Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

In Leuchttürmen arbeitet niemand

Die Ökonomisierung der Kunst wird mehr und mehr mit einer falsch verstandenen Professionalisierung gleichgesetzt. Vielleicht sollte man wieder Trotzki lesen?

Von Anna-Lisa Ellend, Martin Bieri, Albert Liebl und Lars Studer (Schauplatz International)

Was tun, wenn man – versehen mit dem Etikett «politisch» – zum Maskottchen der Unterhaltungsindustrie wird? Szene aus «Mascots II» von Schauplatz International (2009). Foto: Alexander Jaquenet

Kulturpolitik? Es sind selten kulturpolitische Anliegen, die verhandelt werden. Vermutlich ist Geld das einzig objektive Kriterium in der Kunst. Kunst flutscht einem ja sonst wie eine nasse Seife durch die Hände. Was auffällt, ist, wie die Ökonomisierung der Kunst zunehmend mit Professionalisierung und Objektivierung gleichgesetzt wird.

Der Künstler war schon immer sein eigener Unternehmer. Jetzt hat man ihm eingeredet, dass er das Unternehmertum auslagern soll. Es ist jemand dazugekommen, der vom Mehrwert mitprofitieren muss: der Kulturverwalter. Der Künstler gibt einen Teil seiner Wertschöpfung ab. Schmackhaft hat man ihm das gemacht, indem man ihm gesagt hat, er würde auch einen Teil des Risikos abgeben. Effektiv hat er einen Teil seiner Souveränität abgegeben und sich freiwillig zu einer Ware gemacht. KulturverwalterInnen nehmen sich, was ihnen gerade zusagt. Einige wenige fühlen sich zu Loyalität oder Treue verpflichtet, sie bleiben länger im Laden und wechseln nicht gleich das Geschäft, wenn ein Produkt nicht den Erwartungen entspricht. Alte Schule halt. In solchen Verhältnissen kann es für KünstlerInnen toll sein, einen Teil ihrer Wertschöpfung zu teilen.

Kunst steht für sich selber. Sie ist kein Ross, das man vor eine propagandistische oder pädagogische Karosse spannen kann. Kunst ist Kunst – ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Die Professionalisierung hat so weit geführt, dass KulturmanagerInnen in unseren Kreisen salonfähig geworden sind. Früher hätte man jemanden mit so einer Berufsbezeichnung vom Hof gejagt. Es sind die Kultursachbearbeiterinnen und Verwalter, die anders als die meisten KünstlerInnen ein Monatsgehalt erhalten – wohl sogar mit einem Dreizehnten und allem Drum und Dran. Ginge es um substanzielles Sparen, müsste man hier ansetzen.

Der Künstler, ein Maskottchen?

Das andere grosse Märchen: die privaten GeldgeberInnen. Es gibt da zum Beispiel eine Stiftung, die den Namen einer Firma trägt – die mit den Schokoriegeln, dem Wasser und der Babynahrung. Sie geht Partnerschaften mit engagierten Gruppen ein, für zwei, drei Jahre. Finanziert werden nicht direkt Projekte, sondern Sachen, die man sich sonst nicht leisten könnte. Aber das Einzige, was wir uns nicht leisten können, ist unsere Arbeit. Die Stiftung sagt: Seid zwei, drei Jahre kritisch – nur nix gegen die Firma! Das wird einem erst implizit, dann explizit gesagt. Obwohl immer wieder betont wird, dass die Stiftung total unabhängig sei und die Firma sich nicht einmische. Muss sie auch nicht: Die Verwalterin der Stiftung rapportiert der Firma von sich aus, was die Stiftung mit wem treibt.

Für «Mascots» (2008), wo es um KünstlerInnen als Maskottchen ging, wollte uns der Europäische Fussballverband Uefa seine Maskottchen zunächst nicht ausleihen, weil er von Heineken gesponsert war – und wir von der Stiftung der Firma mit den Schokoriegeln. Wir mussten erklären, dass die Stiftung nichts mit der Firma zu tun hat. Die Uefa hatte erkannt, was vielen KulturverwalterInnen, die private Finanzierungsmodelle propagieren, zu wenig klar ist: Sponsoring hat inhaltliche Konsequenzen. Entweder wird offiziell eingegriffen – oder man hat die Schere selber im Kopf.

Eine weitere Stiftung wollte zuerst die Generalprobe unserer Inselrevue «Stadt des Schweigens» (2007) über das Rohstoffhandelszentrum Zug sehen, um zu entscheiden, ob sie den Betrag von 3000 Franken spricht (bei einem Budget von 110 000 Franken). Das ist ein weiteres Merkmal privater GeldgeberInnen: Ihre Präsenz und die Beachtung, die man ihnen schenken muss, ist umgekehrt proportional zu den Mitteln, die sie bereitstellen.

Die öffentliche Hand aber ist ein relativ zugänglicher und verlässlicher Partner. Sie hat sich – in rührend naiver Art – nur einmal in unsere Arbeit eingemischt: Der ehemalige Vorsteher der Direktion für Kultur des Kantons Zug, mittlerweile Vorsteher der Volkswirtschaftsdirektion, sagte uns auf offener Bühne, wir sollten dran denken, von wem das Geld kommt.

Vorsicht, Leuchtturm!

Die Ökonomisierung hat die Konkurrenzsituation verschärft. Daraus folgt: Diskurs als Wertsteigerungsmethode. Aber eigentlich sind wir selbst schuld: Wir müssten uns nicht gegeneinander ausspielen lassen und könnten ohne die meisten Verwalter auskommen. Wir sind ja der Rohstofflieferant.

In Leo Trotzkis «Literatur und Revolution» stehen «die Wirtschaft, die Kulturarbeit und die Kunst» selbstverständlich nebeneinander. Sie gehörten zu dem, was die Grundlage der zukünftigen Gesellschaft ausmachen sollte. Kunst als das Selbstverständliche, nicht das Aussergewöhnliche. Der Versuch einer Erweiterung des Möglichen, einer Ausdehnung der Welt. Nicht als zwanghafte Produktion von Neuem, sondern als Aufrechterhaltung einer Bewegung. Das ist nichts Besonderes, nicht mal grosse Kunst – das ist einfach das Leben.

Noch ein paar Gedanken zur Leuchtturm-Metapher, die sich ja in der Kulturförderung vollkommen durchgesetzt hat: 1. Man sollte nicht in jedem Fall zu einem Leuchtturm hin, meistens soll man von ihm weg – oder besser: an ihm vorbei. 2. Leuchttürme müssen immer mehr oder weniger gleich aussehen; sonst verirrt man sich. 3. Aus demselben Grund müssen sie immer am gleichen Ort stehen. Sie dürfen sich nicht bewegen. Sie müssen da und immer genau da sein. Alles um sie bewegt sich – nur sie selbst nicht. 4. Leuchttürme sind sehr einsame Orte. Menschen gehen nur als TouristInnen hin. 5. In Leuchttürmen arbeitet niemand mehr. Man muss sie nur ab und zu warten. Der Rest läuft automatisch.

An vielen Küsten werden schlimme Geschichten von falschen Leuchttürmen erzählt. Von Gaunern, die Feuer machen, um Schiffe fehlzuleiten, in Felsen zu führen oder zum Sinken zu bringen und dann am Ufer ihre Ladung einzusammeln. Es soll dabei schon viele Tote gegeben haben.

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