Nr. 12/2010 vom 25.03.2010

Lebst Du von der Musik?

Interview: Silvia SüessMail an AutorIn, Foto: Ursula Häne

Steff la Cheffe: «Hip-Hop ist viel mehr als nur Musik. Hip-Hop ist eine Kultur, ein Lebensstil, ein Game.»

WOZ: Deine neue CD, die im April erscheint, heisst «Bittersüessi Pille». Wie bist du auf den Titel gekommen?
Steff la Cheffe: So lautet der Titel des dritten Stücks auf der CD. Und im zweiten Song geht es darum, dass ich zum Arzt gehe und sage: Herr Doktor, ich hätte gern ein Schnäbi, das wäre ein Vorteil beim Rappen. Und der Doktor rät mir davon ab. Dann sage ich, also, wenn ich dann schon kein Mann werden kann, dann halt eine super sexy Frau, straff und schlank, mit grossen Brüsten ... Das findet der Herr Doktor auch keine gute Idee.

Schliesslich verschreibt er mir dann eine bittersüsse Pille, die mich zu Steff la Cheffe macht. Einerseits nehme ich dann diese bittersüsse Pille, andererseits singe ich aber auch, dass ich selber für die Hip-Hop-Szene eine bittersüsse Pille bin.

In der Hip-Hop-Szene ist ja der ganze Personenkult sehr wichtig ...
Ja klar, Hip-Hop ist ja viel mehr als nur Musik. Hip-Hop ist eine Kultur, ein Lebensstil, ein Game. Ich finde dieses Spiel extrem witzig und will es mit den Jungs mitspielen können und zu Fame kommen. Auch mein Künstlername ist eine Anspielung auf das ganze Gehabe ...

Wie bist du auf den gekommen?
Das war ein Geistesblitz in einer Französischstunde. Der Lehrer sagte was von «la cheffe» und ich dachte, wow, das tönt nice. «Die Chefin» klingt ja irgendwie unsexy, langweilig, da schläft einem ja das Gesicht ein. Aber auf Französisch klingt die weibliche Form gleich wie die männliche, das gefällt mir. Das irritiert auch und ist für sich schon ein Statement. Ausserdem reimt es sich noch auf meinen Namen.

Auf deiner CD sind zwölf Songs, auf denen du zum Teil mit Gastmusikerinnen und -musikern, zum Teil alleine rappst. Wie entstehen deine Texte?
Es gibt sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Ich empfinde jene am natürlichsten, bei der ich einen Beat von jemandem bekomme, der mich anspricht und etwas in mir auslöst. Aus dieser Emotion entsteht dann der Text. Es kann aber auch sein, dass ich ein Thema habe, das mich schon lange verfolgt, und dann beginne ich mal was dazu zu schreiben. Oder ein cooler Satz oder Reim dreht sich in meinem Kopf, und dann suche ich den Beat dazu.

Wann hast du angefangen zu texten?
Meine ersten Texte schrieb ich mit zwölf Jahren. Sie handelten meist von inneren Konflikten, davon, wie ich zur Gesellschaft stehe. Ich hatte in der Pubertät zum Teil extreme Krisen, weil ich plötzlich begriff, wie die Welt funktionierte. Das hat mich zum Teil total durchgeschüttelt.

Und die Texte, die du heute verfasst, haben die immer etwas mit deinem Leben zu tun?
Ja, eigentlich haben sie meistens einen Bezug zu meinem Leben. Im Rap sind die Persönlichkeit einer Künstlerin und ihre Kunst sehr fest aneinandergekoppelt. Durch den Rap lernt man die Person auch ein Stück weit kennen. Ich habe oft Mühe, die Musik eines Rappers cool zu finden, wenn ich Mühe mit ihm als Person habe. Das geht nicht. Ich glaube, in anderen Musikstilen ist dieser Spielraum etwas grösser, zum Beispiel im Pop.

Kannst du eigentlich von der Musik leben?
Ja, seit letztem Juni. Allerdings wohne ich, seit ich mit dem Studium begonnen habe – ich habe es wegen der Musik unterbrochen – wieder bei meiner Mutter und meinem Bruder. Nach dem Gymi arbeitete ich zwei Jahre an einem Kiosk am Bahnhof und lebte mit einer Kollegin in einer WG.

Wie stellst du dir deine Zukunft vor?
Ich möchte noch eineinhalb Jahre Musik machen und dann mein Studium der soziokulturellen Animation abschliessen. Aber man weiss ja nie, was passiert. Ich hatte ja auch nicht geplant, dass ich mein Studium unterbreche und zwei Jahre nur Musik machen werde. Davon habe ich höchstens geträumt! Nach dem Studium möchte ich mal ein halbes Jahr zu meiner Tante in die Karibik ein bisschen ausspannen (lacht) ...

Längerfristig möchte ich meine Ausbildung und die Musik miteinander verbinden. Ich stelle mir vor, ein kleines, innovatives Unternehmen zu gründen, vielleicht mit ein, zwei anderen Leuten, und dann Projekte zu entwickeln, die eine Mischung sind zwischen dem soziokulturellen Ansatz und der Musik. Aber vielleicht muss ich dann noch BWL oder Betriebsmanagement studieren.

Steff la Cheffe (22), mit bürgerlichem Namen Stefanie Peter, ist Rapperin und Beatbox-Vizeweltmeisterin und lebt in Bern.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch