Nr. 42/2018 vom 18.10.2018

Vergesst die Polemik gegen Superreiche

Im Kampf gegen sogenannte Eliten trifft sich der linke mit dem rechten Populismus. Warum das die falsche Strategie ist, erklärt die Künstlerin Andrea Fraser mit dem Soziologen Bourdieu. Und sie hätte sogar einen Ausweg parat.

Von Daniela Janser

Mit dem Bling-Nuggi im Mund geboren: Für die «Bildungshabenichtse» ist der Milliardär kein taugliches Feindbild. Foto: Tooga, Getty

Elitenkritik ist gerade wieder sehr en vogue. Auch bei der Linken. Egal ob man der einflussreichen politischen Theoretikerin Chantal Mouffe zuhört oder Bhaskar Sunkara, dem umschwärmten publizistischen Hoffnungsträger aus den USA: Die Stossrichtung ist dieselbe. Es wird Position bezogen gegen «die da oben». Sunkara, der Gründer des erfolgreichen linken «Jacobin»-Magazins, hat sich kürzlich bei seinem Besuch in Zürich klar zu Bernie Sanders bekannt – und zu dessen Offensive gegen die Superreichen. Sanders Mantra, das er in jeder Rede variiert: Man müsse die «Klasse der Milliardäre» in die Schranken weisen. Mit dieser Rhetorik könne Sanders die US-Präsidentschaftswahlen 2020 gewinnen, sagt der 29-jährige Sunkara.

Der Populismus irritiert

Auch die 75-jährige Chantal Mouffe, die mehrere linke Sammlungsbewegungen direkt berät, setzt im Kern ihrer Theorie «Für einen linken Populismus» auf eine einfache Freund-Feind-Logik: «Das Volk» auf der einen Seite, seine «Gegner» – womit «das politische Establishment» oder «die Reichen» gemeint sind – auf der anderen. Dieses simple «wir» gegen «die da oben» kopiert nicht zuletzt eine erfolgreiche Strategie der Rechten, die ebenfalls auf Elitenbashing und Feindbilder setzen, einfach mit anderen AkteurInnen. Die elitären Gegner der Rechten sind wahlweise und vage «das Establishment», «die globalisierte Klasse», «die Intellektuellen», «die Medien» oder «die Kulturlinken».

Und die Rechnung scheint aufzugehen – auf der rechten wie auf der linken Seite. Die populistische Polemik gegen «die Eliten» schmiert nicht nur die Kampagnen von Donald Trump, Jair Bolsonaro und der SVP, sondern sie verschafft auch Bernie Sanders, Jeremy Corbyn und Podemos Zulauf. Gleichzeitig verursacht einiges daran Unbehagen. Am rechten Populismus sowieso: Wenn steinreiche UniabsolventInnen wie Trump oder Blocher gegen eine Elite schimpfen, hat das etwas Surreales. Von den Hetzkampagnen gegen Intellektuelle und gegen Medien ganz zu schweigen. Aber auch der linke Populismus irritiert. Etwa weil man sich beim emphatischen Bezug auf «das Volk», auf ein «wir», stets fragt, nach welchen Ausschlusskriterien dieses «wir» konstruiert wird. Auch bleibt offen, wie relevant eine solche aggressive Aufteilung der Gesellschaft in Freund und Feind ist – ein Politikmodell, das man beim Nazijuristen Carl Schmitt abgeschaut hat.

Zweipolige Zuspitzungen

Derlei Bedenken hat auch die US-Künstlerin Andrea Fraser (siehe «Die Querschlägerin» im Anschluss an diesen Text). In einem lesenswerten Essay, der bereits vor einiger Zeit auf einer kleinen Kunstwebsite erschienen ist, kritisiert sie diese Fixierung auf Eliten von Grund auf. Dabei stützt sie sich auf den 2002 verstorbenen französischen Soziologen Pierre Bourdieu. Insbesondere geht es Fraser um Bourdieus Modell eines mehrteiligen Kräftefelds, das die heutige Gemengelage akkurater abbildet als simple zweipolige Zuspitzungen, die suggerieren, «die Milliardäre» seien das Problem – oder «die Intellektuellen».

Mit Bourdieu lassen sich derlei Elitekonstruktionen als falsche Feindbilder entlarven, die zudem verdecken, worum es wirklich geht: Klassen sind längst nichts Eindeutiges mehr, sondern mehrdimensional definiert – miteinander konkurrierende und kommunizierende Grössen in einem komplexen Kräftefeld. Neben dem ökonomischen gibt es etwa auch kulturelles Kapital, das Bourdieu «Bildungskapital» nennt.

