Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Sie spielen sich frei

Wenn Häftlinge flattern und krächzen: Im Gefängnis Lenzburg probt Regisseurin Annina Sonnenwald mit Insassen ihr Stück «In der Mühle». Ein Probenbesuch hinter Gittern.

Von Susan Boos

Schwarze Magie in der Knastturnhalle: Der Meister dirigiert seine verwandelten Müllerburschen. Fotos: Sven Germann

Noch besteht die Bühne erst aus drei Turnkästen. Der Meister der Mühle posiert wie ein Rockerkönig auf einem der Kästen. Schwarze Lederhosen, schwarzes Gilet, nackte, tätowierte Oberarme, an der Halskette baumelt ein kleiner Totenkopf. Vor ihm haben sich seine elf Gesellen versammelt. Er führt sie wie Marionetten an unsichtbaren Fäden. Am Rand der imaginären Bühne steht ein Mann im blauen Trainingsanzug. Er führt als Erzähler durchs Theaterstück.

Es ist Sonntagnachmittag in der Turnhalle der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg. Die Türen sind abgesperrt, die Oberlichter massiv vergittert, und in den Ecken hängen Überwachungskameras. Es wird für das Stück «In der Mühle» geprobt, das am 19. November Premiere hat.

Das Stück

Der Erzähler ist ein grauhaariger Mann Mitte fünfzig. Schon vor der Probe stellte er sich als Jo vor. Er brachte Kaffee und berichtete über seine Erfahrungen in den verschiedenen Gefängnissen. Wenn man ihn fragt, wie lange seine Strafe sei, sagt er: «Lang, sehr lang.» Er würde auch mehr darüber erzählen, will es aber nicht in der Zeitung lesen. Er sagt, er mache bei diesem Theater mit, damit die Leute draussen sehen, dass Häftlinge auch normale Menschen und keine Monster seien.

Die Regisseurin Annina Sonnenwald.

Jo hat ein vornehmes Bühnendeutsch. Seinen Text liest er von einem iPad ab. Er macht das mit Leichtigkeit, obwohl er an diesem Tag das erste Mal in seinem Leben ein iPad in Händen hält. Denn als er ins Gefängnis kam, gab es noch keine iPads.

Als Erzähler berichtet er von Baba, der während des Dreissigjährigen Kriegs als Waisenjunge verloren durch die Welt streift und in einer Mühle eine neue Heimat findet. Erst mit der Zeit begreift Baba, dass sein Müllermeister einen Pakt mit dem Bösen geschlossen hat. Der Meister führt die Gesellen in die Kunst der schwarzen Magie ein und verwandelt sie manchmal in Raben. Als Raben tragen die Männer schwarze Umhänge und Masken mit Schnäbeln. Sie wuseln durcheinander und krächzen verhalten.

Regisseurin Annina Sonnenwald interveniert. Sie will, dass die Raben engagierter flattern, intensiver krächzen. Sie mischt sich unter die Männer, flattert und krächzt mit. Die Akustik in der Turnhalle ist miserabel. Man versteht die Regieanweisungen kaum. Die Raben drehen flatternd ihre Runden. Plötzlich erklingt in der hinteren Ecke der Halle glockenreiner Gesang. Die Raben blicken auf. Ein elektrisierender Moment. Da steht Kantorka, eine grazile junge Frau, und füllt mit ihrem Gesang den Raum.

Baba verliebt sich in sie.

Die Sopranistin

Kantorka heisst im richtigen Leben Silvia Renuka Staubli. Sie ist Opern- und Konzertsängerin, unterrichtet angehende SängerInnen. Renuka Staubli sagt, sie mache hier wegen Simona Hofmann mit, bei ihr wisse sie einfach, dass die Arbeitsatmosphäre immer gut sei. Hofmann ist zuständig für die Choreografie und die Dramaturgie, ist aber bei dieser Probe nicht anwesend.

Baba ist Renuka Staublis Bühnenpartner. Ein ruhiger, sanfter Mann, der wenig redet. Er hebt sie hoch, schleift sie über den Boden. Zwei Bühnenverliebte, die sich sehr nahe kommen.

Auch Baba ist ein Häftling. Er spielte früher nie Theater. Renuka Staubli sagt, ihr sei klar gewesen, dass das für ihn etwas völlig Neues sei: «Aber wir haben ganz am Anfang abgemacht: Jeder sagt es dem andern direkt, wenn einer von uns beiden das Gefühl hat, dass der andere ihm zu nahe kommt, eine Grenze überschreitet. Das hat bis jetzt sehr gut geklappt.» Es sei im Gefängnis viel unproblematischer als manchmal draussen im normalen Berufsleben, sagt Renuka Staubli und lacht.

Die Regisseurin

Vor gut sechs Jahren meldete sich Annina Sonnenwald bei Marcel Ruf, dem Gefängnisdirektor, und stellte ihm ihr Theaterprojekt vor. Er lud sie ein, sagte, er habe schon mal gefragt, wer von den Insassen mitmachen wolle.

Ruf stellte Sonnenwald die Männer vor und sagte, er müsse noch was erledigen. Da war sie mit den Gefangenen allein: einer Handvoll Krimineller, von denen sie nichts wusste. Sonnenwald sagt, im ersten Moment sei sie ein bisschen erschrocken.

Sie war damals keine dreissig Jahre alt. Aber die Frau verfügt über eine enorme Energie und viel natürliche Autorität. Ruf hatte sie richtig eingeschätzt. Die erste Inszenierung ging dann auch erfolgreich und problemlos über die Bühne.

