Nr. 42/2009 vom 15.10.2009

Der Glaube der Freidenker

Von Adrian Riklin

Eine Vereinigung von sogenannten FreidenkerInnen macht mit dem Spruch auf sich aufmerksam, dass es «wahrscheinlich keinen Gott» gebe. Doch was ist einE FreidenkerIn? Und was könnte freies Denken auch noch sein?

Dem Stadtrat von Zug war das zu viel: nicht die Anti-Minarett-Plakate. Verboten hat er vielmehr das Aufhängen von Plakaten, auf denen der Spruch steht: «Da ist wahrscheinlich kein Gott. Also sorg dich nicht – geniess das Leben». Der Stadtrat befürchtet, dass damit die Gefühle der – mehrheitlich katholischen – ZugerInnen verletzt werden.

Verantwortlich für die Sätze zeichnet die Freidenker-Vereinigung der Schweiz (FVS), die diese Aktion von britischen KollegInnen übernommen hat. Freidenker: Das ist ein grosses Wort, mit dem sich auch sonst so mancher schmückt, der seine geistige Unabhängigkeit hervorheben will. «Ich bin halt Freidenker»: Den Satz hört man oft in diesen Zeiten.

«Free thinker» nannten sich im späten 17. Jahrhundert in England Menschen, die sich gegen die Kirche und deren Einfluss auf die menschlichen Lebensumstände wandten. Nachweislich erstmals gebraucht wurde die Bezeichnung 1697 vom Denker William Molyneux in einem Brief an den Denker John Locke.

Französische Denker wie Denis Diderot und Voltaire besetzten den Ausdruck zunehmend als gegen den Gottesglauben gerichtet. Auch in Deutschland äusserten sich FreidenkerInnen gegen die strengen Gesetze der Kirche. Ab 1844 entstanden Gruppen, die sich 1859 zum Bund freireligiöser Gemeinden zusammenschlossen. Der besteht noch heute, einige Gemeinden nennen sich inzwischen «Freie Humanisten». Im 1881 gegründeten Deutschen Freidenkerbund versammelten sich die ersten ausdrücklichen Atheisten (nicht an Gott Glaubende), kurz darauf bildete sich die sozialdemokratische Freidenker-Gesellschaft. Die Arbeiter-Freidenkerbewegung trennte sich in vielen Ländern von der bürgerlichen, was 1925 zur Gründung der Internationale Proletarischer Freidenker führte. Diese Spaltung wurde 1931 auf dem 22. Weltkongress des Internationalen Freidenkerbundes in Berlin wieder aufgehoben. Die sozialdemokratische Internationale Proletarischer Freidenker und der Internationale Freidenkerbund verschmolzen zur Internationalen Freidenkerunion, der sich 1936 auch die kommunistische Internationale Proletarischer Freidenker anschloss.

In der Schweiz sind FreidenkerInnen seit 1908 als Freidenker-Vereinigung (FVS) organisiert. In örtliche Gruppen unterteilt, versteht sich die Vereinigung als Interessenvertretung von Menschen, die keiner Glaubensrichtung angehören. Hundert Jahre nach ihrer Gründung zieht die Vereinigung vermehrt die Aufmerksamkeit auf sich. Vor einem Jahr wurde die Aktion «Leben ohne Dogma – ich bin konfessionsfrei» gestartet. Noch mehr Aufmerksamkeit verbuchen können die FreidenkerInnen mit der Plakataktion in diesem Herbst. Schon Wochen vor dem Aushang hat sich die Aussage «Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Also sorg dich nicht – geniess das Leben» durch Zeitungsberichte ins öffentliche Bewusstsein gesetzt. Während in Zug die Plakate verboten wurden, wird der Spruch in St. Gallen ab Ende Oktober auf fünfzig Plakatwänden prangen. Vor einem Jahr noch verboten die Verkehrsbetriebe der Stadt eine ähnliche Aktion.

Die FreidenkerInnen wollen ein Verbot religiöser Werbung erreichen. Zudem bekämpfen sie die steuerliche Bevorteilung der Landeskirchen und setzen sich für die Einführung eines allgemeinen Ethik- anstelle des Religionsunterrichts in der Grundschule ein. Gemäss Statuten tritt die FVS «für die Freiheit des Glaubens, der Meinung und der Meinungsäusserung» ein und strebt «die Gleichberechtigung aller weltanschaulichen Gruppen und deren Unabhängigkeit vom Staat» an. In diesem Punkt, der Trennung von Staat und Kirche, erhalten sie derzeit die lautstarke Unterstützung von den JungsozialistInnen.

Dabei stellt sich die Frage, inwieweit nicht auch diese Botschaft auf einem Irrglauben fusst. Allein das Wort «wahrscheinlich» deutet darauf hin, dass sich die FreidenkerInnen mit ihrer Ansicht auf der sicheren Seite wähnen. Selbst wenn man nicht an einen Gott glaubt: Zu behaupten, dass der Glaube an einen Gott mit mehr Sorgen und weniger Genuss verbunden sei, ist ebenso unhaltbar wie die Behauptung, es gebe einen Gott. Die Aussage der FreidenkerInnen – im englischen Original vielleicht noch mit einer leisen Ironie versehen – erstaunt: Ist es nicht gerade der Geist der Aufklärung, auf den sie sich berufen?

Was könnte frei denken vielmehr heissen? Vielleicht: Nicht kurze Sprüche verbreiten, sondern kluge Fragen stellen. Was die FreidenkerInnen jetzt aber tun, ist kein freies Denken, sondern unfreies Glauben – indem sie den Glauben, den sie nicht teilen, mit einem anderen bekämpfen. EinE um Ehrlichkeit bemühter FreidenkerIn würde womöglich eher sagen: Vielleicht gibt es keinen Gott. Oder: Vielleicht gibt es noch wichtigere Fragen als die, ob es so etwas wie einen Gott gibt. Zum Beispiel: Was heisst eigentlich das Leben geniessen? Und wie erkläre ich das jemandem, der – Gott hin, Gott her – davon ausgeschlossen wird?

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