Wirkmächtig sind heute oft paradoxe Mischformen, die sich nicht entlang rein ökonomischer oder kultureller Kriterien aufschlüsseln lassen. So kombiniert der Rechtspopulismus erfolgreich eine Politik für Reiche mit einer Politik, die wortreich gegen eine «kulturelle Elite» hetzt, seien das nun Intellektuelle oder JournalistInnen. Und wie etwa Trumps «Kommunikation» mit den Massen zeigt, appelliert hier ein Superreicher mit einer betont einfachen Sprache und primitiven Sprüchen an niedere Instinkte und Affekte. Nicht zuletzt geht es dabei darum, sich selber «klassendurchlässiger» zu machen. Mit Bourdieu könnte man sagen: Rhetorisch und kulturell verbrüdert sich Trump mit dem «Volk» (oder vielmehr mit dem, was er dafür hält), während sein Vermögen eigentlich einen massiven Keil zwischen ihn und die meisten seiner potenziellen WählerInnen treibt.

Dagegen haben linke Kampagnen, die mit rein ökonomischen Argumenten gegen die Superreichen schiessen, einen schweren Stand: Sie halten einer rechten Rhetorik, die gern mächtige kulturelle Feindbilder bastelt, ausser altmodischem Klassenkampf nicht viel entgegen. Oder wie es Fraser mit Bourdieu griffig zusammenfasst: Der Klassenkampf ist heute zuallererst ein Klassifizierungskampf: Entscheidend ist, in welche Schubladen man andere steckt oder selbst gesteckt wird; welche Feindbilder und Sprüche man in die Welt setzt, um nachher so zu tun, als habe man sie dem Volk direkt vom Mund abgelesen.

Aber was kann man dagegen tun, und wer oder was ist nun dieses «Volk»? Zumindest einen Hinweis geben die US-Nachwahlanalysen, die klarmachen, welche Schichten Trump gewählt haben. Entgegen einer oft geäusserten Behauptung lässt sich auch die Trump-WählerInnenschaft nicht entlang rein ökonomischer Kriterien aufschlüsseln. Das Durchschnittseinkommen des typischen Trump-Haushalts ist dafür zu hoch. Der einzige aussagekräftige gemeinsame Nenner der Trump-WählerInnen ist eine eher unterdurchschnittliche Bildung – was wiederum nicht heisst, dass Einkommen und Race gar keine Rolle spielten. Diese Tendenz ist der Ausgangspunkt für Frasers Intervention: Die viel zitierten Abgehängten sind nicht einfach die wirtschaftlich Armen, sondern die «Bildungshabenichtse». Bildung wird so zu einem Hauptfaktor für Wahlen und Wahlprognosen. Und warum diesen BildungsverliererInnen ausgerechnet der Milliardär als Feindbild einheizen sollte, leuchtet nicht unbedingt ein.

«Intellektueller Rassismus»

Anstatt sich auf eine kleine Finanzelite einzuschiessen, müsste sich die Linke also viel eher auf die Bildung der vielen konzentrieren. Der Ruf nach einer Entmachtung der Milliardäre ist eine populistische Verkürzung. Der längere, aber auch nachhaltigere Weg an die Macht wäre eine Bildungsoffensive: besser verteiltes kulturelles Kapital für alle als Bollwerk gegen Verführung durch Vereinfachung. Und auch wenn die Situation der USA nicht ohne Weiteres mit derjenigen in Europa oder Südamerika vergleichbar ist: Die Bildungsfrage ist garantiert grenzüberschreitend und lässt sich durchaus auch affektiv aufladen. Seltsam, dass sich etwa Chantal Mouffe mit ihrer «radikalen Demokratie» überhaupt nicht dafür zu interessieren scheint.

Worum es Fraser erklärtermassen auch geht, ist Selbstkritik. Und zwar nicht in dem Sinn, dass die Linke an Trump und überhaupt an der ganzen Misere schuld ist, wie oft pauschal behauptet wird. Aber die Linke sollte sich weder beim ökonomischen Kapital anbiedern noch ihre eigenen Privilegien, etwa was die Bildung betrifft, kleinreden. Und es wäre auch falsch, Trump-WählerInnen pauschal als «dumm» zu beschimpfen, was Fraser als «intellektuellen Rassismus» bezeichnet. Das Herausfordernde an Bourdieus Kapitaltheorie, in der nicht nur das Ökonomische zählt, ist ja gerade, dass sie uns fast alle irgendwie zu Besitzenden macht. Und Besitz ist Macht. Warum diese Macht mit Herablassung gegen unten und schablonenhafter Elitenkritik gegen oben verschwenden?

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