Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Andere verschenken ihr Herz, er zündet eins an

Brass Band war gestern: Für sein neues Album als King Pepe hat sich Simon Hari hinterm Computer verschanzt. Besuch bei einem König, der keiner mehr sein will.

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Es gibt ja verschiedene Formen von Reife»: King Pepe will manchmal irgendwo draufhauen, bis es blutet und Scherben gibt.

Da steht er, in einem Wald aus Beton, unter einem Himmel aus Beton. Er klingt genervt, seine Stimme meist eine Spur zu hoch, dass sie fast übersteuert: «I wirde ghörlos / So viu Tön u Wort / U so viu Bild / I wirde blind». Dazu schlingert die Elektronik, fahren Störgeräusche dazwischen, und dieser metallische Beat, als würde jemand einem Fass den Boden ausschlagen.

«Ende der Geduld» heisst dieser Track von King Pepe, und so genau hat schon länger kein Schweizer Popsong mehr die Psychosen unserer Zeit auf den Punkt gebracht. Man kennt das doch: riesiges Buffet, aber Appetit hast du keinen. Überreizt und unterfordert, verspannt und übermüdet, so klingt alles an diesem Song, bis er gegen Ende langsam verdämmert. Diagnose: Burn-out infolge «Sondersuperaktionsrabatt». Im Video dazu tigert King Pepe verloren durch ein leer stehendes Hochregallager, in Anzug, ohne Krawatte, wie ein kleiner Banker, der hier im Beton ausgesetzt wurde, allein in den Maschinenräumen des Systems, und jetzt merkt er: Hilfe, die sind ja leer.

Selbstgebastelter Award

King Pepe ist genervt, sein Erfinder Simon Hari ist es nicht. Er empfängt in seinem Atelier, draussen in Bern-Liebefeld. Kein Übungskeller, sondern viel Tageslicht: ein ehemaliges Direktorenzimmer im ersten Stock, Kolonialwarenhandel. Herrschaftlich? Das war einmal, jetzt sieht es mehr nach Zwischennutzung aus. Die Wände im Exbüro sind rundum noch mit ältlichem Holztäfer verkleidet, anstelle eines Direktorenpults steht ein einfacher Arbeitstisch mit Computer, Boxen, Keyboard da. Hier residiert ein King, der keiner mehr sein will. An der Wand hängen Gitarren, über dem Klavier in der Ecke eine Goldene Schallplatte (selbstgebastelt), auch ein Grammy Award steht da (selbstgebastelt).

Sein neues Album als King Pepe hat Simon Hari komplett hier am Rechner produziert, zusammen mit Rico Baumann. Es heisst «Karma OK» und klingt wie eine hyperaktive digitale Jukebox, die zu viele Partydrogen gespickt hat. Eine aufgekratzte elektronische Amokfahrt zwischen Autotune und Klingeltonpop ist das – manchmal schön schwerelos auf synthetischen Flächen («Opel Astra»), dann aber auch nervtötend zapplig («LütmerufmisHandya»). Computermusik, mit der Maus geklickt: Das ist schon mal eine erstaunliche Spitzkehre für einen, der seine letzte Platte noch mit der Strassenjazzband Le Rex einspielte und auf dem Album davor mit dem Swing des Schellackzeitalters flirtete.

Aber Hari hatte danach einfach ein bisschen genug von allem. Genug vom Bandwesen, genug vom Troubadourwesen, genug auch von diesem popmusikalischen Markenartikel namens Bärndütsch, dem er mit dem ironischen Machismo von «Büssi» (2010) einst selber einen Radiohit beschert hatte. Auf diese Karte müsse er setzen, so lauteten schon damals die gut gemeinten Ratschläge, das sei ein sicherer Wert: Mundart, aber frech und anders.

«Chli kompliziert» muss es sein

Bloss, Simon Hari mochte nie auf irgendwelche Karten setzen. Und bei sogenannt sicheren Werten wird ihm erst recht schnell langweilig, auch wenn er sich damit oft selbst ein Bein stellt. «Ich mache es mir gern chli kompliziert», sagt er. Also: Verweigerung an allen Fronten. Und stattdessen: Rückzug an den Rechner, mit dem Ansporn, sich selbst zu überraschen und musikalisch mit den eigenen Gewohnheiten zu brechen. Er hörte viel jamaikanischen Dancehall damals, diese Partymusik, die nur Sex und Alkohol kennt. Mal nicht immer diese Melancholie, das wärs, ein Album «wie ein Chlapf an den Grind». So stellte er sich das vor, der grosse Bub Pepe.

Spätpubertär? Mag sein, dass er eigentlich für solchen Unfug zu alt ist, das weiss er selber. Aber wenn man nun mit Simon Hari über mangelnde Reife sprechen will, wirds wieder chli kompliziert. «Es gibt ja verschiedene Formen von Reife», sagt er dann. Es ist der ehemalige christliche Fundamentalist, der da spricht. Hari ist von Haus aus in einer evangelisch-methodistischen Freikirche aufgewachsen. Erst mit neunzehn Jahren sei er vom Glauben abgefallen: «Ich habe recht spät angefangen, blöd zu tun. Darum dauert es jetzt auch etwas länger bei mir. Ich bin immer noch auf dem Weg der Befreiung.»

Man muss also das Kindische, das Simon Hari als King Pepe auslebt, als eine Art von Reife verstehen. Und beim neuen Album ist ihm dann doch wieder der Grübler dazwischengekommen. Das beginnt schon mit dem ersten Track, einer kritischen Selbstdeklaration des Künstlers im Dialog mit einer Mickymausstimme. Steckbrief: «wyss, männlech, vierzgi». Darüber hinaus bleibt ihm dann fast nichts übrig, als sich über all das zu definieren, was er nicht ist: «nid schwarz, nid jüdisch, nid schwul, nid arm, nid riich, nid wichtig …» Der nicht mehr ganz junge weisse Mann reflektiert hier seine Position als unmarkierte Norm. Einziges Problem: dass er keine wirklichen Probleme hat und «ds Läbe eigentlich no guet» findet.

Nicht länger bandmüde

Das Gegenteil von pubertär also. Und doch wieder Berndeutsch, aber freier getaktet jetzt. «Ich mochte nicht mehr ‹Ene mene muh› machen», sagt er. Und der Wille zur Provokation? Den hört man, wenn man will, übers ganze Album verstreut. Im absurd benebelten Partymantra von «Machtnütmirsihigh» etwa, oder auch in den Zerstörungsfantasien, die immer wieder aufflackern. «Öppis Schöns kaputt mache» heisst ein furchtbar aufgestellter Song, und auch in «Ende der Geduld» will King Pepe irgendwo draufhauen, bis es blutet und Scherben gibt. Andere verschenken auf Berndeutsch ihr Herz, er zündet eines an. Manchmal werde ihm selbst der Lärm seiner Augendeckel zu viel, so singt er einmal in «Mönsch si isch passé». Man muss sich deswegen keine Sorgen um Simon Hari machen: «Die Songs sind ja immer mehr, als ich bin oder als ich von mir weiss.» Und seine Haare stehen senkrecht, als ob der Himmel daran ziehen würde.

«Karma OK» könnte er jetzt gut allein mit dem Computer aufführen. Ähnlich wie in seinen Anfängen als King Pepe, als er noch ohne Band auftrat, begleitet nur von einer roten Ständerlampe, «damit ich nicht so allein war auf der Bühne», wie er sagt. Aber das würde ihm viel zu schnell verleiden: «Mit Band tönts jedes Mal anders, und es passieren Fehler», das gefällt ihm. So hat Simon Hari nach seiner Bandmüdigkeit doch wieder eine Band um sich geschart, um die neuen Songs auf die Bühne zu tragen: zu fünft, mit Keyboards, Bass und zwei Schlagzeugern.

Wer wie King Pepe seine Gitarren an den Nagel gehängt hat, sieht sie jederzeit griffbereit an der Wand baumeln. Er braucht sie jetzt wieder.

Konzerte: Bern, ISC, 22. März 2019 (ausverkauft); Zürich, Moods, 18. April 2019; Thun, Café Mokka, 20. April 2019. Weitere Daten auf www.kingpepe.ch.

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