Nr. 04/2010 vom 28.01.2010

«Was willst du hier?»

Peace Watch Switzerland bildet MenschenrechtsbeobachterInnen aus. Doch den meisten ist nicht klar, was sie in einem Krisengebiet alles erwarten kann.

Von Miguel Garcia

«Dort gibt es keine Elektrizität, kein fliessend Wasser und kaum genug zu Essen – verglichen mit dem, was uns in Mexiko erwartet, ist die Schweiz ein Paradies», sagt Henry, die Hände in den Hosentaschen, um sie vor dem scharfen Wind zu schützen. «Aber ein kaltes Paradies», entgegnet ihm Carol und zieht ein letztes Mal an ihrer Zigarette. Die beiden besuchen das sechstägige Training von Peace Watch Switzerland (PWS) (vgl. Kasten), um sich auf einen zweimonatigen Freiwilligeneinsatz in der südmexikanischen Provinz Chiapas vorzubereiten. Henry lebte in Peru, bis er vor sechzehn Jahren in die Schweiz kam. Dem 55-Jährigen nimmt man ab, dass er weiss, was in seinem Einsatz als Menschenrechtsbeobachter auf ihn zukommt. Carol dagegen ist unsicher: «Ich kann mir noch nicht vorstellen, wie das konkret sein wird», sagt die dreissigjährige Journalistin in freundlichem Berndeutsch.

Zu Beginn des Kurses lernen die insgesamt neun TeilnehmerInnen die Geschichte von Chiapas und die aktuellen Konflikte kennen: Sie lesen Zeitungsberichte über die Kolonialisierung des einstigen Aztekenreichs und den Befreiungskrieg oder beschäftigen sich in Gruppenarbeiten mit spezifischen Problemen der ressourcenreichsten und zugleich ärmsten Provinz Mexikos. Unterrichtssprache ist Spanisch – wer sich in der lokalen Sprache nicht verständigen kann, wäre fehl am Platz.

Henry und Carol referieren über einen geplanten Autobahnbau, mit dem der Tourismus in der Region gefördert werden soll. Andere informieren über transnationale Firmen, die nach Edelmetallen schürfen oder Monokulturen für Agrotreibstoff anbauen wollen. Der gemeinsame Nenner dieser Grossprojekte: «Die indigenen Bauern sollen dafür ‹umgesiedelt›, sprich vertrieben werden», erklärt Trainingsleiterin Lotti Buser. «Proteste dagegen werden von der Regierung systematisch unterdrückt und kriminalisiert.»

Heikle Gratwanderung

1994 hatte die linksrevolutionäre Zapatistische Nationale Befreiungsarmee (EZLN) der neoliberalen Politik der mexikanischen Regierung den Kampf erklärt. Der schillernde Subcomandante Marcos, Sprecher der ZapatistInnen, hatte ausserdem gefordert, die indigenen LandwirtInnen sollten eigenes Land erhalten und selbst darüber bestimmen können. Die Armee schlug den Aufstand nieder. Seither ist Chiapas eine militarisierte Zone. Es herrscht dort ein Klima der Angst, Militär und Polizei terrorisieren widerspenstige BäuerInnen mit Drohungen und willkürlichen Verhaftungen. Zudem operieren auf dem Gebiet etwa ein Dutzend paramilitärische Gruppen, die von der Armee unterstützt werden, um die ZapatistInnen zu bekämpfen.

In diesem Klima der ständigen Bedrohung versucht PWS in Zusammenarbeit mit der mexikanischen Partnerorganisation, dem Menschenrechtszentrum Fray Bartolomé de Las Casas (FrayBa), gewalttätige Übergriffe zu verhindern. «Unser Motto ist ‹ver y ser visto›, sehen und gesehen werden, denn Gewalt scheut die Öffentlichkeit», sagt Buser, die seit der Gründung von PWS die Trainings organisiert und Chiapas selbst mehrmals bereist hat. Dabei halte man sich an die Prinzipien der Unparteilichkeit und der Nichteinmischung.

