Nr. 51/2009 vom 17.12.2009

Mr. Markt stellt sich vor

Einen Katzensprung von der New Yorker Börse entfernt kann man sich den Kapitalismus im Museum of American Finance als TouristInnenattraktion ansehen.

Von Lotta Suter

Das besagte Museum an der Wall Street 48 schreibt sich «Mu$eum». Statt ausgestorbene Dinosaurier oder bedrohte Völker wird hier der Kapitalismus US-amerikanischer Prägung ausgestellt. Das Museum of American Finance ist gemäss Eigenwerbung ein «Schaufens-ter des amerikanischen Traums» – ein Traum, der immer noch nicht ausgeträumt ist?

Der Zufall will es, dass ich meine Winterreise ins Museum of American Finance in New Jersey an einer U-Bahn-Station namens Exchange Place – Börsenplatz – beginne und nach Unterquerung des Hudson River am Standort des ehemaligen World Trade Center aussteige. Diese unterirdische Station ist eine riesige Baustelle, doch ein bereits vollendetes Stück Kunst am Bau, eine farbige Interpretation der klassischen Wirtschaftsfieberkurve, zeigt bereits optimistisch in eine rosige Zukunft.

Oben auf der Strasse sind auch die letzten Mementos für die Terroranschläge von 2001 verschwunden. Einzelne Souvenirverkäufer versuchen zwar immer noch den TouristInnen verstaubte 9/11-Bildbände anzudrehen, doch sie tun es ohne Lust und Überzeugung und meist auch ohne grosse Englischkenntnisse. Denn die Erinnerung an die jüngste Geschichte der USA ist wie andere unangenehme Arbeit in dieser Gesellschaft an ImmigrantInnen, vorab undokumentierte Latinos, ausgelagert worden.

Glühender Nationalismus

Es regnet. Am Eingang zur Wall Street glänzen massive Goldbrocken, die das kleine Strässchen wie Panzersperren vom Verkehr abriegeln. Später erfahre ich, dass das Blockieren des Durchgangs tatsächlich ihr Sinn und Zweck ist: Nach dem 11. September sind im ganzen Finanzdistrikt von New York die Polizeipräsenz und die baulichen Sicherheitsmassnahmen massiv erhöht worden. Regulärer Verkehr ist wegen der Gefahr von Autobomben nicht mehr zugelassen. Doch die grösste Wertpapierbörse der Welt soll auch nicht allzu abweisend und martialisch wirken. Deshalb paarte man Sicherheit mit Design und aus der Vereinigung entstanden die erwähnten ästhetisch angereicherten Strassenblockaden, die genau genommen bronzen und nicht golden sind. Bei schönem Wetter setzen sich die Leute offenbar gerne auf die Würfel. Im nieseligen Winterwetter erinnerten mich die Poller doch eher an die Schweizer «Tobleronen», die zur Befestigung der Grenze gebauten Betonblöcke aus dem Zweiten Weltkrieg.

Im Innern des eingeigelten New Yorker Finanzdistrikts finden wir trotz aller Globalisierung der Wirtschaft denselben glühenden Nationalismus wie in einem Sportstadion. Bereits sechs Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center wurde die Börse in New York mit den Worten eröffnet: «Guten Morgen und willkommen auf dem grossartigsten Marktplatz der Welt. Heute geht Amerika wieder zur Tagesordnung über ...» Im Börsensaal hing eine gigantische US-Fahne. Eine solche Riesenfahne ist heute auch vor den Börseneingang gespannt, der für das allgemeine Publikum unzugänglich ist. Und über dem Tor zum Kapitalismuskasino steht seit mehr als hundert Jahren die in Stein gemeisselte Inschrift «Integrity Protecting the Works of Man» – «Rechtschaffenheit schützt der Menschen Werk». Schön wärs. Seit dem verhängnisvollen Jahr 2001 wird die New Yorker Börse zu Weihnachten überdies mit 80 000 roten, weissen und blauen Glühbirnen geschmückt, die sozusagen pointilistisch zu einer US-Leuchtflagge von 12 mal 21 Metern komponiert werden. Man könnte meinen, dass zu viel patriotische Inbrunst uncool ist und unfreiwillig in Karikatur umschlagen könnte – aber das passiert offenbar nicht in New York, nicht im Herzen des Kapitalismus.

