Nr. 19/2010 vom 13.05.2010

Wie wirds kreativ?

Interview: Esther Banz

WOZ: «Das Texten ist für mich der Horror», sagten Sie letzte Woche. Was macht das Schreiben so zur Qual?
Kuno Lauener: Ich weiss es nicht. 
Ich mache mir oft Notizen, schreibe einzelne Sätze auf. Aber das wars dann. Früher bin ich, kaum hatte ich einen Satz, gleich hingesessen und habe angefangen zu texten. Heute schaffe ich das nicht mehr.

Fehlt die Musse?
Vielleicht die Ruhe. Ich weiss es wirklich nicht. Ich sage mir oft: Ab jetzt setzt du dich morgens um 9 hin und arbeitest bis 17 Uhr.

So wie Nick Cave das macht?
Genau so, ja! Bei dem scheint die Entwicklung ähnlich zu verlaufen wie bei mir. Ich glaube, es geht noch vielen so.

Sprechen Sie das Älterwerden an? Oder die permanente Ablenkung durch E-Mail und solche Dinge?
Im Umgang mit dem Computer bin ich mittlerweile gut. Der würde mich extrem aussaugen, wenn ich nicht aufpasste. Dieses ewige Rumsurfen, überall noch schnell schauen, was zur neuen Platte geschrieben wurde, was die Leute in den Foren von sich geben – und dann sind im Nu wieder drei Stunden um. Da war ich sehr undiszipliniert.

War?
Ja, ich habe mich gebessert. Ich setze mich am Morgen nicht als Erstes vor den Computer, sondern lese erst einmal die Zeitung und arbeite dann etwas. Sonst bin ich nur abgelenkt. Denn ich reagiere ja auch darauf, was da zu lesen ist.

Wie reagieren Sie?
Da können in einem Forum dreissig Leute zur neuen Platte schreiben, dass sie sie super finden, und nur ein Einziger meint: «Kuno ist doch ein müder alter Sack.» Aber dieser eine Kommentar tut mir dann viel mehr weh, als mich alles Lob freut. Ich stelle mir sogar vor, wer das sein könnte, 
der diesen Satz geschrieben hat. 
Dass es das mit mir macht, finde ich nicht wirklich lustig.

Antworten Sie in solchen Fällen mit einem eigenen Forumeintrag?
Nein, ich beantworte manchmal ja nicht mal Fanbriefe. In solchen Dingen bin ich schlecht.

Kommen Fanbriefe heute per E-Mail?
Ja. Solche Briefe sind heutzutage schnell geschrieben. An mich kommen natürlich auch viele Anfragen für die Band – und immer müsste man sofort reagieren, auf eine Mail erwartet man ja innert einer halben Stunde eine Antwort. Ich funktioniere aber nicht so, das stresst mich. Auch diese Smslerei. Ich tue das Zeugs weg, wenn ich arbeiten muss. Ich brauche zum Schreiben ein Zimmer. Früher hab ich am Küchentisch geschrieben, heute gehe ich gerne irgendwo rein, mache die Tür hinter mir zu und bleibe dort.

Wie sieht es in Ihrem Arbeitszimmer aus?
Das ist einfach so ein Zimmer. Mittendrin hats einen grossen Tisch. Und am Boden ein Kuhfell. Die Kuh lebte in der Normandie, ich sage Jacques Tapis zu ihr, Köbu Teppich. Und dann hats einen Schaft, ein Sofa, eine Ständerlampe und den Laptop. Es ist immer etwas unordentlich in diesem Zimmer. Das ist mein Denkreich.

Was passiert, wenn Sie sich da an den Tisch setzen?
Manchmal habe ich keine Ahnung, was ich tun soll. Klar, ich habe eine Beige CDs vor mir. Die andern der Band schicken mir Aufnahmen mit Songfragmenten, Entwürfen, Ideen. Manchmal habe ich eine Textidee und suche dann die Musik dazu. Und manchmal ist es die Musik, die mir gefällt, und dann texte ich dazu. So fange ich an. Manchmal ist es nur ein Satz, der den Einstieg gibt. Ein cooler Satz, wie der erste Satz eines Buches. Andere Male habe ich ein paar Zeilen und suche nach dem richtigen Beat, dem guten Flow, technisches Zeugs halt, um mich davon abzulenken, dass ich keine Idee habe. Manchmal scheitere ich auch an meinem technischen Rüstzeug.

Was passiert in solchen Momenten?
Dann habe ich das Gefühl, dass alles wieder gleich tönt. Man versucht ja, sich nicht zu wiederholen. Aber dann bist du irgendwann wieder mittendrin im Schlamassel.

Und dann?
Dann wirds interessant. Ich mag diesen Moment, wo ich merke, dass ich in der Tinte sitze. Wo ich mir sage: Jetzt hast du wieder die gleichen Probleme wie vor drei Jahren, das ewig gleiche Versmass, aus dem du endlich mal ausbrechen möchtest … Das sind die Momente, in denen ich anfange zu brüten. Und dann wirds kreativ.

Dann steht der Song noch am selben Tag?
Oh nein! Bis ein Song fertig ist, gehts manchmal drei, vier Wochen. Ich weiche immer wieder aus. Sobald ich mich dann endlich richtig drauf einlasse, werde ich furchtbar asozial. Das sind dann ziemlich einsame Zeiten, aber ich mag sie. Das muss ich mir auch rausnehmen, und mein Schatz weiss das.

Kuno Lauener (49) ist Kopf und Stimme der Berner Band Züri West. Ihre CD «HomeRekords» vereint bislang unveröffentlichte Songs und Skizzen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch