Nr. 17/2010 vom 29.04.2010

Der zerrissene Lumpensammler

Jean-Michel Palmiers Monumentalwerk entmystifiziert eine intellektuelle Kultfigur des 20. Jahrhunderts – und macht zugleich seine Aktualität sichtbar.

Von Raul Zelik

Wenige AutorInnen haben posthum so viele Debatten ausgelöst wie Walter Benjamin. Der 1892 geborene deutschjüdische Intellektuelle, zu Lebzeiten nur KennerInnen des Kulturbetriebs bekannt und stets von Existenznöten geplagt, verwandelte sich nach dem Zweiten Weltkrieg, vor allem durch die StudentInnenbewegung der sechziger Jahre, in eine Ikone von Kulturtheorie und undogmatischer Linken.

Über Jacques Derrida und Giorgio Agamben ist Benjamin bis heute ein wichtiger Bezugspunkt der neueren Philosophie. Kuratorinnen, Regisseure und Autoren greifen auf ihn zurück, wenn es gilt, eigenen Arbeiten Bedeutung zu verleihen. Und selbst ökonomisch ist Benjamin siebzig Jahre nach seinem einsamen Tod von Interesse. Die Inhaber der Autorenrechte – der Hamburger Publizist Jan-Philip Reemtsma und der Suhrkamp-Verlag – wachen argwöhnisch darüber, dass Benjamin-Schriften nicht im Netz zirkulieren.

Hinter der Lichtgestalt

Das grosse Verdienst von Jean-Michel Palmiers Monumentalwerk «Walter Benjamin» besteht darin, die Kultfigur zu entmystifizieren und theoretisch einzuordnen. Das 1300 Seiten starke und ebenfalls posthum erschienene Buch – der Kunstgeschichtler Palmier starb 1998 im Alter von 54 Jahren – besticht durch Kenntnisreichtum und Differenziertheit. Benjamin ist hier nicht einfach die Lichtgestalt, die von den ZeitgenossInnen verkannt wurde und der Neubegründung der Kulturwissenschaften den Weg bereitete. Benjamin erscheint hier vor allem als zerrissener Zwischengänger, dessen Bedeutung sich erst aus dem Rückblick auf das Gesamtwerk wirklich erschliesst.

Dass Benjamins Denken ein produktives Missverständnis zwischen theologischem Messianismus und Marxismus sei, ist schon häufiger behauptet worden. Bei Palmier bekommt diese These einen tieferen Sinn. Palmier zeichnet nach, dass sich Benjamin in miteinander verfeindeten Diskurskontexten bewegte. So pflegte er mit seinem Jugendfreund Gershom Scholem, der Anfang der zwanziger Jahre nach Palästina ausgewandert war und als Religionshistoriker an der Universität Jerusalem unterrichtete, eine langjährige Brieffreundschaft. Gleichzeitig unterhielt er enge Beziehungen zu Theodor Adorno und dem Frankfurter Institut für Sozialforschung, für das er Aufsätze verfasste. Und schliesslich war er ab Mitte der zwanziger Jahre der kommunistischen Linken um Bertolt Brecht verbunden.

Von einer «Aussöhnung» von Messianismus, kritischer Theorie, brechtscher Ästhetik und der marxistischen Orthodoxie der Dritten Internationale kann aber keine Rede sein. Folgt man Palmier, dann repräsentierten Scholem, Adorno und Brecht ein persönliches und theoretisches Kräftefeld, in dem Benjamin zerrissen blieb. Erschwert wurde seine Positionierung auch dadurch, dass er wegen seiner wirtschaftlichen Lage gezwungen war, sich verschiedene Optionen offenzuhalten. Immer wieder spielte er mit dem Gedanken, der Aufforderung Scholems nachzukommen und eine Anstellung an der Universität Jerusalem anzunehmen – obwohl er die zionistischen Überzeugungen des Freundes nicht teilte. Benjamins Verhältnis zum Frankfurter Institut für Sozialforschung war von einseitiger Abhängigkeit geprägt. Die Aufträge des Instituts stellten für ihn eine der wenigen mehr oder weniger verlässlichen Einkommensquellen dar. Vermittelt über Brecht verstand sich Benjamin aber auch als kommunistischer Autor, wobei die theoretischen und ästhetischen Differenzen zum «Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller» unüberbrückbar waren.

