Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

«Wir sind die Generation 94»

Nach dem Fall der Berliner Mauer begannen schwierige Zeiten für Bewegungslinke, auch in der Schweiz. Doch mitten in den neoliberalen Aufschwung platzte der Aufstand von Chiapas – und bereitete den Boden für die späteren Bewegungen gegen Wef und WTO.

Von Bettina Dyttrich

Es sind unruhige Zeiten in Zürich um den Jahreswechsel 1993/1994. Ende November hat die Polizei das legendäre besetzte Wohlgroth-Areal im Kreis 5 geräumt. In den Wochen danach wird viel demonstriert, immer wieder versuchen kleine Gruppen, Häuser zu besetzen. So auch in der Silvesternacht am Steinwiesplatz – es geht um ein Haus, das schon einmal geräumt wurde. Der Plan geht auf: Auch die Protectas-Leute, die das Haus bewachen sollten, sind am Feiern. Als sie verspätet eintreffen, haben sich die BesetzerInnen bereits verbarrikadiert. Während die Sicherheitsfirma versucht, das Haus zu stürmen, treffen immer mehr Bekannte der AktivistInnen ein. Alles sieht nach Schlägerei aus. Da zieht ein Protectas-Mann die Pistole.

«Zum Glück ging dann niemand einen Schritt weiter», sagt Philipp Gerber, der damals dabei war. Die Protectas zieht ab, am Morgen kommt die Polizei, die BesetzerInnen gehen, zu einem Strafverfahren kommt es nicht. Den Protectas-Mann sehen sie nie wieder.

In derselben Nacht besetzt die zapatistische Guerilla in Chiapas sieben Provinzstädte und erklärt der mexikanischen Regierung den Krieg.

«Natürlich lässt sich unser kleiner Aufstand nicht mit Chiapas vergleichen», sagt Gerber. «Aber wir hatten die gleiche Taktik angewandt: die Nacht genutzt, in der die Herrschenden feiern.»

Mit Schweizer Kampfflugzeugen

Über Fernsehen, Radio und Zeitungen erreichen die Nachrichten vom zapatistischen Aufstand die Schweiz. Und rütteln viele auf: In den ersten Januartagen bombardiert die mexikanische Armee Dörfer, die sie für Guerillastützpunkte hält, mit Pilatus-Flugzeugen aus Stans.

Schon am 15. Januar wird die erste Solidaritätsdemo organisiert: in Oerlikon, wo eine Tourismusmesse stattfindet, an der auch Mexiko zu Gast ist. Zwei Wochen später fahren etwa 45 AktivistInnen mit einem Bus nach Davos. Sie haben erfahren, dass der mexikanische Präsident Carlos Salinas de Gortari am Wef, einer damals wenig beachteten Veranstaltung, teilnimmt. Es gelingt ihnen, bis zum Kongresszentrum zu ziehen, bevor sie eingekesselt werden.

André Siegenthaler, ein Freund von Philipp Gerber, erinnert sich, wie er in der Zeitung von Chiapas las. «Ich war sofort fasziniert.» Die Communiqués der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN), die die WOZ und verschiedene Lateinamerikazeitschriften veröffentlichten, fielen vom ersten Tag an auf: durch ihre «suchende, nicht schon wissende Sprache», wie es die WOZ-Mexikokorrespondentin Anne Huffschmid nannte. Zwischen den martialischen, holzschnittartigen Texten anderer Guerillas und den poetischen Erklärungen von Subcomandante Marcos lagen Welten. «Die Zapatisten stellten den Menschen ins Zentrum, nicht irgendein abstraktes Ideal», sagt André Siegenthaler. «Sie betonten die Würde, das war ein ganz neues Wort für uns. Mit ihrem Aufstand zeigten sie: Der Mensch ist der Geschichte nicht einfach ausgeliefert. Und sie waren eine breite Bewegung mit Frauen, Kindern, Grossvätern … Das hatte etwas Elektrisierendes.»

Die ZapatistInnen traten zwar bewaffnet auf, aber «sie liessen sich nicht auf die Kriegslogik ein», sagt Siegenthaler. «Sie wichen militärischen Konfrontationen aus, wo sie konnten. Ich habe einmal mit einem Comandante gesprochen, der sagte: ‹Es gibt bei uns junge Burschen, die gerne in den Krieg ziehen würden. Aber die Kommandatur will kein Blut vergiessen.› Gewalt kam zwar vor, etwa gegen Paramilitärs, aber sie legten es nicht darauf an und glorifizierten es auch nicht.»

In vielen Ländern entstanden Gruppen, die den zapatistischen Aufstand unterstützen wollten. Im Frühling 1995 wurde aus dem losen Zürcher Zusammenhang ein Verein: Direkte Solidarität mit Chiapas. André Siegenthaler erzählt: «Es gab zeitweise Soligruppen in fast allen Städten, aber auch im Jura oder in Schwyz … viele Info- und Solianlässe, einen regen Austausch.» Auf die erste Geldsendung bekam die Direkte Solidarität mit Chiapas drei Dankesbriefe, unterschrieben von Subcomandante Marcos persönlich, mit der Bemerkung: «Ihr könnt Schokolade statt Kampfflugzeuge schicken.»

Während die linke Szene in den neunziger Jahren im Allgemeinen schrumpfte, gewann die Chiapas-Bewegung an Dynamik. Im Sommer 1996 reisten über 3000 Menschen von allen Kontinenten an das «intergalaktische Treffen» in Chiapas. «Dieses interkontinentale Netzwerk hat keine Struktur», sagte Marcos in seiner Rede, «es hat keine zentrale Leitung oder Entscheidungsträger, es hat kein zentrales Kommando oder Hierarchien. Wir sind das Netzwerk, all diejenigen, die Widerstand leisten.»

Im Sommer 1997 folgte ein europäisches Treffen in Spanien, mit vorbereitet von der Zürcher Soligruppe. «Und dort», sagt Gerber, «machte es klick.»

Globale Vernetzung

Nach dem offiziellen Programm sassen etwa 25 Leute zwei Tage zusammen. Sie alle sorgten sich über die zunehmende Globalisierung neoliberaler Politik, vorangetrieben durch die Welthandelsorganisation (WTO). «Wir waren etwa zwölf Leute aus Europa und zwölf aus dem Süden: Kenia, Indien, den Philippinen, Brasilien», erzählt Philipp Gerber. «Es war die spannendste Sitzung meines Lebens. Wir kamen überein, dass wir eine globale Vernetzung brauchten.»

Ein halbes Jahr später, im Februar 1998, bekam die Vernetzung in Genf einen Namen: Peoples’ Global Action (PGA). Textilarbeiterinnen aus Bangladesch tauschten sich mit kanadischen Postgewerkschaftern aus, indische Bauern mit Genfer Hausbesetzerinnen. Die Berner Aktivistin Yvonne Zimmermann war bei der Gründung dabei: «Das Fazit des intergalaktischen Treffens war: Solidarität bedeutet nicht nur Unterstützung der Zapatisten, sondern dass die neoliberale Politik überall bekämpft wird. PGA war die Antwort darauf.»

Im Mai 1998 blickte die Schweiz erstaunt auf die heftigen Proteste gegen das WTO-Ministertreffen in Genf, die scheinbar aus dem Nichts gekommen waren (siehe WOZ Nr. 28/08). Doch dass gleichzeitig in über dreissig Städten der erste globale PGA-Aktionstag stattfand, verpassten die hiesigen Medien. Erst 1999, mit der Blockade der WTO-Konferenz in Seattle, wurde einer breiten Öffentlichkeit klar, wie global die Bewegung war. Danach wurde auch der Widerstand gegen das Wef wirklich gross, und im Sommer 2001 rannten während des G8-Gipfels von Genua die zapatistisch inspirierten «Tute Bianche», weiss vermummt und dick gepolstert, gegen die Polizeireihen an. Die bewegungsarmen Zeiten waren definitiv vorbei.