Was im Sitzungszimmer der Jugendherberge Zofingen einfach klingt, kann im Einsatz eine heikle Gratwanderung sein. «Wie verhaltet ihr euch, wenn euch eine Mutter um Geld für ihr krankes Kind bittet? Oder wenn ein Kind euren MP3-Player stiehlt und deshalb vom Vater verhauen wird? Das ist alles vorgekommen», sagt Buser und führt den Teilnehmenden die moralischen Zwickmühlen vor Augen, in die sie geraten können. «Man kann doch nicht tatenlos mitansehen, wie ein Kind geschlagen wird oder ein krankes Kind stirbt», protestiert Carol. «Eure Aufgabe ist es, Menschenrechtsverletzungen zu beobachten und zu rapportieren», erwidert Buser, «eine Einmischung in private Angelegenheiten könnte heikel sein.» Dennoch könne man beispielsweise über die Dorfchefs oder das Menschenrechtszentrum indirekt eingreifen.

«Ich frage mich, ob sechs Tage Ausbildung nicht zu wenig sind für eine solche Aufgabe», sagte Carol zu Beginn des Trainings. Mittlerweile hat sie ihre Meinung geändert. Der Kurs sei zwar kurz, aber sehr intensiv. Von acht Uhr morgens bis zehn Uhr abends ist Programm. Die TeilnehmerInnen hocken den ganzen Tag zusammen und teilen nachts die Zimmer. Zudem kommen sie aus völlig unterschiedlichen Milieus – vom pensionierten tschechischen Bauzeichner über junge Studenten aus der ganzen Schweiz bis zur italienischen Juristin ist alles da. «Das intensive Gruppenerlebnis und die anstrengenden Kurstage sind auch eine Belastungsprobe», sagt Trainingsleiterin Buser. Denn in Mexiko würden sie ebenfalls in einem bunt zusammengewürfelten Team in einem Raum leben.

Tatsächlich merkt man den TeilnehmerInnen die Müdigkeit mit der Zeit deutlich an. Die Striche auf der Kaffeeliste vermehren sich rasant, der pensionierte Bauzeichner schläft bei den Diskussionen regelmässig ein. «Manche merken während des Trainings, dass sie nicht geeignet sind», sagt Buser, «auch dafür ist der Vorbereitungskurs da.»

Rollenspiele als Training

Carol weiss noch nicht, ob sie tatsächlich nach Chiapas fliegen wird, sie habe noch viele Fragen. Um diese zu beantworten, werden ehemalige BeobachterInnen eingeladen, die von ihren Erfahrungen berichten. Ennio, von Beruf Informatiker, war vor gut einem Jahr in Mexiko. Er zeigt Bilder aus Cruzton, einem abgelegenen Dorf in der Sierra Madre de Chiapas, wo er drei Wochen seines Einsatzes verbrachte. Die Fotos von der kleinen Hütte, in der er wohnte, vom Plumpsklo und der Dusche aus Lastwagenplanen werden von raunendem Geflüster begleitet – spürbare Ernüchterung mischt sich in die Aufbruchstimmung.

«Die Männer des Dorfes liessen sich nur mit Sturmmaske ablichten», kommentiert Ennio das Foto mit dem Wachmann am Dorfeingang. «Die Bewohner sichern das Dorf gegen Übergriffe der Polizei und der Paramilitärs», erzählt er. Neben dem Wachmann prangt an einer Hauswand das bekannte Zitat von Emiliano Zapata: «¡Es mejor morir de pie que vivir toda una vida de rodillas!» (Lieber aufrecht sterben, als auf den Knien leben), daneben der Führer der mexikanischen Revolution in Lebensgrösse, in kitschigen Farben zum ewigen Helden stilisiert. «Als ich in Cruzton war, gab es keine Zwischenfälle», sagt Ennio. Trotzdem habe ihm das Training geholfen, sich auf den Einsatz einzustellen, «vor allem die Gespräche mit Ehemaligen und die psychologische Vorbereitung».

