Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Wer die Kalabresen verkohlen will

Das Bündner Energieunternehmen Repower will in Kalabrien ein Kohlekraftwerk bauen – und so das geplante Pumpspeicherwerk auf dem Berninapass quersubventionieren. Während WissenschaftlerInnen die Rentabilität des Projektes anzweifeln, kämpfen die KalabresInnen aus ganz anderen Gründen gegen das Kraftwerk. Die WOZ war vor Ort.

Von Susi Stühlinger, Saline Joniche

In schwarzen Buchstaben steht es an der Mole des Hafens, der keiner mehr ist: «Si al Carbone. Tito fatti cazzi tuoi.» «Ja zur Kohle. Tito, verpiss dich mit deinen Angelegenheiten.» Die Drohung, sie geht an die Adresse des kalabrischen WWF-Aktivisten Tito Solendo, ist nicht die erste dieser Art und auch nicht die letzte. Doch dass er den Unmut seiner Gegner bald am eigenen Leib zu spüren bekommen wird, weiss Paolo Catanoso noch nicht, als die Scheinwerfer seines kleinen Fiats über den Schriftzug huschen. Von hier aus legt kein Boot mehr ab: vom Hafen von Saline Joniche in Kalabrien, im Laufe der Zeit verwahrlost und bei einem Sturm vor einigen Jahren vollends zerstört.

«Für die Fischer ist das Projekt ein zweischneidiges Schwert», sagte Paolo Catanoso zuvor, während sein Wagen im ortsüblich halsbrecherischen Tempo über die marode A3 zwischen Lamezia Terme und Reggio Calabria donnerte, «einerseits wird ihnen ein neuer Hafen versprochen. Andererseits wissen auch sie, welche Umweltbelastung es mit sich bringt.» Catanoso ist um die dreissig und wohnt im elterlichen Haus in Melito di Porto Salvo, einer Gemeinde in direkter Nachbarschaft zum geplanten Kohlekraftwerk, gegen das sich Paolo Catanoso und die anderen AktivistInnen von No Carbone Saline Joniche wehren.

Nachts pumpen, tags ablassen

Das Kraftwerk ist ein Schweizer Projekt. In Saline Joniche, an der untersten Spitze des Stiefels, will das Bündner Energieunternehmen Repower, welches auch für den umstrittenen Kraftwerksplan im deutschen Brunsbüttel verantwortlich ist, ein Monstrum errichten. Zwei Blöcke à 660 Megawatt, 7 Millionen Tonnen CO2-Emissionen jährlich, Investitionsvolumen: 1,3 Milliarden Euro. Zwar hat das Provinzparlament den Bau des Kraftwerks abgelehnt, mehrfach und einstimmig – doch das heisst in Kalabrien noch nichts.

Hoch über der Puschlaver Gemeinde Poschiavo liegt milchig der Lago Bianco. Unten im Tal steht der betongraue Hauptsitz der ehemaligen Rätia Energie AG, die sich 2010 ins mondänere «Repower» umbenannte. Der Bergsee vor der Haustüre soll dereinst Teil eines gigantischen Pumpspeicherkraftwerks (siehe WOZ Nr. 11/10 und 12/10) werden. Die Idee dahinter: Nachts pumpt das Werk Wasser mit günstig eingekauftem sogenanntem Bandstrom auf den Berg und lässt es tagsüber, wenn die Strompreise hoch sind, gewinnbringend wieder hinunter zu den Turbinen fliessen, 25 Prozent Energieverlust durch den Pumpprozess mit eingerechnet. «Das funktioniert so lange, wie die Preisspanne zwischen Tag- und Nachtstrom besteht», sagt Klimaaktivist Peter Vogelsanger. Doch wie lange dies noch der Fall sein wird, ist fraglich. Vogelsanger sagt warum: «Extrem billiger Nachtstrom wird in Atomkraftwerken produziert. Aber ausgerechnet in Italien, Deutschland und der Schweiz sind die Perspektiven dieser Technologie besonders düster. Wirksamer Klimaschutz verlangt, dass in Zukunft Strom, wenn schon aus fossiler Energie, statt aus Kohle aus Erdgas produziert wird. Erdgaskraftwerke sind so flexibel wie Pumpspeicher und produzieren tags und nachts zu gleichen Kosten. Die tageszeitliche Preisspanne wird es in diesem Mass nicht mehr geben.»

Die Repower, die zu 46 Prozent dem Kanton Graubünden gehört und sich über weitere Beteiligungen von Axpo/EGL und Alpiq letzten Endes zu 80 Prozent im Besitz der öffentlichen Hand befindet, hat den Energiehandel in den letzten Jahren stark ausgedehnt. Vom gehandelten Strom produziert sie nur rund zehn Prozent selbst, den grössten Teil davon in einem Gaskraftwerk bei Neapel. Nimmt man die Produktion aus Beteiligungen hinzu, beläuft sich die Menge auf ein Drittel des gesamthaft verkauften Stroms. Ein weiteres Drittel sichert sie sich über kurz- und mittelfristige Verträge, das letzte Drittel jedoch muss die Repower zu den jeweiligen Konditionen an der Börse einkaufen. Und weil alle Teilnehmer am Markt verpflichtet sind, das höchste abgegebene Gebot zu bezahlen, kann das teuer werden.

Wenig überraschend also, dass die Projektierung des Pumpspeicherkraftwerks Lago Bianco sowie jene eines weiteren im süditalienischen Campolattaro zeitgleich mit der Fertigstellung von Saline Joniche erfolgt. Zwar wäre es aus technischen Gründen schwierig, den in Kalabrien produzierten Strom in die Schweiz zu transportieren. Doch mit der Option, in Italien Bandstrom auf den Markt zu werfen, könnte die Repower den Strom quersubventionieren, den sie für den rentablen Betrieb von Lago Bianco zukaufen muss. In ihrer Stellungnahme bestreitet die Repower, dass ein Zusammenhang zwischen Pumpspeicher- und Kohleprojekten besteht. Sie lässt lediglich verlauten dass sie auf ein «technologisch und geografisch diversifiziertes Produktionsportfolio» setze, um das unternehmerische Risiko zu minimieren.

Hinterzimmergespräche

«Es gibt einen Grund, warum die Repower das Kraftwerk gerade hier bauen will. Sie findet ideale Bedingungen vor: eine immens strukturschwache Region, die auf Arbeitsplätze angewiesen ist», sagt Nuccio Barillà. Das Direktionsmitglied der grössten italienischen Umweltorganisation Legambiente hat 2007 zufällig von den Plänen der Repower erfahren. Im August des gleichen Jahres, als in Duisburg eine Fehde der kalabrischen Mafiaorganisation ’Ndrangheta sechs Menschenleben forderte, brachte Barillà die Kraftwerkspläne öffentlich aufs Tapet. Der Sturm der Empörung war enorm, eine breite Gegenbewegung formierte sich. Doch nun, vier Jahre später, bröckelt der Widerstand an den Rändern. Zwei Bürgermeister in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks befürworten das Projekt mittlerweile. Und auch andere sind in ihren Äusserungen vorsichtiger geworden.

«Offiziell lehnt die grosse Mehrheit das Projekt ab. Doch wir wissen, dass in den Hinterzimmern Gespräche geführt werden.» Die Gespräche drehen sich um die fünfzig Millionen Euro Kompensationszahlungen, die das Energieunternehmen bereitstellen will. «Ausserdem», sagt Barillà, «fährt die Repower eine gigantische PR-Kampagne, kauft ganzseitige Zeitungsinserate, Publireportagen und TV-Interviews, um die hiesige Bevölkerung vom Kraftwerk zu überzeugen.» Doch nicht nur das: «Informationsplakate» verkünden, dass CO2 gesund und wichtig für den menschlichen Organismus sei. Und in Stellenausschreibungen werden LeserInnen ermutigt, sich um einen Job zu bewerben – in einem Kraftwerk, das frühestens 2019 in Betrieb genommen werden soll.

