Nr. 51/2013 vom 19.12.2013

Alltag in der Autonomie

Weil die Zapatistas in ihrem Einflussgebiet erfolgreich basisdemokratische Strukturen aufgebaut und «wiedergewonnenes Land» verteilt haben, hat sich die Lebenssituation vieler indigener BäuerInnen stark verbessert.

Von Thomas Zapf, San Cristóbal de las Casas

Wenn sich das Datum des Aufstands der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) am 1. Januar 2014 zum 20. Mal jährt, liegt es nahe zu fragen, was die zapatistische Bewegung seither erreicht hat und was von ihr geblieben ist. Nimmt man hierfür die heutige Lebenssituation in den indigenen Gemeinden des Bundesstaats Chiapas als Massstab, so hat die Bewegung vor allem in zwei Bereichen grosse Erfolge vorzuweisen: Zum einen hat sie in ihrem Einflussgebiet autonome basisdemokratische Strukturen aufgebaut und etabliert, mit deren Hilfe sich etwa die Gesundheitsversorgung oder das Schulwesen deutlich verbessert haben; zum anderen hat sie sich im Zuge des Aufstands Land angeeignet und dieses an ihre Mitglieder verteilt.

Zwar waren die Zapatistas nicht die Einzigen, die in den neunziger Jahren Ländereien vor allem von GrossgrundbesitzerInnen besetzt hatten, doch wahrscheinlich haben von den Aktionen der EZLN die meisten Menschen profitiert. Die sogenannten wiedergewonnenen Ländereien kamen denjenigen zugute, die zuvor kein Land hatten und in grosser Abhängigkeit von den GrossgrundbesitzerInnen lebten. Nicht umsonst hatte die EZLN kurz nach dem Aufstand ein Revolutionäres Agrargesetz erlassen, in dem unter anderem geregelt wurde, dass die wiedergewonnenen Ländereien der Bewegung gehören. In einer Region, in der Subsistenzwirtschaft fast die einzige Lebensgrundlage darstellt, ist Ackerland ein entscheidender Faktor.

Die «Gute Regierung»

In den letzten Jahren kam es gelegentlich zu Konflikten, auch zu gewalttätigen, um diese Ländereien, etwa wenn ein Mitglied aus der zapatistischen Bewegung austrat und das von ihr erhaltene Land nicht zurückgeben wollte. In der Regel konnten solche Konflikte aber im gegenseitigen Einvernehmen gelöst werden. Eine wichtige Rolle spielen dabei die autonomen Instanzen der Zapatistas. Bereits 1996 hatten sie mit dem Aufbau autonomer Landkreise begonnen, in denen ihre Basis seither die eigenen VertreterInnen bestimmt. Ab 2003 kam mit der Einrichtung der «Räte der Guten Regierung» eine weitere Autonomieebene hinzu.

Die Räte waren von Beginn an eine Schlichtungsinstanz für Konflikte unter Zapatistas, aber auch zwischen nicht zapatistischen Konfliktparteien in der jeweiligen Region. So ist es keine Seltenheit in Chiapas, nicht zapatistische Indígenas wartend auf einem Bänkchen vor dem Büro eines Rates der Guten Regierung anzutreffen, denn auch sie ziehen die Räte staatlichen Rechtsinstanzen vor. Einerseits, weil die Räte stets eine einvernehmliche Beilegung der Konflikte anstreben und beide Seiten anhören. Andererseits sind sie – im Gegensatz zu staatlichen Stellen – nicht korrupt. Die Behörden dulden diese parallelen Strukturen notgedrungen, auch wenn es von ihrer Seite immer wieder zu repressiven Reaktionen kommt. Laut verschiedenen Menschenrechtsorganisationen werden die Zapatistas dabei häufig aufgrund konstruierter Fälle unter Anklage gestellt und verurteilt.

Getreu dem basisdemokratischen Anspruch der zapatistischen Bewegung funktionieren die Räte der Guten Regierung nach dem Rotationsprinzip. Konkret bedeutet dies, dass jedes Mitglied der Bewegung einmal diese Funktion ausüben kann und soll. Die Räte sind jedoch nicht nur Schlichtungsinstanzen, sondern koordinieren fast sämtliche Bereiche des zapatistischen Alltags, sei es bei der Planung in den landwirtschaftlichen Produktionskollektiven etwa für den Kaffeeanbau oder die Rinderzucht oder bei der Bildung und der Gesundheitsversorgung. So befinden sich in einigen Häusern der Räte, der Caracoles, autonome Schulen – erkennbar an ihren bunten Wandbildern –, in anderen zapatistische Kliniken. Diese finanzieren sich aus internationalen Spenden und den Einnahmen der Kollektive.

Die grösste und am besten ausgerüstete Klinik befindet sich in Oventik, eine Stunde Autofahrt vom Kolonialstädtchen San Cristóbal de las Casas entfernt. Vor der Klinik La Guadalupana parken die Krankenwagen mit den zapatistischen Symbolen und entsprechender Beschriftung. Doch auch wenn nicht alle Kliniken in den Regionen gleich gut ausgestattet sind wie in Oventik, so haben sie sich über die Jahre bewährt. Vor dem Aufstand gab es in dem Gebiet kaum medizinische Versorgung für die indigene Bevölkerung.