Klassenästhetik mit System

An der Wall Street gibt es griechische und römische Säulen und Kapitelle, wohin das Auge reicht. Wie ganz anders sehen die Billigbanken im Rest des Landes aus, die den US-AmerikanerInnen in Geldnot nach wie vor Kleinkredite oder Lohnvorschüsse zu Wucherzinsen anbieten. Die Loan-Max-Darlehensbude in meiner Nachbarschaft zum Beispiel, an der ich mehrmals pro Woche vorbeifahre, gleicht einem heruntergekommenen Fast-Food-Restaurant: grosse Fensterfronten, weiss gekachelte Wände, unbequeme Sperrholzmöbel und eine klinisch grelle Beleuchtung, die suggeriert, dass hier nicht geschummelt wird, sondern alles mit rechten Dingen zugeht. Dies ist eine Klassenästhetik, und sie hat System: Das Geldinstitut, bei dem ich meine eigenen bieder-mittelständischen Geschäfte tätige, ähnelt einem bieder-mittelständischen Speiselokal. Der Finanzdistrikt in New York dagegen strahlt das gehobene Flair eines Schweizer Luxushotels aus dem 19. Jahrhundert aus. Es ist die Architektur der Macht. Um so etwas festzustellen, braucht es kein Fachhochschulstudium, es ist kinderleicht. Meine Mutter behauptet, ich hätte sie in grosse Verlegenheit gebracht, als ich, ein bibelfestes Dorfkind, bei meinem ersten Besuch in einer etwas grösseren Bank lauthals fragte: «Ist dies der Palast, in dem König Herodes die erstgeborenen Knäblein tötete?»

Auch das Museum of American Finance residiert an einer historischen Adresse. Mit Stolz weist mich die Pressebetreuerin darauf hin, dass genau an diesem Ort die erste Bank der jungen USA ihr Hauptquartier hatte. Nur wenige Monate nach Abzug der britischen Truppen 1784 wurde die Bank of New York gegründet, und 1792 produzierte dieses Finanzinstitut die erste Aktie, die an der neuen New Yorker Börse gehandelt wurde. Niemand klärt mich jedoch darüber auf, dass das heutige Mu$eum vor einem Jahr bloss deshalb vom Broadway an die Wall Street umziehen konnte, weil es eine eigenständige Bank of New York seit 2007 nicht mehr gibt. Und keinesfalls wird erwähnt, dass die ehrwürdige Institution kurz vor ihrer Fusion mit der Mellon Corporation in einen gigantischen Geldwäscheskandal verwickelt war, dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

Nein, schrille Misstöne passen nicht ins Museumskonzept. Hier drinnen ist alles vornehm und gedämpft: die Teppiche, die Lichter und die Erklärungen der Museumsführer. Ein junger Afro-amerikaner im korrekten Geschäftsanzug kommt auf mich zu und fragt leise, weshalb ich Notizen mache. Presse, sage ich, und er wird sehr zuvorkommend. Ich erfahre, dass er für seinen Sicherheitsdienst im Mu$eum nicht etwa bezahlt wird, sondern diese Arbeit ehrenamtlich leistet. «Es ist schliesslich für einen guten Zweck», lächelt er. Was heisst hier guter Zweck? Das Finanzmuseum ist keine karitative Suppenküche, sondern eine Institution, welche die Förderung und Propagierung der freien Marktwirtschaft auf ihre Fahnen beziehungsweise in ihre Werbebroschüren geschrieben hat.

Aus Versehen beginne ich meinen Rundgang am Ende der Ausstellung. Benjamin Graham, Berater und Vorbild des erfolgreichen Financiers Warren Buffet, stellt uns das Finanzgeschehen personifiziert als «Mr. Market» vor. Der Herr Markt, sagt er, habe leider eine ausgesprochen «unberechenbare und neurotische Persönlichkeit». Buffet doppelt nach und bezeichnet das ganze Börsengeschäft als manisch-depressiv.

Bereits im nächsten Schaukasten jedoch wird der Börse eine robuste Gesundheit attestiert. Eine ideale Gelegenheit sei sie, um die Investition des kleinen Mannes und der kleinen Frau zu vermehren. Interessant ist, dass sich ein Grossteil der nachfolgenden praktischen Anlagetipps für die breite Bevölkerung mit der Organisierung des letzten Lebensabschnittes beschäftigt. Das hat auf den ersten Blick Sinn, schliesslich erhalten in den USA immer weniger pensionierte Erwerbstätige feste monatliche Renten und immer mehr Menschen müssen ihre Alterssicherung mit individuellen Sparguthaben oder Aktienbesitz finanzieren. Soziale Sicherheit durch Spekulation an der «neurotischen» Börse? Dieser offensichtliche Widerspruch wird hier im Mu$eum nicht diskutiert oder gar kritisiert. Denn Mr. Markt hat immer Recht.