Auf dem Gelände, auf dem das Kraftwerk stehen soll, rosten die Überbleibsel der Liquichimica-Fabrik, flankiert vom höchsten Industrieschlot Europas. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie die Dinge in Kalabrien im Allgemeinen vor sich gehen. 1970 durch ein staatliches Investitionsprogramm initiiert, hätte die Fabrik Proteine zur Ergänzung von Tiernahrung herstellen sollen. Das tat sie auch versuchsweise von 1974 bis 1977, dann beschied das italienische Umweltministerium, der Firma die nötige Lizenz nicht zu erteilen, weil die von ihr hergestellten Stoffe krebserregende Elemente enthielten. «So geht es immer», sagt Catanoso. «Gewisse Leute hier haben Interesse daran, dass in Projekte investiert wird, doch wenn die Investitionen geflossen sind, versiegt das Interesse.» So geht es auch der holprigen A3 zwischen Lamezia Terme und Reggio Calabria, deren Sanierung sich seit Jahren hinzieht – eine mehr als hundert Kilometer lange Investitionsruine. Wen Paolo mit «gewisse Leute» meint, muss man in Kalabrien niemandem erklären.

Kohlefreunde auf Reisen

Was weiter geschah: Als Auffanggesellschaft für die Liquichimica wurde das Industriekonsortium Sipi (Saline Ioniche Progetto Integrato) ins Leben gerufen. Die Sipi machte mit der Veräusserung des Maschinenparks der Liquichimica gutes Geld, das sie eigentlich in neue Industrieprojekte hätte investieren sollen – was sie jedoch nie tat. Dann passierte lange gar nichts, 2006 überliess sie dann das Grundstück, dessen Buchwert sich lediglich auf einige Hunderttausend Euro beläuft, für um die fünf Millionen der Repower. Weitere fünf Millionen werden mit der Erteilung der Baubewilligung fällig. Mit der Projektierung des Kraftwerks betraute Repower die Tochtergesellschaft SEI (Saline Energie Ioniche), an der sie mit 57,5 Prozent beteiligt ist. Drei weitere Gesellschaften halten Minderheitsbeteiligungen, darunter die in Bologna domizilierte Gruppo Hera, welche dort nicht nur die Wasser- und Energieversorgung kontrolliert, sondern auch das Abfall- und das Bestattungswesen.

In Reggio Calabria hält die SEI einen «politischen Berater». «Consulente» Franco D’Aquaro hatte früher eine leitende Funktion bei der Sipi inne. Bei der Repower-Tochter sei D’Aquaro nun zuständig für «Information und Kontaktnahme mit lokalen Exponenten aus Politik und Behörden», sagt der Journalist Luigi Palamara. Auf die Nachfrage, was das genau bedeute, habe er von D’Aquaro nie eine Antwort erhalten. Palamara betreibt die Online-Plattform M-News und setzt sich seit nicht allzu langer Zeit aktiv gegen das Kraftwerk ein. Persönlich ist er schon immer gegen den Bau gewesen, hatte jedoch auch die Meldungen der Kohlebefürworter publiziert. Dann enthüllte die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens, dass die Repower 35 Aktivisten des Pro-Kohle-Bürgerkomitees Vedere Chiaro eine Reise nach Chur finanzierte, als Schweizer KohlegegnerInnen dort Ende August eine Kundgebung organisierten. Palamara fand heraus, dass sich die Medienmitteilungen des Bürgerkomitees zur SEI zurückverfolgen lassen, worauf diese erklärte, sie habe die Mitteilungen keineswegs verfasst, sondern lediglich «gegengelesen».

«Neun von zehn Leuten, die man fragt, sind gegen den Bau des Kraftwerks», sagt Luigi Palamara. «Und diejenigen, die sich dafür aussprechen, verfolgen damit eigene Interessen. Die Pläne der Repower haben hier gefährliche Mechanismen ausgelöst. Derzeit wird der Boden für grosse Illegalitäten bereitet.» Palamara spricht von einer Korruption, die mit keinem Gesetz geahndet werden könne: «Jeder, der jetzt Überzeugungsarbeit für die SEI leistet, erwartet früher oder später eine Gegenleistung in Form von Aufträgen oder Arbeitsplätzen. Doch davon wird es nicht genug für alle geben. Und das führt zu erbitterten Kämpfen.» Es sei nicht nur das Gespenst des drohenden Kraftwerks, das ihm Angst mache, sondern auch die Konflikte, die ausbrechen werden, sobald der Bauentscheid gefällt sei, sagt Palamara.

Die Stimmung wird auch ohne Bauentscheid immer angespannter. Und nachdem sich die ’Ndrangheta lange zurückgehalten habe, sagt Luigi Palamara, beginne sie sich nun auch für die Pläne der SEI zu interessieren. Kein Auftrag in der Provinz Reggio Calabria, auch nicht für nur 2000 Euro, an dem die ’Ndrangheta nicht verdient. «Das sage nicht ich», hält Luigi Palamara fest, «das sagt ihnen hier jeder Staatsanwalt.» In ihrem Bericht von 2010 hält die Anti-Mafia-Behörde Dia fest, dass ein Kohlekraftwerk der neusten Generation (ebenso auch Wind- und Fotovoltaikparks) in verstärktem Masse die Interessen krimineller Organisationen auf sich ziehe. Im Bericht wird auch darauf hingewiesen, dass die ’Ndrangheta Behörden und Wirtschaft bis in höchste Ränge infiltriere und sich mit mündlichen Absprachen wirtschaftliche Vorteile sichere. Repower nimmt dazu wie folgt Stellung: «Der Bericht der Antimafia-Behörde enthält eine pauschale Beurteilung zu den Risiken der Verwundbarkeit gegenüber krimineller Infiltration. Repower wehrt sich entschieden dagegen, aufgrund dieser allgemeinen Feststellung der Komplizenschaft mit kriminellen Organisationen verdächtigt zu werden.» Das klingt zahmer als auch schon: Auf eine erste Anfrage über das Risiko mafiöser Infiltration beim Kraftwerkprojekt antwortete die Repower damals, dass «solche ruf- und kreditschädigenden Vorwürfe» auf der Basis von «unbelegten und haltlosen Unterstellungen» einzig auf «die Diffamierung von in Kalabrien tätigen Unternehmungen und Repower im Besonderen» abzielten.

Warum die Repower auf Kohle setzt

Ein Kohlekraftwerk wie das in Saline Joniche geplante ist nicht nur umweltschädigend, sondern möglicherweise auch gar nicht rentabel. In einem offenen Brief an die Repower wiesen im August 24 Schweizer WissenschaftlerInnen explizit auf die wirtschaftlichen Risiken der Kohlekraft hin. So etwa auf die Tatsache, dass die EU beschlossen hat, die CO2-Emissionszertifikate zu verknappen, was zu deren Verteuerung führt. Die Rentabilität von Kohlekraftwerken, so die WissenschaftlerInnen, setzt eine hohe Auslastung der Kraftwerke voraus, zumal ein Neubau mit hohen Investitionskosten verbunden ist, die Verteuerung der Zertifikate nicht eingerechnet.

Die hohe Auslastung jedoch wird immer schwieriger zu erreichen sein. In Deutschland werden erneuerbare Energien beim Netzzugang bevorzugt, das heisst: Wenn es sauberen Strom gibt, hat er Vorrang. Der Rest der Energieerzeuger muss sich den schwankenden Einspeisemengen der erneuerbaren Energien anpassen. Doch gerade Kohlekraftwerke, die auf den Grundlastbetrieb fixiert sind und lange Anlaufzeiten haben, sind diesbezüglich nicht flexibel. Bessere Möglichkeiten bieten sich da, wie bereits erwähnt, den Gaskraftwerken. Die Repower antwortete auf den Brief lapidar, dass sie «sehr wohl in der Lage» sei, Risiken und Chancen ihrer Investments zu beurteilen.