Trotz der grundsätzlichen Verbesserungen herrscht aber auch heute noch teilweise grosse Armut in den weit verstreut liegenden zapatistischen Dörfern. Auf den ersten Blick lassen sie sich zudem kaum von nicht zapatistischen Gemeinschaften unterscheiden. Nur bei Festen oder politischen Veranstaltungen wird die Flagge der EZLN gezeigt oder die typische Skimaske angelegt. Wer mit Mitgliedern der Bewegung sprechen möchte, braucht auch heute noch die Genehmigung des Rates.

Diese Vorsicht hat ihren Grund, denn noch immer agiert die zapatistische Bewegung ausserhalb der Rechtsnorm Mexikos. Von Beginn an haben Angriffe diverser Art die Geschichte der Zapatistas begleitet. So begann die mexikanische Regierung der Partei der institutionellen Revolution (PRI) nach 1995 damit, paramilitärische antizapatistische Gruppen aufzubauen und zu unterstützen. Bis zum Machtwechsel im Jahr 2000, als die PRI nach über siebzig Jahren das Präsidentenamt abgeben musste, waren diese Gruppen für einen «Krieg niederer Intensität» verantwortlich, bei dem viele Zapatistas vertrieben und ermordet wurden.

Nach der Jahrtausendwende verlagerte sich der Schwerpunkt der «Aufstandsbekämpfung» der Regierung von der paramilitärischen auf eine ökonomische Ebene. In den zapatistisch dominierten indigenen Regionen sollte der Widerstand nun durch soziale und wirtschaftliche Regierungsprogramme, die von den Zapatistas abgelehnt werden, geschwächt werden. Gerade in unmittelbarer Nähe der Caracoles ist diese Strategie immer noch sichtbar. So wurde in der Gemeinde Morelia 2012 ein staatliches Wohnbauprogramm umgesetzt: Eine Fassade aus Steinhäusern entlang der Strasse simuliert einen Wohlstand, den es in den zapatistischen Dörfern mit ihren Holzhäusern nicht gibt. Ein anderes staatliches Programm richtet sich gezielt an Frauen. So erhalten Mütter Geld dafür, wenn sie und ihre Kinder regelmässig zu einer ärztlichen Kontrolle in einer staatlichen Klinik erscheinen und die Kinder an einer der staatlichen Schulen registriert sind.

Neue globale Allianzen

Für die Zapatistas ist klar, dass die Regierung so gezielt versucht, die Einheit der Bewegung zu untergraben und die Menschen durch sogenannte assistenzialistische Programme in neue Abhängigkeiten zu führen. Ende 2012 machten die Zapatistas zudem in verschiedenen Aktionen und Communiqués klar, dass sie auch von der kurz zuvor wieder an die Macht zurückgekehrten neuen PRI-Regierung unter Präsident Enrique Peña Nieto nichts erwarten. Stattdessen wollen sie sich wieder verstärkt um Allianzen mit anderen indigenen und linken Organisationen in und ausserhalb Mexikos bemühen.

Überstandener Generationenwechsel

Ein Zeichen dieser Bemühungen war Mitte August die erste Stufe einer «escuelita». Bei dieser laut den Zapatistas «kleinen Schule der Freiheit», die anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Räte der Guten Regierung abgehalten wurde, nahmen über 1700 Personen aus aller Welt teil. Während einer Woche waren die TeilnehmerInnen, jeweils zusammen mit einer Begleitperson für die Übersetzung, bei einer der zapatistischen BäuerInnenfamilien untergebracht. Sie halfen bei deren Arbeit auf dem Feld oder der Viehweide mit und konnten sich bei Vorträgen und bei Gesprächen mit der zapatistischen Basis über die Bewegung informieren.

Auch den Generationenwechsel hat die Bewegung gut überstanden. Während der Aufbau der autonomen Strukturen noch in der Hand derjenigen lag, die am Aufstand von 1994 aktiv beteiligt waren, rückt nun eine jüngere Generation nach und übernimmt seit einigen Jahren auch die Verantwortung als autonome Autoritäten. Die Bewegung scheint auch für jüngere Menschen attraktiv zu sein. In einer Region, in der aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation die innermexikanische Migration oder die Auswanderung in die USA oft die einzigen Alternativen darstellen, ist dieser Umstand nicht zu unterschätzen. Dabei spielt sicher mit eine Rolle, dass es in den zapatistischen Gebieten für Jüngere einfacher als anderswo ist, ein Stück Ackerland zum Bewirtschaften zu bekommen, und dass diese neue Generation mit den autonomen Strukturen aufgewachsen ist, von ihnen profitiert hat und von den Älteren ernst genommen wird. Hinzu kommt, dass die zapatistischen Frauen – mit dem Revolutionären Frauengesetz von 1993 im Rücken – stärker an Entscheidungen beteiligt werden, als es in nicht zapatistischen Gemeinden der Fall ist. Allerdings gäbe es laut den betroffenen Frauen auch in der zapatistischen Bewegung in diesem Bereich noch einiges zu tun.

Thomas Zapf arbeitet seit 2004 für verschiedene Organisationen, die die Menschenrechtssituation in Chiapas beobachten. Von 2007 bis 2013 
lebte er in Chiapas.

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