Nr. 35/2021 vom 02.09.2021

«Ihr habt uns nicht erobert»

Zum 500. Jahrestag der kolonialen Unterwerfung des Aztekenreichs besucht eine zapatistische Delegation Europa. Ihr Ziel: grenzüberschreitende Vernetzung und der Blick auf das grosse Ganze. Ein Augenschein im internationalistischen Camp in Basel.

Von Natalia Widla (Text) und Roland Schmid (Foto)

Die sieben ZapatistInnen (hinter dem Transparent) nahmen in Basel an einer Demonstration teil. Nun touren sie weiter durch Europa.

«Wir kämpfen dieselben Kämpfe.» Mit diesen Worten begrüsst eine Sprecherin der Gira Zapatista Basel am vergangenen Freitagnachmittag rund 200 Personen auf dem Camp unter der Dreirosenbrücke. Wie die anderen Personen in diesem Text möchte auch sie nicht als Individuum mit Namen, sondern als Teil des Kollektivs zitiert werden. «Der Besuch der ZapatistInnen in Europa», sagt die Frau weiter, «ist eine Möglichkeit, unsere Gemeinsamkeiten hervorzuheben, ohne unsere Unterschiede zu vergessen.»

Die blutige Kolonialisierung des amerikanischen Kontinents – viele Indigene lehnen den kolonialen Begriff «Amerika» ab und sprechen von Abya Yala («Land in voller Reife») – jährt sich heuer zum 500. Mal. Einige ZapatistInnen, indigene RebellInnen aus dem Süden Mexikos, grösstenteils aus der armen Region Chiapas, nahmen diesen Jahrestag der Eroberung des Aztekenreichs durch Hernán Cortés zum Anlass, nach Europa zu kommen und sich hier politisch zu vernetzen. Rund dreissig Länder wollen die ZapatistInnen 2021 besuchen. Basel ist eine Zwischenstation auf ihrer Reise.

Indigenenrechte und Gleichstellung

Der Kampf der ZapatistInnen für ihre Rechte fand 1994 mit dem öffentlichen Auftritt der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) erstmals internationale Beachtung. Während eines zwölf Tage andauernden, bewaffneten Aufstands, der auch als Chiapas-Konflikt bekannt ist, erklärten die Indigenen der damaligen mexikanischen Regierung kurz vor dem Inkrafttreten des nordamerikanischen Freihandelsvertrags Nafta den Krieg. Nach langen Verhandlungen wurden den ZapatistInnen zwar gewisse Grundrechte zugesichert, jedoch wurden diese nie in der Verfassung verankert. Der Konflikt ist nach wie vor ungelöst, die EZLN fordert heute genauso wie vor 27 Jahren nebst dem Recht auf Autonomie auch die Gleichstellung der Geschlechter. Mehrere Dutzend Gemeinden in Chiapas stehen derzeit unter kommunaler Selbstverwaltung der Indigenen.

Die wohl bekannteste Figur der zapatistischen Bewegung ist der Subcomandante Insurgente Marcos, eine Mischung aus Guerillero, Anführer und Kunstfigur, dessen bürgerliche Identität bis heute als nicht vollumfänglich geklärt gilt. Marcos prägte seit seinem ersten öffentlichen Auftritt 1994 über zwanzig Jahre hinweg das öffentliche Bild der ZapatistInnen: Oftmals sass er auf dem Rücken eines Pferdes, eine schwarze Sturmhaube über dem Gesicht, und rauchte eine Tabakpfeife. Auf die Frage eines Reporters, wer Marcos denn eigentlich sei, antwortete dieser Anfang der nuller Jahre: «Marcos ist Schwuler in San Francisco, Schwarzer in Südafrika, Asiat in Europa, Anarchist in Spanien, Palästinenser in Israel, Indio in San Cristóbal, Jude in Nazideutschland.» Es ist nur eines von vielen Zitaten, die dem Subcomandante und mit ihm der zapatistischen Bewegung zu internationaler Bekanntheit verhalfen.

Struktureller Rassismus

Innerhalb der internationalistischen Linken geniessen die zapatistischen Kämpfe – nicht nur wegen, aber sicherlich auch dank des wortgewandten und kultigen Subcomandante – seit jeher viel Unterstützung. Die ZapatistInnen gelten gar als Katalysator für globalisierungskritische soziale Bewegungen rund um den Globus und ihr Kampf für indigene Rechte als Vorbild für vergleichbare Bewegungen weltweit.