Warum die Repower auf Kohle setzt, erklärt Peter Vogelsanger folgendermassen: «Die Repower spekuliert auf eine von drei Möglichkeiten: Entweder glaubt sie, dass der politische Druck in Sachen Klimaschutz nicht zunimmt und sich die CO2-Zertifikate nicht bald verteuern, oder sie geht davon aus, dass der Stromverbrauch in den nächsten Jahren markant ansteigt, schneller, als genügend neue Kraftwerke gebaut werden können. Oder sie spekuliert auf einen monopolisierten Markt – sie sagt sich, wenn die wenigen dominanten Energieunternehmen in einem Land weiterhin auf Kohle setzen, dann wollen wir das auch. Ihr Vorgehen erinnert mich an die UBS oder die Swissair: Im Heimmarkt die Preise hoch ansetzen, dann im Ausland expandieren, im Glauben, dort am monopolisierten Markt ebenfalls abkassieren zu können. Doch wenn die Zertifikate verteuert werden, dann ist es für die Konkurrenz ein Leichtes, ein länger bestehendes Kraftwerk abzuschalten, während ein neu gebautes erst amortisiert werden muss.» – Was unter den aktuellen Gegebenheiten rund 25 Jahre dauern kann.

Dass sich das Geschäft mit der Kohle nicht lohnt, scheint die an der Repower beteiligte Alpiq indes gemerkt zu haben. Vor kurzem teilte sie mit, die 20 Prozent, welche sie an der Edipower und damit an zwei grossen Kohlekraftwerken in Brindisi hält, an die französische EDF verkaufen zu wollen. (Was auch aus Imagegründen nicht schlecht sein dürfte, seit bekannt wurde, dass giftige Kohle-Nebenprodukte eines weiteren Kohlekraftwerks aus Brindisi illegal in Kalabrien entsorgt wurden.) Allerdings sagt die Alpiq gegenüber der WOZ , sie zweifle nicht an der Wirtschaftlichkeit von Kohlekraft, und Imagegründe seien für den geplanten Anteilsverkauf nicht ausschlaggebend gewesen. Die Repower selbst verweist auf ihr Projektportfolio, schweigt sich aber über die genaue Geschäftsstrategie aus. Sie teilt weder mit, wie viele Anteile sie letzten Endes am Kohlekraftwerk in Saline Joniche halten will, noch, ob es interessierte Investoren gibt.

Kreativ gegen Kohle und Mafia

Die KohlegegnerInnen von Saline Joniche haben am 29. Oktober, dem nationalen Anti-Kohle-Tag, zur Kundgebung aufgerufen. Rund 300 Personen demonstrieren vor dem verwaisten Industriegelände der Liquichimica. Von einer Strassenbrücke aus beobachtet eine Handvoll Vertreter der Pro-Kohle-AktivistInnen die Szenerie. Als der Besuch von Vedere Chiaro in Chur schlechte Schlagzeilen machte, gründeten die KohlebefürworterInnen ein neues Komitee. Eines der Vorstandsmitglieder handelt übrigens mit Fotovoltaikanlagen. Die Kommunikationsverantwortliche der Repower-Tochter SEI kann zwar keine Auskünfte erteilen, dafür macht sie Filmaufnahmen von den Protestierenden und notiert sich Dinge auf einem kleinen Block. Flankiert wird sie von einem Fleischberg mit Sonnenbrille, «Famiglia cattiva», schlechte Familie, hatte ein Kohlegegner kurz zuvor an der Kundgebung gesagt und auf ihn gedeutet. Auch SEI-Consulente Franco D’Aquaro ist da. Er will Schweizer JournalistInnen keine Interviews geben, weil diese sowieso mit der Atomlobby unter einer Decke stecken würden. Zwei Sätze später will er das nie gesagt haben. Paolo Catanoso sucht das Gespräch, was D’Aquaro nicht zu passen scheint, die beiden geraten verbal aneinander, bis ein Vedere-Chiaro-Mitglied Catanoso an der Gurgel packt und würgt, der Consulente lässt es geschehen. «Parlano i morti», da reden die Toten, sagt einer mit Blick auf die Kundgebung.

