Nr. 16/2010 vom 22.04.2010

Schlaflose Nächte?

Interview: Rachel Vogt, Foto: Claude Giger

Rudolf Rechsteiner, Sozialdemokrat: «Ich habe gelernt, nur das zu machen, was ich beherrsche und selber kontrollieren kann.»

WOZ: Herr Rechsteiner, letzte Woche haben die UBS-AktionärInnen der Bank die Decharge für 2007 nicht erteilt. Haben sie damit Geschichte geschrieben oder bloss eine symbolische Ohrfeige verteilt?
Rudolf Rechsteiner: Das hat eine starke Symbolik. Aber der Kern des Problems wurde nicht angesprochen: Weshalb betreibt die UBS weiterhin das riskante Investmentbanking, mit dem sie so viel Geld vernichtet hat?

Kommt die alte UBS-Garde jetzt vor Gericht?
Juristisch wird nichts dabei herauskommen, die UBS-Führung will ja nichts unternehmen. Ihr Präsident Kaspar Villiger ist ein Gefangener des alten Denkens.

Und die Politik?
Das Parlament und der Bundesrat scheinen ebenso befangen! Die Bürgerlichen, allen voran die FDP und die CVP, verhalten sich, als wären sie alle von der UBS angestellt – und ein wenig stimmt das ja sogar.

Im Juni berät das Parlament über den Staatsvertrag mit den USA, also darüber, ob die Schweiz 4200 Kundendaten mutmasslicher SteuerhinterzieherInnen herausgeben soll. Wie ist die Stimmung?
Die SP wird diesem Vertrag ohne gesetzliche Boni-Regelung nicht zustimmen. Sie sitzt hier für einmal am längeren Hebel, denn auch die SVP ist dagegen.

Themenwechsel. Sie haben sich für die Politik einmal fast ruiniert. Als Sie im Jahr 2000 ihre AHV-Initiative lancierten, haben Sie 80 000 Franken eigenes Geld in die Kampagne gesteckt.
Das stimmt. Damals war die SP in einer Krise, es war die Zeit der Wirren um Parteipräsidentin Ursula Koch. Ich wollte die Partei mit einer Volksinitiative deblockieren.

Die SP musste sich später um die Initiative kümmern, weil die Firma, die Sie nach dem Tod Ihres Onkels übernommen hatten, in Schwierigkeiten geriet.
Ja. Wir verloren später zwar die Abstimmung, aber die Initiative brachte der SP viele Spenden, und die AHV erhielt von der Nationalbank sieben Milliarden Franken. Ich bereue nichts.

Und die Firma?
Ich konnte die Arbeitsplätze retten, aber habe mein Erspartes, etwas über eine halbe Million Franken, versenkt.

Das kann nicht jeder von sich behaupten.
Ja, es hat mich einige Jahre sehr belastet. Ich war finanziell auf einer Achterbahn. Zum Glück hatte ich zur richtigen Zeit einige Windaktien gekauft, dann ging es plötzlich wieder aufwärts.

Hat diese Zeit Sie verändert?
Ich habe gelernt, nur das zu machen, was ich beherrsche und selber kontrollieren kann.

Wurde bei Ihnen zuhause politisiert?
Nicht viel, nein. Mein Vater war Milchmann, kam aus der ländlichen Ostschweiz nach Basel, meine Mutter führte einen kleinen Lebensmittelladen. Beide gehörten zu den Globalisierungsverlierern. Ihr Geschäft musste schliessen, als die Supermärkte kamen. Mein Vater war konservativ und etwas grün, ein impulsiver Mensch. Er hatte Zivilcourage und war politisch interessiert, aber kein Freund der Linken.

Sie sind gesellschaftlich aufgestiegen – zum Akademiker, Unternehmer, Politiker ...
Das führte bei mir zu einer komischen Mischung aus kleinbürgerlicher Herkunft und Intellektualismus. Man muss sich nur treu bleiben.

Wie macht man das?
Es gab ein paar Schlüsselerlebnisse, Kaiseraugst war so eines. Auch die Uni war prägend, wir lasen Marx und Keynes, dachten überhaupt nicht an eine Karriere, an das zuletzt! Dann lernte ich den Friedensforscher Johan Galtung kennen. Seine Theorien gaben mir das Fundament für mein ganzes politisches Handeln. Er ist einfach mein Guru, Punkt. Danach konnte ich Marx getrost in die Schublade legen.

Kurz gesagt, was ist sein Ansatz?
Man versucht, beiden Seiten eine Gewinnerrolle zu geben. Man geht gewaltfrei, hartnäckig und analytisch vor. Man muss die Politik als Schachbrett verstehen. Wenn man keine Lösungen hat, muss man neue Schachfiguren kreieren, bis ein Kompromiss zustande kommt.

Und das klappt?
Manchmal schon. Wenn Sie so politisieren wie ich, dann ist das eine körperliche Angelegenheit. Sie schlafen manchmal fast nicht in der Nacht. Am nächsten Morgen ist das Pyjama schweissnass, dafür haben Sie drei gute Ideen. Die muss man fast gebären. An dieser Leidenschaft habe ich gelitten, aber sie hat mir auch so viel Erfolg gebracht. Man muss flexibel denken bei den Lösungen und Allianzen. Aber man muss vor allem dranbleiben wie ein Hund, der den Knochen nicht hergibt.

Rudolf Rechsteiner (51) tritt nächsten Monat als SP-Nationalrat zurück. Er hat in Wirtschaftswissenschaften doktoriert.

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