Nichts dazugelernt

Diese neoliberale Eindimensionalität macht das Mu$eum schnell langweilig. Ich hatte gewiss keine marxistische Kapitalismuskritik erwartet, aber irgendeine Reaktion auf die aktuelle Krise müsste es doch geben! Irgendwann muss doch die Kreditzeitleiste, die auf dem farbigen Schaubild abrupt beim Krisenbeginn 2007 endet, in die traurige Gegenwart weitergeführt werden! Die Grossbildschirme mit den ewig aufgeregten Börsianern wirken Ende 2009 seltsam verstaubt. Auch die interaktiv abrufbaren Interviews mit erfolgreichen Geschäftsfrauen, deren Perlenketten, Lipglosslächeln und Karrieren sich zum Verwechseln ähnlich sehen, haben ihre beste Zeit hinter sich (wenn es denn je eine beste Zeit dafür gab, lediglich ein grösseres Stück des äusserst ungerecht verteilten Kuchens zu ergattern).

Die historischen Ausführungen über den Finanzplatz New York bestätigen vor allem das, was einer der wenigen Museumsmitbesucher nach der Vorführung des Films über die Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre vor sich hin brummte: «Rein gar nichts dazugelernt.»

Bereits 1792 musste das allzu risikofreudige US-Bankensystem zum ers-ten Mal vom gerade erst gegründeten Staat gerettet werden. «Es ist an der Zeit», schrieb der erste Finanzminister der USA, Alexander Hamilton, damals, «dass ein Trennstrich gezogen wird zwischen ehrlichen Männern und Gaunern, zwischen respektablen Aktionären und Wertpapierhändlern auf der einen Seite und prinzipienlosen Spekulanten auf der andern.» Auf diesen Trennstrich warten wir immer noch.

Doch was gelernt

Beim Hinausgehen werfe ich noch einen Blick auf den Schaukasten «Kreditgeschäft». Ich lerne, dass diejenigen KundInnen, die ihre Kreditkartenrechnungen jeden Monat pünktlich bezahlen, im Insiderjargon als «dead beats» bezeichnet werden, also als Hänger und Versager. Diejenigen hingegen, die ihre Kredite ständig erneuern und erhöhen, Geld oft schuldig bleiben und immer höhere Zinsen auflaufen lassen, sind sogenannte «revolver», was man wohl am besten mit «Volltreffer» wiedergibt. Ich erfahre des Weiteren, dass die Kreditkartenunternehmen der USA ihren Geschäftssitz vorwiegend in Staaten wie Delaware oder South Dakota verlegen, wo es keinerlei Wuchergesetze gibt. – Vielleicht hat das Museum of American Finance seinen Stiftungszweck doch erreicht und mir den nötigen Kontext geliefert, «um die Akteure, die Prozesse und die Kräfte besser zu verstehen, mit deren Hilfe Kapital und Marktwirtschaft Wachstum und Chancen schaffen». Oder jedenfalls zu schaffen vorgeben.

Als ich die Wall Street an den goldenen Sperren vorbei wieder verlasse, bemerke ich eine widerspenstig wuchernde Skulptur vor der Trinity Church, die so gar nicht ins imperiale Dekor des Quartiers passt. Das Kunstwerk steht da, lese ich, weil am 11. September 2001 die Trümmer des nahen World Trade Center die kleine Kirche, das älteste öffentlich genutzte Gebäude in Manhattan, verschont haben. Auch der Friedhof, auf dem unter anderem der im Mu$eum gefeierte Finanzminis-ter Alexander Hamilton begraben ist, blieb unversehrt. Die Platane aber, welche die Kapelle vor den Auswirkungen der Zerstörung schützte, ging ein. Wieso mich das Geäst so beeindruckte, konnte ich im Moment nicht spontan sagen. Der Künstler der «Trinity Root», Steve Tobin, erklärt es so: «Die Skulptur handelt von der Macht der unsichtbaren Welt und der Widerstandskraft, die unter der Oberfläche steckt.» So sei es.

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