Unterhalb der Brücke, auf der die SEI-Kommunikationsverantwortliche filmt: VertreterInnen der Umweltverbände, der Gewerkschaften und PolitikerInnen. Letztere hat das Komitee von No Carbone Saline Joniche eigentlich nicht sprechen lassen wollen. Sie tun es doch. Bewehrt mit Schärpen in den Landesfarben reden sie über Nachhaltigkeit. Der Gemeindepräsident von Montebello Ionico, der Gemeinde, auf der sich das Areal befindet, ist nicht anwesend. Noch im Wahlkampf zeigte er sich als glühender Kohlegegner, nun, nach der Wahl, sagt er, man müsse doch auch die positiven Aspekte eines Kraftwerks für die Entwicklung der Region anerkennen. Doch das, so sind sich die RednerInnen an der Kundgebung einig, ist nicht die Art von Entwicklung, die sie für Kalabrien wollen. «Arbeitsplätze», sagt ein Gewerkschafter, «sind schon gut.» Aber diese solle man mit Investitionen in die Entwicklung eines sanften Tourismus fördern und nicht mit einem weiteren fragwürdigen Industrieprojekt. Ein Architekturwettbewerb mit einer Preissumme von 35 000 Euro soll demnächst lanciert werden, mit dem Ziel, aufzuzeigen, welche zukunftsfähigen Nutzungsmöglichkeiten es für das Gelände der ehemaligen Liquichimica gibt.

Im felsigen Hinterland von Melito di Porto Salvo gedeiht ein Projekt, das zeigt, wohin die von den Kohlegegnern erwünschte Entwicklung gehen könnte. Pentedattilo, eine Siedlung, einst gegründet von griechischen Einwanderern, erlebte im Mittelalter ihre Blüte und überdauerte bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, dann verliessen die letzten BewohnerInnen das Dorf. Doch seit einigen Jahren ist der Verein Pro Pentedattilo daran, dem Ort neues Leben einzuhauchen: Er renoviert die alten Steinhäuser, in einigen von ihnen haben KunsthandwerkerInnen ihre Ateliers eingerichtet. Schulklassen aus aller Welt kommen her, um freiwillig beim Wiederaufbau zu helfen, jeden Herbst veranstaltet der Verein ein Kurzfilmfestival.

Überall in Pentedattilo prangt das Logo von Libera, der Bürgerbewegung gegen die Mafia. «Kreativität, der Mut, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, das ist der einzige Weg, wie sich die Kalabrier von der Mafia emanzipieren können», sagt Giuseppe Toscano, «leider ist die Mehrheit der Bevölkerung noch immer sehr lethargisch.» Toscano kämpft gegen das Kohlekraftwerk, damit das Projekt Pentedattilo und die damit verbundenen Hoffnungen auf eine weniger düstere Zukunft nicht zum Erliegen kommen. Zweifelsohne wäre es für TouristInnen weniger attraktiv, käme das Kraftwerk inmitten des Panoramas zu stehen, das sich den BesucherInnen hier bietet. «Es würde uns die Arme abschneiden», sagt Toscano.

Im Informationszentrum von Pentedattilo hängen Tafeln und Karten, eine Fotostrecke illustriert die Gewinnung der Bergamottenessenz. Die Zitrusfrucht wächst nur in Kalabrien und bescherte der hiesigen Landbevölkerung über Jahrhunderte ein Auskommen. Im Jahre 1908 erschütterte das Erdbeben von Messina die Region. Schätzungsweise 100 000 Menschen verloren ihr Leben. Noch schlimmer war es im Jahre 1783. Zwischen Kalabrien und Sizilien verläuft eine tektonische Verwerfung, die auch für den Vulkanismus auf Sizilien verantwortlich ist. Die Erde ist unruhig um Saline Joniche. Paolo Catanoso erzählt von einem Geologen, der zum Schluss kam, dass allein schon die geologische und seismische Sicherung des Terrains das Kraftwerk unwirtschaftlich machen würde – bereits beim Bau der Liquichimica verschwand ein geologisches Gutachten aus den Unterlagen, welches das Gebiet als ungeeignet für industrielle Zwecke klassierte. Der damalige Direktor der Baubehörde, der an der Unbrauchbarkeit des Geländes festhielt, verlor sein Leben in einem mysteriösen Autounfall.