Yvonne Zimmermann engagierte sich bei der Anti-WTO-Koordination Bern. Und sie verbrachte ein Jahr im Lakandonischen Urwald in Chiapas. «Ich war in einer Solibrigade, die in autonomen Gemeinden Trinkwassersysteme baute. Das waren neue Dörfer auf Land, das 1995 besetzt worden war, und es ging um sehr Grundsätzliches: Kinder starben an Amöben und bekämpfbaren Krankheiten, weil sie kein sauberes Wasser und keine Medikamente hatten. Die zapatistischen Gemeinschaften entschieden kollektiv, wo eine Wasserversorgung am dringendsten gebraucht wurde, und dort arbeiteten wir mit den Dorfbewohnern zusammen.»

Eigentlich wollten die Solibrigaden auch die Frauen einbeziehen. Doch das funktionierte nicht: «Die Rollenteilung war klar: Die Frauen waren für die Kinder und das Essen zuständig – und das hiess nicht nur kochen, sondern auch ernten, Brennholz suchen, den Mais mahlen. Die Frauen sagten nie, sie hätten keine Zeit. Sie kamen einfach nicht. Im Vergleich zu den selbstbewussten Frauen in der Guerilla waren die Dorfbewohnerinnen sehr traditionell.» Die EZLN-Frauen hatten schon 1993, bevor der Aufstand öffentlich wurde, ein «Revolutionäres Frauengesetz» verabschiedet, in dem sie unter anderem die Rechte auf Bildung, fairen Lohn und freie Partnerwahl betonten. Doch in den Dörfern sah es anders aus.

Trotzdem hat Zimmermann den Einsatz in guter Erinnerung: «Ich habe sehr viel gelernt. Ich blieb danach noch in Lateinamerika und merkte, dass der Aufstand eine grosse Ausstrahlung hatte. Die indigenen Bewegungen gewannen auch in anderen Ländern an Selbstbewusstsein.»

Doch zu Hause wurde es schwierig: «Mit der breiten Mobilisierung gegen das Wef kam auch die Militarisierung. Die Sicherheitskräfte setzten auf Eskalation, und wir hatten keine gemeinsame Antwort darauf. Wir wollten nicht zu Demos aufrufen, die sowieso in einem Polizeikessel endeten.» Es sei schon ernüchternd, dass heute kaum noch jemand das Wef anprangere. «Aber es gibt solidarische Netzwerke aus jener Zeit, nach wie vor.»

Hier wie dort am Berg

Auch die Direkte Solidarität mit Chiapas gibt es noch. 1999 begann sie Kaffee aus zapatistischen Kooperativen zu importieren, heute arbeitet sie dafür mit der Fair-Trade-Firma Gebana zusammen. Mit einem Solidaritätszuschlag von 3.50 Franken pro Kilo Kaffee werden Projekte in Mexiko unterstützt.

Yvonne Zimmermann ist heute 42 und arbeitet für den Solifonds, der soziale Kämpfe im Süden unterstützt. André Siegenthaler (45) hat eine Bergbäuerin geheiratet und lebt in Engi, Glarus Süd, mit drei Kindern, Mutterkühen und Ziegen. «Was ich heute mache, ist für mich eine mögliche Konsequenz aus dem zapatistischen Aufstand: möglichst frei sein bei der Gestaltung des täglichen Lebens, nach dem zapatistischen Motto ‹Für eine Welt, in der viele Welten Platz haben›. Ich denke oft an Chiapas, wenn ich am Hang stehe und heue. Sie stehen am Hang und ernten Kaffee.»

Philipp Gerber (42) hat mit einer Feldforschung über die zapatistische Kaffeekooperative Mut Vitz sein Ethnologiestudium abgeschlossen. Er lebt seit drei Jahren im mexikanischen Oaxaca und leistet einen mehrjährigen Freiwilligeneinsatz für eine deutsche NGO. Dabei unterstützt er mexikanische Gruppen bei ihren Kämpfen gegen Bergbau- oder Staudammprojekte und schreibt täglich einen Newsletter für AktivistInnen. «Das Leben ist hier intensiver als in der Schweiz. Je länger ich da bin, desto mehr werde ich hineingezogen.» Philipp Gerber bezeichnet sich als Angehörigen der «Generation 94»: «Wie die Achtundsechziger oder die Achtziger hatten wir ein prägendes Erlebnis in unserer Biografie. Nach dem 1. Januar 94 wussten wir, was wir zu tun hatten.»

Jubiläumsfest in Zürich am 1. Januar 2014 (vgl. Politour).

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