Ursprünglich lernte Sonnenwald Lehrerin, besuchte später eine Schauspielschule, begriff aber bald, dass sie nicht auf der Bühne stehen wollte. Doch die Regie faszinierte sie. Nun arbeitet sie bereits an ihrem vierten Stück in der JVA. Den Text dafür hat sie – in Anlehnung an Otfried Preusslers Jugendroman «Krabat» – selber geschrieben. Damit hat sie ein Stück geschaffen, das wirklich zu den Schauspielern passt. Die Rolle der Kantorka wollte sie ursprünglich intern besetzen. Ein Gefangener wäre sogar bereit gewesen, die Frau zu spielen. Sie merkten dann aber, dass er lächerlich wirken würde. So kam Renuka Staubli ins Spiel, was ein Glücksfall ist und dem Theater Glamour verleiht.

Die nächste Szene steht an. Der Meister müsste wieder auf sein Podest. Aber er will nicht. Irgendwas passt ihm nicht. Annina Sonnenwald lässt ohne ihn weiterspielen. Man spürt eine leichte Spannung.

Später stellt sich heraus, was das Problem des Meisters war. Er ärgerte sich, dass einige der Schauspieler nicht konzentriert mitmachten. Das sei unprofessionell. Er fand, Sonnenwald müsse härter sein. Der Meister hat Bühnenerfahrung. Früher arbeitete er als Stuntman und trat in einem Varieté auf.

Die Probe läuft weiter. Das Stück bewegt sich auf seinen dramatischen Höhepunkt zu, Renuka Staubli mittendrin. Der Meister ziert sich immer noch und sitzt am Rand der Halle. Renuka Staubli unterbricht das Spiel. «Komm! Ich brauch dich jetzt! Hier!», sagt sie bestimmt und winkt ihn mit leichter Geste auf die Bühne. Der grosse, kräftige Mann steht auf und kommt.

Der Direktor

Tage später wird in der Turnhalle die Bühne aufgebaut. Stundenlang haben sie geschraubt, die Häftlinge haben mitgeholfen. Gefängnisdirektor Ruf schaut sich um. Es laufe gut, sagt er, sei aber viel Arbeit. In den letzten Tagen vor der Premiere ist er oft bis neun Uhr abends vor Ort. Warum macht er das? «Wenn in den USA, in Rumänien und im Nahen Osten in den Gefängnissen Theater gemacht wird, sollten wir das doch auch können», sagt Ruf.

In der JVA Lenzburg gab es schon in den sechziger Jahren Theateraufführungen. Manchmal spielten auch Kinder mit. «Das würde man heute so wohl nicht mehr machen», sagt Ruf. Passiert sei nie etwas. Aber die Öffentlichkeit würde das heute vermutlich nicht mehr goutieren.

2010 wurde nach vielen Jahren erstmals wieder ein Stück in der JVA Lenzburg aufgeführt. Zusammen mit dem Aarauer Theater Marie inszenierten Gefangene «Warten auf Godot» von Samuel Beckett. Es ist das Gefängnistheaterstück schlechthin. 1953 in Paris uraufgeführt, wurde es noch im selben Jahr auch in der Strafanstalt Lüttringhausen im Rheinland gespielt. Ein Häftling hatte es übersetzt und inszeniert. In einem Brief an Beckett schrieb er: «Ihr Godot war ein Triumph, ein Rausch – Ihr Godot war ‹unser› Godot, unser eigener, er gehörte uns! Wir alle sind diese Clochards, denen die Füsse wehtun.» Die Presse feierte die Inszenierung.

Ruf sagt, Theaterspielen sei wohl das sinnvollste Freizeitangebot, das man in einem Gefängnis haben könne, verlange den Leuten aber viel ab. Es sei nicht einfach, immer genügend Gefangene zu finden, die mitmachen wollten. «In Berlin im Gefängnis Tegel haben sie 1300 Gefangene. Da ist es natürlich leicht, eine feste Theatergruppe zu haben.» In Lenzburg sitzen nur knapp 200 Männer ein.

Ruf zahlt Sonnenwalds Theatertruppe nichts. «Der Kanton hat kein Budget für ein Gefängnistheater.» Die Truppe muss von dem leben, was die Eintritte einspielen. Das Gute ist: «Wenn kein Franken Steuergelder drin ist, erhöht dies die Akzeptanz enorm», sagt Ruf. Immerhin konnte die Stiftung der Strafanstalt die Videos finanzieren, die im Stück eingespielt werden.

Die Freiheit

Die Liebe zwischen Baba und Kantorka rettet die Müllergesellen. Die schwarze Magie wird in einer fulminanten Szene gebrochen. Die befreiten Gesellen spielen eine Festszene, schwenken leere Bierkrüge. Sie tanzen fröhlich und ausgelassen wie bei einem echten Fest. Die Knastatmosphäre ist weg. Es stehen nur noch normale, vergnügte Leute auf der Bühne.

Die Männer sagen, im Stück stecke auch viel von ihren eigenen Geschichten drin. In der Schlussszene stellt sich Jo, der Erzähler, vors Publikum und spricht über «die Freiheit», die die Gesellen zurückgewonnen haben. Im Theatertext stand ursprünglich «unsere Freiheit». Aber das könne er nicht sagen, gesteht er beim Aufräumen. Denn für ihn wird es sie noch lange nicht geben.

«In der Mühle» wird ab dem 19. November 2018 in der JVA Lenzburg zehnmal aufgeführt. Die Vorstellungen dürften aber bei Erscheinen dieses Artikels schon ausgebucht sein. www.ausbruch.ch

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