Palmiers Buch ermöglicht nicht nur einen besseren Zugang zu Benjamins bisweilen abgeschlossenen Schriften. Auch das Buch selbst ist bemerkenswerte Kunst: Palmier nähert sich Benjamin fast ausschliesslich über Schriften und Briefe. Lebenssituationen vermitteln sich bei ihm immer über die Texte, die aus den jeweiligen Situationen hervorgingen. Zudem folgt Palmier einer inhaltlichen (statt chronologischen) Struktur. Er umreisst zwar zunächst den historischen und soziokulturellen Kontext, in dem sich Benjamin bewegte: die Assimilationsbestrebungen des deutschen Judentums, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Exil. Doch Palmiers Hauptaufmerksamkeit gilt inhaltlichen Schwerpunkten: Sprache, Literaturkritik, dem deutschen Barockdrama (mit dem sich Benjamin in seiner gescheiterten Habilitationsschrift auseinandersetzte), dem Projekt einer materialistischen Ästhetik und der Verschränkung von Messianismus und Marxismus, der Benjamins letzte Schrift «Über den Begriff der Geschichte» gewidmet ist.

Unbeantwortete Fragen

Da Palmier sich an diesen Strängen entlanghangelt, legt er biografische Entwicklungen immer wieder in einem anderen Zusammenhang dar. Dabei kommt es zu Redundanzen – Palmier konnte das Buch nie abschliessend redigieren –, während gleichzeitig wichtige biografische Fragen ausgespart bleiben. Die nicht besonders engen Beziehungen zur Familie oder zum eigenen Sohn wären als Schlüssel zum Verständnis Benjamins durchaus von Belang. Zerrissenheit und Melancholie sind ja nicht einfach theoretische Positionierungen oder eine Abbildung von Ausschluss und sozialer Deklassierung, sondern haben auch mit individuellen Charakterzügen zu tun. Doch Palmier verweigert sich allem, was als Psychologisierung verstanden werden könnte.

Benjamin heute

Trotz dieser Einwände ist Palmiers Methode überzeugend. Das Buch wird ein Standardwerk für alle sein, die Benjamins Schriften lesen und verstehen wollen. Vor allem jedoch wirft es die Frage auf, was an Benjamins Denken aktuell ist. Palmier liefert hier keine Antworten, doch mindestens drei Aspekte drängen sich auf: Da ist zum einen Benjamins Interesse an der Technik. Im Unterschied zum kulturpessimistischen Adorno bleibt Benjamin gegenüber den neuen Kulturtechniken offen. In «Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit» diskutiert er, wie sich Ästhetik und Rezeptionsgewohnheiten mit neuen Kulturtechniken verändern – ein Problem, das sich heute in Anbetracht von digitaler Kommunikation und Computer Games unter neuen Vorzeichen stellt. Zweitens ist da der benjaminsche Begriff der Geschichte. Der stalinistische Determinismus, bei dem die gesellschaftliche Entwicklung einem mechanischen Prozess gleicht, hat sich schon vor Jahrzehnten selbst diskreditiert. Doch es ist auch kein historisches Verständnis an seine Stelle getreten, das dem herrschenden «Ende der Geschichte» ein emanzipatorisches Projekt entgegensetzen könnte. Benjamins Denken, in dem materialistische und theologisch-messianische Elemente auf verwirrende Weise verschränkt sind, mag selbst noch keine überzeugende Antwort bieten und lohnt doch eine Auseinandersetzung.

Und schliesslich ist da Benjamins Beschäftigung mit der Warenwelt. Das Bewegen durch Geschäftszonen beschrieb er schon früh als konstituierenden Moment bürgerlicher Gesellschaft. Heute, da Konsum zu einer identitätsbestimmenden Tätigkeit geworden ist, sich aber auch der physischen Räume entledigt, ist eine derartige Perspektive noch berechtigter als zu Benjamins Zeiten.

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