Nr. 44/2009 vom 29.10.2009

Und Trix und Flix?

Interview: Adrian RiklinMail an AutorIn, Foto: Ursula Häne

«Maskottchen können den letzten Mist verkaufen»: Lars Studer von Schauplatz International (vorne) mit Pips, Albert Liebl, Mäxx, Anna-Lisa Ellend, Nikki und Martin Bieri.

WOZ: Wozu all die Maskottchen in Ihrem Atelier?
Schauplatz International: Die haben schon in unserem Stück «Mascots» mitgespielt. Seither haben sie uns nicht mehr losgelassen. Jetzt spielen wir «Mascots II» mit ihnen.

Dieser Typ kommt mir bekannt vor...
Das ist Mäxx, offizielles Maskottchen der Handball-Europameisterschaft 2006. Und dort: Allwin, Maskottchen der World Games in Duisburg 2005.

Und ist das nicht Smooney?
Ja, das Maskottchen der Ski-Weltmeisterschaft 2003. Es symbolisiert Sonne und Mond.

War es schwierig, die Maskottchen zu befreien?
Zum Teil schon. Den Obi-Biber zum Beispiel haben wir nicht in unser Kollektiv aufnehmen können. Der Marketingleiter der Migros begründete das damit, dass man die «Verbreitung des Obi-Bibers eindämmen» wolle. Der Hauptgrund dafür, dass viele Besitzer ihre Maskottchen nicht aus der Hand geben wollen, liegt aber woanders: Man will die individuelle Persönlichkeit des Maskottchens schützen.

Persönlichkeit ...?
Zum Beispiel von Herthinho, dem Bären von Hertha BSC Berlin. Auf unsere Frage, ob wir das Bärenkostüm für unser Stück verwenden dürften und wer der Darsteller sei, der sich darunter verstecke, antworteten Herthas Marketingchef und Herthinhos persönlicher Assistent unisono: «Es gibt kein Kostüm, es gibt keinen Darsteller. Es gibt nur den Bären.»

Und Trix und Flix, die Maskottchen der Fussball-Europameisterschaft 2008?
Hat uns der europäische Fussballverband Uefa leider nicht mehr zur Verfügung gestellt. Nach dem ersten Stück «Mascots» mussten wir sie zurückbringen, die Uefa hat uns mit Anwälten gedroht. Trix und Flix liegen jetzt wieder in einem Keller im Hauptsitz in Nyon.

Was interessiert Sie eigentlich an diesen Maskottchen?
Die Erkenntnis, dass wir selbst Maskottchen geworden sind – gerade durch das Etikett «politisches Theater». Wenn alle immer schon im Voraus zu wissen glauben, was von einem zu erwarten sei, nämlich politisches Theater, wird man zum kulturellen Maskottchen. Kommt dazu, dass wir die ewige Dekonstruktion fast nicht mehr ausgehalten haben. Die Maskottchen haben uns getröstet.

Gesellschaftskritik ist salonfähig geworden?
Sie ist Teil der Unterhaltungsindustrie, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Dafür sind die Maskottchen ein gutes Beispiel: Es gibt für alles einen Markt. Was gut aussieht und lustig ist, zieht. Maskottchen können den letzten Mist verkaufen. Das gilt auch für kritische Kunst. Sie trägt zur Ästhetisierung der Gesellschaft bei  – und damit vielleicht zur Verschleierung realpolitischer Konfliktfelder.

Sogenannt kritische Künstler sind ja für den freien Kulturmarkt auch deshalb so interessant, weil sie bereit sind, in aller Öffentlichkeit und unter Missachtung ihrer eigenen Prinzipien nach neoliberalen Grundsätzen zu funktionieren: Die Kritik am Neoliberalismus findet unter neoliberalen Bedingungen statt.

Wie kann man dieser Falle entkommen?
Man kann nach der Verteilung der Produktionsmittel fragen. In der Kulturindustrie, selbst in den freien Szenen, herrschen da sehr unterschiedliche Bedingungen. Dann muss man versuchen, das, was man tut, mit dem, wie man es tut, in Einklang zu bringen, Form, Inhalt und Methode zusammenzubringen. Das heisst, vieles, das einfach so gilt, nicht gelten zu lassen.

Und das versuchen Sie im Spiel mit den Maskottchen, die Sie in «Mascots» aus den Fängen der Marketingmanager befreit haben?
Die Befreiung der Maskottchen aus ihren vorgegebenen Glücksbringerrollen, die wir durchgespielt haben, war ja schon der Versuch einer Selbstbefreiung. Nun haben wir festgestellt, dass diese Befreiung noch viel mehr ausgelöst hat. Das behandeln wir in «Mascots II»: Mit der Frage nach der Freiheit stellen die Maskottchen auch die Frage der Kunst. In der Kunst frei zu sein, ist ihnen zu einfach. Freiheit ist mehr als die Freiheit der Kunst: Zum Beispiel die Freiheit in der Arbeit, oder sogar die Freiheit von der Arbeit. Das ist viel schwieriger. Und dann geht es auch um die Frage: Wie lässt sich Kritik herstellen ohne Konsequenzverminderung?

Konsequenzverminderung?
Gesellschaftskritik, die keine gesellschaftlichen Konsequenzen nach sich zieht. Also Kunst.

Und wie liesse sich das bewerkstelligen?
Zum Beispiel, indem wir, wenn wir Räuber und Poli spielen, wirklich Räuber und Poli spielen.

Das Theaterkollektiv Schauplatz International (Anna-Lisa Ellend, Albert Liebl, Martin Bieri, Lars Studer) wurde 1999 gegründet.

Homestorys: www.schauplatzinternational.net/homestories.html

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch