Nr. 10/2010 vom 11.03.2010

Beatboxen und Oper?

Interview: Silvia Süess, Foto: Ursula Häne

Steff la Cheffe: «Am Ende bekamen wir eine zehnseitige Partitur in die Hand.»

WOZ: Steff la Cheffe, du trittst seit einem Jahr mit dem Harfenspieler Andreas Vollenweider auf. Harfe und Beatbox, eine nicht ganz gewöhnliche Kombination. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Steff la Cheffe: Andreas Vollenweider ist ein extrem experimentierfreudiger Mensch, und er kannte das Beatboxen schon länger. Sein neustes Album heisst «Air», also Luft, Wind, Atem, und er wollte diese Thematik ins Zentrum stellen. Er überlegte sich, wie er an den Konzerten live Perkussion mit Luft umsetzen könnte – und Beatboxen ist nichts anderes als das. Über jemanden hörte er von mir und suchte mich übers Netz.

Und er hat dich gefunden ...
Ja, was gar nicht so einfach war, weil ich damals noch keine offizielle Website hatte. Aber eines Tages klingelte mein Handy und zeigte eine unbekannte Rufnummer. Ich nahm ab, und eine Stimme sagte: «Hallo, du kennst mich vielleicht nicht, aber ich bin Andreas Vollenweider.» Der Name sagte mir schon was, meine Mutter hatte mir früher mal eine CD in die Hand gedrückt von einem Harfenspieler, der so sphärische Musik machte, und ich sah sofort dieses CD-Cover vor mir mit dem blau-weissen Wolkenschloss. Manchmal habe ich für so unwichtige Details ein super Gedächtnis. Und ich sagte: «Bist du nicht der Harfenspieler?» Am selben Abend ging ich ihn googeln, und mir wurde bewusst, was er für ein weltbekannter Star ist. Krass, dachte ich, der ruft mich an!

Als wir uns dann trafen, hat es sofort gestimmt zwischen uns, musikalisch wie auch persönlich. Die Zusammenarbeit ist extrem spannend, denn seine Musik ist alles in allem sehr ruhig, das Publikum lässt sich auf ein Konzert von eineinhalb Stunden ein, der Saal ist bestuhlt ... Im Hip-Hop ist es das völlige Gegenteil, da musst du die Leute schon in der ersten Minute packen. Wenn du abkackst, hört dir niemand mehr zu, deswegen musst du auch gleich so krass einfahren.

Zurzeit stehst du auch in einer Tanzproduktion des Stadttheaters Bern auf der Bühne und machst Musik mit einer Opernsängerin.
Ja, das ist auch lustig, wie sich das ergeben hat. Ich hatte einen kleinen Auftritt in der Sendung «Klanghotel» des Schweizer Fernsehens, in der die Opernsängerin Noëmi Nadelmann zu Gast war. Anschliessend sass ich noch kurz mit ihr auf dem Sofa, und als die Moderatorin fragte, ob ich mir vorstellen könnte, mal mit einer Opernsängerin zusammen Musik zu machen, sagte ich sofort Ja.

Ich habe mir das schon früher überlegt und hatte dabei immer diese Szene im Kopf aus dem Film «The Fifth Element» mit Bruce Willis. Da sind sie in einem Raumschiff, und eine blaue Ausserirdische mit Tentakelhaaren singt total krass. Sie braucht ihre Stimme wie eine Opernsängerin, und ihre Stimme ist mit einem stampfenden, deftigen Beat unterlegt. Ich fand das immer total geil.

Und nun trittst du mit Nadelmann auf?
Nein. Sie hat gemeint, dass sie sich überhaupt nicht vorstellen könne, als Opernsängerin mit jemandem aufzutreten, die beatboxt. Aber auf jeden Fall sah die Leiterin des Balletts am Stadttheater Bern diese Sendung und fragte mich anschliessend für ein Projekt an.

Wer singt denn nun den Opernpart?
Mélanie Adami, eine junge Sängerin aus Winterthur. Die Arbeit mit ihr und Dave Maric, der die Musik komponierte, war für mich völlig neu. Dave wusste genau, was er wollte. Er liess uns Texte und Melodien singen, pfeifen, sprechen, flüstern, beatboxen, nahm alles auf, schnitt das Material auseinander und fügte es neu zusammen. Am Ende bekamen wir eine zehnseitige Partitur in die Hand gedrückt, und wir setzen alles eins zu eins um, jede kleine Note, jede Silbe, alles. Für mich war das eine riesige Herausforderung, denn ich habe nie ein Instrument gespielt, nicht einmal Blockflöte, und ich kann bis heute keine Noten lesen.

Wie ist die Reaktion deiner Kollegen innerhalb der Hip-Hop-Szene, dass du in völlig anderen Musiksparten auftrittst?
Die meisten finden es cool. Aber natürlich gibt es auch jene, die total irritiert sind, dass ich zum Beispiel mit Andreas Vollenweider auftrete. Denen sage ich, sie sollen erst mal schauen kommen und dann urteilen.

Steff la Cheffe (22), mit bürgerlichem Namen Stefanie Peter, ist Rapperin und Beatbox-Vizeweltmeisterin und lebt in Bern.

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