Nr. 15/2010 vom 15.04.2010

«Monotonie ist schön»

Die befreundeten KünstlerInnen Charlotte Posenenske und Peter Roehr schufen jeweils in wenigen Jahren ein erstaunliches Oeuvre – bis die künstlerische Arbeit 1968 für beide ein abruptes Ende nahm.

Von Yvonne Ziegler

Es war in jenem unruhigen Mai 1968, als Charlotte Posenenske schrieb: «Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nicht zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.» Peter Roehr berichtete im selben Monat: «Ich finde die Motive, die zu dieser Kulturproduktion führen, gesellschaftlich ziemlich verantwortungslos, ganz bestimmt aber überflüssig.»

Posenenske zog daraus die Konsequenzen, verabschiedete sich endgültig vom Kunstbetrieb und begann, Soziologie zu studieren. Auch Roehrs Kunstschaffen fand 1968 ein frühes Ende: Er starb an einer Krebserkrankung.

Die beiden in Frankfurt am Main lebenden KünstlerInnen hatten sich mit dem gesellschaftsverändernden Potenzial von Kunst sowie den elitären und kapitalistischen Strukturen von Museum und Markt hinlänglich auseinandergesetzt. Und so zogen sie bald, nachdem sie eine legendäre Reise durch die niederländische Polderlandschaft unternommen hatten, einen Schlussstrich unter ihre künstlerische Arbeit. Eine unbewegte Kamera hatte den stetigen Fluss jener Autofahrt registriert, auf welcher der programmatische Ausspruch entstand: «Monotonie ist schön.»

Baumaterial und Modulelemente

Mag man dieses Statement im ersten Moment auch verneinen wollen, so wird man anhand der im Zürcher Haus Konstruktiv ausgestellten Werke von Posenenske und Roehr schnell eines Besseren belehrt: Die Montagen, Objekte und Filme, die sich durch serielle Anordnung, modulare Variabilität, stringente Wiederholung, formale Einfachheit und industriell gefertigte Materialien auszeichnen, enthüllen eine abstrakte Schönheit des Alltäglichen.

Bisher ist dem Schweizer Publikum allenfalls Peter Roehr bekannt, dessen Werke 1975 in der Galerie Annemarie Verna und 1978 im Kunstmuseum Luzern zu sehen waren. Werke von Posenenske hingegen sind bis dato hierzulande nicht gezeigt worden. Popularität erhielt sie jedoch durch ihre prominente Vertretung auf der «Documenta 2007» in Kassel. Das Haus Konstruktiv präsentiert Posenenske und Roehr separat, der zugehörige Katalog aber verschränkt die beiden Positionen.

Charlotte Posenenske (1930 in Wiesbaden geboren, 1985 in Frankfurt am Main gestorben) studierte beim Maler, Bühnenbildner und Kunsttheoretiker Willi Baumeister in Stuttgart und absolvierte eine Bühnenbildausbildung in Lübeck. Dieser Hintergrund sowie ihre Ehe mit einem Architekten erklären den ungewöhnlichen Einsatz von Baumaterial und industriell gefertigten Modulelementen. Betrachtet man das in der Zeit von 1956 bis 1968 entstandene Gesamtwerk Posenenskes, so fällt ihre Hinwendung von Wandarbeiten zu Objekten im Raum auf.

Den Übergang vom zweidimensionalen Bild zum dreidimensionalen Objekt verdeutlicht die Ausstellung im ersten Obergeschoss: Dort sind frühe, gestisch informelle Arbeiten zu sehen, die Ansätze zur Rasterung aufweisen. Es sind Natur andeutende Zeichnungen und Gemälde in zurückhaltenden Farbtönen, die die Künstlerin jeweils mit dem Pinselende ausführte. Diese Strichgefüge führen zu Arbeiten mit geknicktem Papier und grosszügigen Farbflächen sowie zu Spritz- und Streifenbildern.

«Diagonale Faltung» heisst das 1966 entstandene Werk aus grau bemaltem Aluminiumblech, das in der Diagonale geknickt ist, sodass es nur noch an zwei Seiten an der Wand anliegt, während der Rest in den Raum ragt. Von nun an lösen sich die Werke von der Wand, werden monochrom, seriell und modular. Die Künstlerin schafft Bausatzsysteme mit fünf bis sechs Modulelementen aus Wellpappe oder Blech, unbemalt oder in den Primärfarben sowie in Schwarz.

Zum Selbstkostenpreis erwerbbar, unlimitiert herstellbar und von jedem nach wenigen Regeln beliebig kombinierbar stehen diese Werksätze für Posenenskes demokratische Kunstauffassung. Nicht unbedingt in Museen, sondern in Wohnungen und im öffentlichen Raum sollten sie stehen.

Der Ausstellung sieht man die Lust am freien Umgang an: Die an Luftschächte erinnernden Vierkantröhren korrespondieren mit der Architektur; Drehflügel und Raumteiler werden rege ausprobiert. «Konsumenten» nannte Posenenske Sammler, Kuratorinnen und Besucher, die ihre Werke allein oder zusammen benutzen, zusammenstellen und produzieren dürfen. Dem teuer verkaufbaren, einzigartigen Kunstwerk des Künstlergenies machte sie so den Garaus.

Mit knapp 24 Jahren verstarb Peter Roehr 1968 in Frankfurt an Lymphknotenkrebs. Der gelernte Leuchtreklamen- und Schilderhersteller hinterliess ein 600 Werke umfassendes Oeuvre. Auch seine künstlerischen Anfänge um 1962 streifen das Informel, jene im Nachkriegs-Paris entstandene Schule nichtgeometrischer Abstraktion. Der Zufall bestimmte die Verteilung von Körnern auf dem quadratischen Bildfeld, das er weiss übermalte. Doch schnell – so zeigt die Ausstellung – ging Roehr zu Rasterbildern über: Knöpfe, Etiketten, Preisaufkleber und mehr ordnete er nun ohne Bemalung in regelmässigen Abständen auf Bildträger.

Autositze und Kaffeetassen

Daneben entstanden Typografiearbeiten mit der Schreibmaschine, etwa Quadrate aus T-Buchstaben. Er wählte nie neutrales Material, sondern immer Dinge des alltäglichen Gebrauchs wie Etiketten, Schachteln oder Radkappen, die eine Geschichte oder Funktion besitzen, durch die Entkontextualisierung aber zu etwas Neuem mit faszinierendem Form-Farb-Rhythmus werden. Das Prinzip der seriellen Montage gleicher Elemente übertrug Roehr auch auf Ton- und Filmausschnitte sowie Fotografien, die er ausschnittgetreu aus Werbematerialien entnahm und aufklebte – wohlgemerkt immer dasselbe Motiv. Die Wahrnehmung dieser teilweise grossformatigen Arbeiten von Autositzen, Rückleuchten oder Kaffeetassen changiert zwischen der Erfassung der bildlichen Narration beim Blick auf das Einzelbild und der Betrachtung des abstrakten Ganzen wiederkehrender Farben, Formen und Strukturen. Als Künstlerindividuum hielt sich Roehr möglichst zurück, war mehr Auswählender wie Marcel Duchamp, liess FreundInnen die Anzahl von Wiederholungen festlegen und Profis Filme schneiden.

Obgleich beide KünstlerInnen Serie, Wiederholung, Kooperation und banale Gegenstände einsetzten, um Geniekult und Markt zu entrinnen, sind ihre Werke durch Materialwahl sowie Gebrauchs- und Ordnungsregeln unverwechselbar. Die Einfachheit ihrer Werke ist schön.

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