rätia bewusst in möglichst viele verschiedene Energieanlagen, also auch in Windenergie.

Neben der Rätia stecken noch diverse kleine Schweizer Elektrizitätsunternehmen Millionen ins Brunsbütteler Projekt: die SN Energie, die unter anderem den Städten St. Gallen, Rorschach und Romanshorn gehört, die Groupe E, die die Kantone Freiburg, Neuenburg und Waadt versorgt, oder die Elektra Birseck Münchenstein (EBM), die im Kanton Baselland präsent ist. EBM-Geschäftsführer Hans Büttiker argumentiert wie viele der anderen kleinen Energieunternehmen: In wenigen Jahren werde der Strom knapp. «Um dann nicht einfach den Strom zu voraussichtlich massiv höheren Kosten an der Börse einkaufen zu müssen, suchen wir aktive Beteiligungen an Grosskraftwerken.» Ob sich diese Strategie auszahlt, ist ungewiss, denn die Energieunternehmen können den Strom, den sie in Brunsbüttel produzieren lassen, nicht einfach importieren. Die Netzkapazität ist beschränkt, das Recht, eine internationale Stromleitung zu nutzen, wird bald versteigert. Es kann also teuer werden, Strom aus Norddeutschland nach St. Gallen, Romanshorn oder Münchenstein zu holen.

Auch das Recht, CO2 zu produzieren, wird demnächst versteigert – voraussichtlich ab 2013. Bereits heute kann man Verschmutzungsrechte kaufen, aktuell zahlt man für eine Tonne fünfzehn Euro, was bescheiden ist. Steigt der Preis, dürfte es schwierig werden, mit Kohle Geld zu machen.

Kraftwerke wie die in Brunsbüttel geplanten würden in der Schweiz nie gebaut, weil sie wegen der hiesigen Umweltgesetze zu teuer kämen. Doch in Deutschland, Tschechien oder Italien geht es, und Schweizer Energieunternehmen halten beim Boom tüchtig mit. Insgesamt sind sie an über vierzig Projekten beteiligt, die bereits in Betrieb oder in Planung sind. Die WOZ hat alle bekannten Projekte zusammengetragen: Werden sie gebaut, sind es Kraftwerke mit einer Leistung von insgesamt über 12 000 Megawatt, die Schweizer Energieunternehmen im Ausland betreiben möchten. Das entspricht zwölf Kraftwerken in der Grösse des AKW Gösgen (detaillierte Liste aller Projekte).

Zusammen werden sie jährlich 61 Millionen Tonnen CO2 produzieren – eine unglaubliche Zahl, hoch wie die Dufourspitze, derweil wir ins Tal sollten. Heute verursacht die Schweiz nach offiziellen Angaben pro Jahr 40 Millionen Tonnen CO2. Nachhaltig wäre ein Drittel davon. Doch passiert das Gegenteil: Statt den Berg abzutragen, türmen wir ein Gebirgsmassiv von 100 Millionen Tonnen auf, pro Jahr, wohlverstanden. Ob die CO2-Fabriken, mit denen die Schweizer Unternehmen Geld verdienen, hier oder im Ausland stehen, ist dem Klima übrigens egal.

Die meisten der betreffenden Energieunternehmen sind ganz oder mehrheitlich im Besitz der öffentlichen Hand (vgl. Kasten). Den KonsumentInnen im Inland verkaufen sie «umweltbewusste Sauberkeit»: Schweizer Strom sei fast CO2-frei, weil er aus Wasser- und Atomstrom bestehe. Mit diesem Argument werden auch die drei neuen AKW gerechtfertigt, die angeblich gebaut werden müssten, um die drei alten zu ersetzen. Die Energieunternehmen trichtern der Bevölkerung ein: Wer fürs Klima ist, ist für Atomstrom.

Dieselben Unternehmen, die aus Klimaschutzgründen AKW bauen möchten, bauen im Ausland unverfroren Klimakiller: Das sind die Axpo, deren Tochterfirma EGL in fossile Kraftwerke investiert, ebenso wie die Alpiq oder die BKW (vgl. Kasten).

Die BKW mischt Dörpen auf

Die Atmosphäre im Gasthaus Westhus in Dörpen ist gespannt. Vorne am Tisch sitzen die Leute von der Anti-Kohl-Bürgerinitiative, rechts und links die Behördenvertreter und einige JournalistInnen. Die Bürgerinitiative hat eingeladen, das Thema: «Darf die Gemeinde eine Bürgerbefragung durchführen?» Eine seltsame Frage, die man in der Schweiz mit Ja beantworten würde – aber nicht in Dörpen.

Das Berner Energieunternehmen BKW tauchte 2007 in Dörpen auf und verkündete, man wolle ein Kohlekraftwerk bauen. Die BKW richtete ein Informationszentrum ein, versprach einige Hundert Arbeitsplätze und prächtig Geld. Die Wahlen waren vorbei und der neue Gemeinderat dafür, womit die Sache erledigt schien. Doch dann formierte sich Widerstand. Vor allem die Gemeinden rund um Dörpen fanden es nicht lustig, dass nebenan ein Kohlekraftwerk hingestellt werden soll.

Die Bürgerinitiative lancierte eine Petition, Hunderte von Unterschriften wurden gesammelt. Tausende beteiligten sich, als man gegen das Projekt Einsprache erheben konnte. Einige von ihnen reisten vor einem Jahr auch an die Generalversammlung der BKW nach Bern und waren bestürzt, wie sie heruntergeputzt wurden. Und jetzt versuchen sie es mit der Bürgerbefragung.

Dörpen ist ein schmuckes, kleines Dorf westlich von Bremen, gleich an der niederländischen Grenze. An den Dorfstrassen stehen zahlreiche Plakate. Junge, Alte und ein Pfarrer sind darauf abgebildet. Sie alle fordern eins: «Fragt uns!» Sie finden, sie hätten das Recht, mindestens angehört zu werden, bevor das Kraftwerk gebaut wird. Sie wollten ja nur eine Befragung, keine Abstimmung, nichts Bindendes. Der Jurist, der im Auftrag der Bürgerinitiative ein Gutachten geschrieben hat, meint, dass eine Bürgerbefragung rechtens wäre. Klingt logisch.

Man ist nicht arm in Dörpen, aber man war es einmal und möchte sich nicht vorstellen, es wieder zu werden. Das gibt Gemeindedirektor Hans Hansen im Gespräch mit der WOZ zu verstehen.

Während der Pressekonferenz im Westhus musste er sich zusammenreissen. Was die da verlangen, kann er nicht verstehen. Er will doch nur das Beste für die Gemeinde. Und dieses Kohlekraftwerk ist das Beste, sagt er.

Die Gemeinde habe strenge Auflagen gemacht, strengere, als das Gesetz verlange. Der Schutz der Bevölkerung sei ihnen das Wichtigste. Das Theater um das CO2 hingegen versteht er nicht. In dieser Gegend stünden mehr Windräder als anderswo, irgendwann sei aber Schluss, irgendwann habe es zu viele. Man könne nicht aus dem Atomstrom aussteigen und gleichzeitig gegen Kohle sein. Das gehe doch einfach nicht. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel sei ja nicht sein Freund, aber auch der habe sich deutlich für Kohlekraft ausgesprochen. Gabriel ist SPD, Hansen CDU, wie fast alle im Dörpner Gemeinderat.

Und warum darf es keine Bürgerbefragung geben?

Gemeindedirektor Hansen holt Luft: «Schauen Sie, an der Pressekonferenz, das war typisch, da gab es nur Auswärtige – die machen uns Arbeit und Ärger. Die Dörpner selbst stehen hinter dem Projekt.»

Aber wenn die DörpnerInnen dafür sind, ist eine Befragung doch gar kein Problem, oder?

Hansen wiederholt, was er schon an der Pressekonferenz umständlich zu erklären versuchte: «Der Gemeinderat hat durch mehrere einstimmige Beschlüsse zu erkennen gegeben, dass er eine eindeutige Position zu dem Vorhaben hat und das Bürgervotum nicht als Hilfestellung in Anspruch nehmen will. Es wäre nun nicht gerechtfertigt, eine Bürgerbefragung zu beschliessen, nur um dem öffentlichen Druck der Bürgerinitiative nachzugeben.» Anders ausgedrückt: Der Gemeinderat will keine Befragung, deshalb wird es keine Befragung geben.

Und so wird in Dörpen trotz heftigen Widerstands vermutlich gebaut.

Die BKW hat im Frühjahr drei Viertel des Projektes an ein anderes deutsches Energieunternehmen abgegeben. Doch an einer 24,9-Prozent-Beteiligung will die BKW festhalten. Vielleicht kommt bei den nächsten Wahlen in Bern eine rot-grüne Regierung an die Macht, die ihrem Energieunternehmen verbietet, in Dörpen eine CO2-Fabrik zu bauen. Was dann? Wenn dem so wäre, würde man sich selbstverständlich daran halten, antwortet der BKW-Pressesprecher trocken.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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