Nr. 39/2009 vom 24.09.2009

Sie kämpfen gegen 12 000 Megawatt

Seit Monaten gibt es regional Opposition gegen die Kohlekraftwerke, die Schweizer Energieunternehmen im Ausland planen. Doch es fehlt eine nationale Koordination.

Von Susan Boos

Dörpen ist weit weg, Brunsbüttel und Lünen auch. Diese Orte in Deutschland haben eines gemeinsam: Schweizer Energieunternehmen planen dort, Steinkohlekraftwerke zu bauen, die eigentliche CO2-Fabriken sind (siehe WOZ Nr. 38/09).

«Allein das Kraftwerk in Dörpen wird etwa gleich viel CO2 produzieren wie die gesamte Bevölkerung des Kantons Bern», sagt Thomas Mathis. Er ist freischaffender Biologe und engagiert sich seit langem in der Berner Greenpeace-Regionalgruppe. Das Projekt Dörpen des Berner Energieunternehmens BKW FMB Energie AG macht ihn fassungslos. Es ist ein Kraftwerk, das in der Schweiz nie gebaut werden könnte, doch wenn die BKW dies an der deutsch-holländischen Grenze tut, interessiert das hierzulande wenig.

Komplizierte Organisation

Matteo Buzzi geht es ähnlich wie Mathis, doch er tritt gegen ein Projekt der Tessiner Elektrizitätswerke (AET) an, ein Kohlekraftwerk, das in Lünen, nördlich von Dortmund, erstellt werden soll. Die AET, die noch zu hundert Prozent dem Kanton gehört, will fünfzig bis achtzig Millionen Franken darin investieren. Buzzi ist Meteorologe, arbeitet im Tessin für «Meteo Schweiz» und engagiert sich seit Jahren in der Tessiner Regionalgruppe von Greenpeace.

Buzzi und Mathis kämpfen denselben Kampf und müssen sich doch getrennt gegen wohlbetuchte Widersacher behaupten. Eine ganze Reihe von Leuten – nicht nur von Greenpeace-Regionalgruppen, sondern auch Grüne und WWF-Mitglieder – versucht die Kohleprojekte ihrer Elektrizitätswerke zu verhindern (vgl. Kasten). Allerdings ist es kompliziert, den Widerstand zu organisieren, da acht verschiedene Stromunternehmen involviert sind. Rechnet man ihre geplanten und bereits bestehenden Beteiligungen in ausländische Gas- oder Kohlekraftwerke zusammen, kommt man auf eine Kraftwerksleistung von 12 000 Megawatt. Das ist fast das Doppelte dessen, was die Schweiz braucht, um ihren eigenen Strombedarf zu decken. Diese Kraftwerke werden zudem den Schweizer CO2-Ausstoss mehr als verdoppeln.

Eigentlich brauchte es eine gesamtschweizerische Koordination, um den regionalen Schweizer Widerstand zu vernetzen und national mehr Gewicht zu bekommen, sagen Buzzi und Mathis, denn den Regionalgruppen fehlten dafür die Ressourcen. Vor allem sind sie enttäuscht, dass sich die grossen Umweltorganisationen nicht stärker engagieren.

Eine Frage der Priorität

Graziella Regazzoni, bei Greenpeace Schweiz Teamleiterin der Kampagne Atom/Energie, meint gegenüber der WOZ, in der aktuellen nationalen Kampagne gehe es vor allem darum, in der Schweiz Einfluss zu nehmen: «Die Zeit dazu ist günstig, liegen doch wegweisende Entscheidungen vor uns: AKW-Abstimmung oder die Festlegung von verbindlichen Klimazielen. Deshalb hat die ausländische Kohle nicht die gleiche Priorität.» Umso wertvoller sei das Engagement der Regionalgruppen, die die ausländischen Geschäftsstrategien der Schweizer Stromkonzerne aufdecken und so die nationalen Anstrengungen ergänzen würden.

Die regionalen Gruppen haben inzwischen selber begonnen, sich zu vernetzen. Noch fehlen ihnen aber die Mittel, um sich eine professionelle, bezahlte Koordinationsstelle zu leisten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Sie kämpfen gegen 12 000 Megawatt aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr