Nr. 40/2009 vom 01.10.2009

Ein Rezensent

Von Andreas Simmen

Darf ein Verleger die Literaturkritik kritisieren? Um Gottes willen, nein!, wird mancher Kollege ausrufen. Wo doch die Feuilletons abgebaut werden. Man muss froh und dankbar sein, wenn hie und da überhaupt noch ein Buch irgendwo erwähnt wird ...

Ich habe das lange Zeit auch so gesehen. Jetzt nicht mehr. Immer wenn ein neues Buch aus der Druckerei kommt, denke ich: Hoffentlich kriegt es dieser Rezensent nicht in die Krallen, besser, die Zeitungen, die er bedient, lassen das Buch unbesprochen.

Dabei meine ich nicht alltägliche «Unfälle» oder «Fehler», die halt passieren: Klappentext abgeschrieben, aber so, dass er keinen Sinn ergibt, AutorInnenamen, Titel und Verlagsnamen falsch geschrieben und so weiter. An solches hat man sich längst gewöhnt. Auch bei «Qualitätszeitungen».

Gravierender sind Fälle wie dieser: Eine Journalistin fragt nach der Handynummer eines Autors; sie möchte ein Porträt von ihm in einer deutschen (Qualitäts-)Zeitung machen. Okay, haben Sie die Bücher, oder sollen wir sie Ihnen schicken? Nein, das gibt nur ein Porträt, ich habe nicht auch noch Zeit, ein Buch zu lesen.

Oder: In einer Schweizer Qualitätszeitung kommt ein Text zu André Gorz; dazu ein Autorenfoto, aber das falsche, es zeigt Elmar Altvater. Der zuständige Redaktor: «Das ist Pech, aber wer es weiss, merkt es ja, und für die anderen spielt es keine Rolle.» Oder: In einer anderen Schweizer Qualitätszeitung behauptet der Rezensent, in einem Buch von Vincenzo Todisco seien die in der Originalsprache wiedergegeben Tangotexte voller Fehler, und er führt als Beleg einen Vers an, der allerdings völlig korrekt ist. Der Rezensent wusste nur nicht, dass dem argentinischen Tango die Sprachnormen der Real Academia zu Madrid schnuppe sind.

Diese Beispiele liessen sich beliebig vermehren; jeder Verlag könnte weitere beitragen. Und damit könnte man trotz allem leben.

Ich möchte aber einen Fall aufgreifen, mit dem sich meiner Meinung nach nicht mehr leben lässt. Deshalb sollen hier auch Namen genannt werden. Dieser Rezensent unterhält eine Art Rezensionenmanufaktur; er hat einen gewaltigen Ausstoss, weshalb man von ihm nicht erwarten kann, dass er die Bücher auch noch liest. Seine Geschäftsphilosophie besteht darin, dass es nicht darauf ankommt, dem Buch gerecht zu werden, sondern dem jeweiligen Abnehmer der Rezension, seinem Kunden. Er schreibt für elektronische und gedruckte Medien im deutschen Sprachraum, manchmal unter verschiedenen Namen. So publiziert er seine Kritiken im linken «Neuen Deutschland» (ND) als Benjamin Jakob und dann dasselbe als Uwe Stolzmann in der «Neuen Zürcher Zeitung» (NZZ).

Dasselbe? Nein, nicht ganz. Bei der NZZ-Version fügt er jeweils kundengerechte Textbausteine ein, die, was unsere Bücher angeht, immer in die gleiche Richtung zielen. Etwa: «Warum eigentlich müssen fast alle Hauptfiguren auf der ‹guten›, der linken Seite stehen?», oder: «Wer mag, kann den Roman als linke Streitschrift feiern.» Das hat zwar mit den Büchern, um die es hier ging, nicht das Geringste zu tun. Aber Stolzmann meinte es auch nicht allzu ernst, denn was in seinem ND-Text eine freundliche Besprechung sein kann, wird erst in der NZZ zum Verriss.

Warum tut er das? Vielleicht weil er denkt, die NZZ wolle es so haben. Also aus vorauseilendem Opportunismus. Dieser dürfte das entscheidende Movens dieses Feuilletonschreibers sein. Als «Antilinker» machte er sich unter anderem einen Namen, als er in der NZZ vor einiger Zeit unter dem Titel «Das Gespenst einer totgeglaubten Ideologie» einen Rundumschlag gegen die lateinamerikanische Linke publizierte – damals weitherum eine Lachnummer der Spezialklasse. Er schlüpfte in die Rolle dessen, was er sich als Ex-Ossi wohl unter einem West-Kaltkrieger vorstellte. Auch hier durchaus kundengerecht – in der «sozialistischen Tageszeitung» ND hätte sein Alter Ego Benjamin Jakob vermutlich einen anderen Text geschrieben.

Neulich hörte ich, dass dieser Mann – jetzt wieder als Uwe Stolzmann – nun am MAZ angehende JournalistInnen unterrichtet.

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