Seit ihrem Aufstand 1994 haben die ZapatistInnen regelmässig Zusammentreffen mit der Zivilgesellschaft sowie mit UnterstützerInnengruppen und AktivistInnen in den von ihnen kontrollierten Gebieten, aber auch in anderen Teilen Mexikos organisiert. Dass sie nun nach Europa reisen, ist neu. Viele der Reisewilligen haben bis dato kaum die Grenzen Chiapas überschritten, geschweige denn diejenigen des Landes.

Angedacht war ursprünglich der Besuch von rund 160 Personen, doch sowohl bürokratische Hürden als auch die Coronapandemie erschwerten die Planung. Offizielle Stellen verweigerten vielen Indigenen die Herausgabe von Pässen mit Verweis auf fehlende Einträge in offiziellen Geburtenregistern. Die UnterstützerInnen sehen darin einen Ausdruck des weiter bestehenden strukturellen Rassismus, den der mexikanische Staat gegenüber den Indigenen kultiviert. Aber auch Geld spielte eine Rolle: Zu Beginn war im Sinne einer umgekehrten «Conquista» (Eroberung) eine Schiffsreise aller Reisewilligen nach Europa angedacht, wegen der hohen Kosten beschränkte man sich letztlich darauf, nur eine siebenköpfige Delegation vorzuschicken, die mit dem Schiff anreist. Die anderen sollten per Flugzeug nachkommen.

Mitte Juni traf der Esquadrón 421, die siebenköpfige Delegation aus Chiapas, bestehend aus vier Frauen, zwei Männern und einer nonbinären Person, in Europa ein. Am 13. August, dem Tag, an dem vor 500 Jahren das Aztekenreich vollends besiegt wurde, nahm die Delegation gemeinsam mit weiteren indigenen Gruppen und UnterstützerInnen an einer Grossdemonstration in Madrid teil. Unter dem Motto «Ihr habt uns nicht erobert» gedachten sie des europäischen Überfalls auf Mittel- und Südamerika und forderten den spanischen Staat einmal mehr auf, um Vergebung zu bitten.

An diesem Freitagnachmittag in Basel brennt die Sonne in einem überraschenden Anflug von Spätsommer regelrecht vom Himmel. Menschen aller Geschlechtsidentitäten sitzen auf Festbänken und auf dem Boden zusammen, im von Gesichtsmasken etwas gedämpften Stimmenwirrwarr hört man Spanisch, Kurdisch, Englisch, Farsi, Französisch. Plötzlich wird es für einen kurzen Moment still: Die Delegierten des Esquadrón 421 betreten das Gelände.

Ein feministischer Prozess

Alle sieben stellen sich vor und richten einige Worte an die BesucherInnen. Man wolle die hiesigen Kämpfe kennenlernen und von den eigenen erzählen, und man wolle nach Hause vermitteln, denn hier sein zu können, sei ein Privileg. Nach dem Eintreffen der ZapatistInnen steht im Camp ein feministischer Prozess auf dem Programm, organisiert von einer Flinta-Gruppe (Frauen, Lesben, inter, Nonbinäre, trans, agender) aus Zürich und Basel. Der Prozess sollte nach dem Vorbild solcher Prozesse in Mittel- und Südamerika stattfinden, wobei alle von patriarchalen Strukturen Betroffenen die Möglichkeit haben, Täter – seien es Menschen, Länder oder Institutionen – öffentlich anzuklagen und ihre Forderungen zu stellen.

Das Kollektiv hat einen grossen Wäscheständer neben der Bühne platziert, darauf können alle ihre Anklagepunkte und Anliegen aufhängen, egal ob sie diese öffentlich vortragen möchten oder nicht. Immer wieder betonen die Sprechenden auch, wie gerne sie sich mit den ZapatistInnen vernetzen wollen, was sie erwarten, von ihnen zu lernen. In den nachfolgenden Tagen finden rund um den Besuch der Delegation diverse weitere Veranstaltungen statt, darunter auch eine Demonstration am Samstag durch die Stadt, wobei es zu mehreren Zusammenstössen mit der Polizei kommt.

In den letzten Augusttagen wird schliesslich auch bekannt, dass die zapatistische «Aero Delegation» voraussichtlich am 13. September mit einem Flugzeug in Madrid landen soll.

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