Eine Chance – und eine ganz kleine

Flavio Stasi ist Mitglied der nationalen Anti-Kohle-Bewegung. Er war dabei, als im Sommer 2011 die Bevölkerung mithilfe der Umweltverbände verhinderte, dass ein altes Ölkraftwerk in Porto Tolle, betrieben von der staatlichen Energiegesellschaft Enel, zum Kohlekraftwerk umfunktioniert wurde. Auch in Rossano, auf der anderen Seite der kalabrischen Halbinsel, existiert ein solches Umwandlungsprojekt. Zwar hatte sich die Bevölkerung der Provinz 2005 gegen den Bau ausgesprochen. Doch das will noch nichts heissen. «Die Energiekonzerne haben Zeit», sagt Stasi. «Sie setzen auf die Taktik der Zermürbung, ziehen sich einige Jahre zurück und versuchen es dann von neuem, wenn die politischen Rahmenbedingungen sich ändern. Irgendwann wird die ansässige Bevölkerung des Widerstands müde, sie hat wichtigere Sorgen, es fehlt an Geld, an Arbeit.»

Und dort, wo der Widerstand sich nicht ohne weiteres brechen lässt, gibt es andere Methoden. «Als sich das Regionalparlament in Porto Tolle gegen den Bau des Kraftwerks aussprach, erliess die Zentralregierung in Rom kurzerhand eine Verordnung, die es erlaubt, in Porto Tolle Ölkraftwerke auch ohne die Zustimmung der regionalen Bevölkerung in Kohlekraftwerke umzuwandeln.» Das geht, weil im italienischen Finanzgesetz ein Passus existiert, der «dringende Massnahmen zur Stützung des Industriesektors in der Krise» vorsieht und zu diesem Zweck eine «Abweichung der gültigen Anordnung der nationalen und regionalen Gesetze» toleriert. Da hilft nur noch eine Verfassungsklage. In Porto Tolle hat es funktioniert. Gemäss Flavio Stasi ist auch für Saline Joniche eine Spezialverordnung in Arbeit, die dann in etwa wie folgt lauten würde: «Auf ungenutzten Industriearealen können private Investoren zur Stützung der lokalen Wirtschaft Projekte ohne die Zustimmung des Regionalparlaments verwirklichen.»

«50/50», antwortet Journalist Luigi Palamara auf die Frage, für wie wahrscheinlich er es hält, dass das Projekt der Repower letzten Endes realisiert wird. Die GegnerInnen haben zwei Chancen: entweder sie sind mit einer Verfassungsklage erfolgreich. Für den wahrscheinlichen Fall, dass die Klage nötig wird, haben die AktivistInnen von No Carbone und die italienischen Umweltverbände das Anwaltsbüro engagiert, das im Prozess um Porto Tolle den Sieg errang. Oder aber das Schicksal von Saline Joniche liegt in den Händen der Bündner Stimmbevölkerung: Am 19. Oktober diesen Jahres reichten die Umweltverbände zusammen mit dem Bündner Verein «Zukunft statt Kohle» eine Volksinitiative ein, die den Kanton dazu verpflichten soll, die Repower von der Beteiligung an Kohlekraftwerken abzuhalten.

Doch damit ist nicht gewährleistet, dass das Kraftwerk in Kalabrien nicht gebaut wird. Denn damit bliebe der Repower noch immer die Möglichkeit, ihre Anteile zu verkaufen – und die Dreckschleuder im Land der Bergamotte würde von jemand anderem gebaut. In diesem Fall bleibt den KohlegegnerInnen in Kalabrien nur noch die Hoffnung auf Hilfe von oben – immerhin ist der erste Heilige und Schutzpatron von Reggio Calabria, San Gaetano Catanoso, Paolos Grossonkel.

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