Dafür ist die Traumaexpertin und Psychologin Mirjam Straub Ortiz zuständig. Sie hat in Kolumbien mehrere Monate traumatisierte ZivilistInnen betreut. Sie sagt: «Ein Einsatz in einem Konfliktgebiet ist immer ein Sprung ins kalte Wasser.» Nach dem Training hätten die BeobachterInnen zumindest eine Schwimmweste. Straub Ortiz lässt die KursteilnehmerInnen mögliche Stresssituationen inszenieren. Henry schlüpft in die Rolle eines Bauern. Er wirkt überzeugend mit seinem künstlichen Strohhut und dem akzentfreien Spanisch. «Was machst du eigentlich in meinem Dorf?», fragt er Carol, die sich selbst im Einsatz spielt. Verlegen versucht sie ihm zu erklären, dass sie helfen will. «Ich verstehe nicht, was deine Anwesenheit nützen soll», sagt Henry stur. Bald ist Carol nicht nur mit ihrem Latein am Ende, auch ihr Spanisch gerät allmählich ins Stocken.

«Ich habe das Gefühl, die Menschenrechtsbeobachtung ist eine gute Sache», sagt Carol in der anschliessenden Diskussion. «Aber wie kann ich wissen, ob unsere Anwesenheit tatsächlich etwas ändert?» Der Einfluss präventiver Massnahmen sei natürlich schwer messbar, antwortet Buser, die trotzdem überzeugt ist, dass die Begleitung der Dörfer etwas nützt, «wenn auch nur in kleinen Schritten».

Auch Ennio bestätigt, dass die BeobachterInnen tatsächlich Einfluss nehmen können. Drei Monate vor seiner Ankunft in Cruzton habe die Polizei mit einem Grossaufgebot das Dorf stürmen wollen. Es sei zu Übergriffen auf die Zivilbevölkerung gekommen. «Ein Dorfbewohner wurde verhaftet.» Dabei sei es den MenschenrechtsbeobachterInnen gelungen, die Gewaltszenen zu fotografieren. Dank dieser Fotos konnte das FrayBa bewirken, dass das Dorf seither von der Polizei verschont blieb. «Aber die Angst bleibt», weiss Ennio. Der Konflikt sei zwar nicht mehr sichtbar, aber man spüre ihn im Gespräch mit den Leuten. «Alle scheinen darauf zu warten, dass die Polizei wieder kommt.»

Tourist oder Aktivistin?

Am letzten Abend, beim Abschlussbier, eine letzte Diskussion. Der Publizistikstudent Philipp sieht seinen Einsatz als touristisches Abenteuer. «Ich finde es cool, weil es nicht der übliche Rucksacktourismus ist», sagt der 25-Jährige. «Ich bin nun mal nicht so der Weltverbesserer.» Alternativtourismus unter dem Deckmantel der Friedensförderung, das widerstrebt Carol. «Da kann ich auch zu Hause bleiben und vor meiner Haustüre anfangen, die Welt zu verbessern», findet sie. «Das kannst du aber auch vor Ort», entgegnet Ennio. Schliesslich würden die Menschen dort die Konsequenzen der Freihandelsverträge tragen, welche die mexikanische Regierung mit westlichen Ländern geschlossen hat, um an Geld zu gelangen. Dieses globalisierte Freihandelssystem müsse man mit einer globalen Gegenbewegung bekämpfen, argumentiert er.

Einen Monat nach dem Training hat sich Carol definitiv entschieden: «Ich war sehr skeptisch am Anfang, aber das Training hat mich letztlich überzeugt.» Im Frühling tritt sie ihren Einsatz an und freut sich auf eine Auszeit vom «kalten Paradies».

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