Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

«Allein machen sie dich ein»

Eine achtstündige Videodokumentation von Mischa Brutschin zeichnet den Kampf um ein selbstbestimmtes Leben in Zürichs Strassen von 1979 bis 1995 nach.

Von Daniel Stern

Jahrelang hat Mischa Brutschin Film- und Videoausschnitte sowie Ton- und Textdokumente aus der Zürcher Besetzerszene zusammengetragen. Diesen riesigen Haufen Material hat er zu einer achtstündigen Collage verwoben, die vor allem den Kampf um Wohn- und Freiräume zwischen 1979 und 1995 dokumentiert. Eine Zeitperiode, die mit dem Kampf um ein Autonomes Jugendzentrum (AJZ) begann und mit der Räumung der besetzten Wohlgrot endete, einer Fabrik an den Geleisen nahe dem Bahnhof. Der gigantische weisse Schriftzug «Zureich», auf blauem Hintergrund an ihre Mauer gemalt, hatte Zugspassagiere jahrelang in der Metropole begrüsst.

Hier und jetzt

Brutschin macht deutlich, dass die Wurzeln der Forderung nach einem Begegnungszentrum für Jugendliche bis in die fünfziger Jahre zurückreichen. Damals entstand das Jugendhaus Drahtschmidli. Später dann, 1968, war es das Globus-Provisorium auf der Quaibrücke, um das sich Jugendliche mit der Polizei Strassenschlachten lieferten. Anfang der siebziger Jahre kochten die Emotionen anlässlich der Auseinandersetzungen um den Bunker beim heutigen Parkhaus Urania erneut hoch. Die bewegendsten Bilder aus den siebziger Jahren hat Brutschin über den Kampf um eine Häuserzeile an der Venedigstrasse zusammengetragen. Dort sollte ein ganzes Wohnquartier einem Geschäftsviertel weichen. Alt und Jung diskutierten damals auf Versammlungen darüber, wie sie sich wehren könnten.

Auf diese seit 1968 geschaffenen Strukturen und Erfahrungen konnte die Achtzigerbewegung zurückgreifen. In diesem Zusammenhang spielte auch das Ende der siebziger Jahre besetzte Schindlergut eine Rolle, das ursprünglich ein von einem Träger verwalteter Jugendtreff gewesen war. Die Bewegung schöpfte ihre Kraft aber vor allem aus ihrem Kampf im Hier und Jetzt, mit dem sie sich vielen Strömungen, die nach 68 entstanden waren, entgegenstemmte. Man verlachte die maoistischen Grüppchen, die sich als Speerspitze des Proletarias verstanden, wie man diejenigen verachtete, die auf dem «langen Marsch durch die Institutionen» selber Teil des verhassten Systems geworden waren.

1980 ging es um Selbstbefreiung, um Autonomie, um Verweigerung gegenüber der herrschenden Kultur, und nicht um zukünftige Heilsversprechungen oder um Stellvertreterkämpfe für Unterdrückte anderswo.

Schwarzer Faden

Auch wenn die eigentliche Bewegung schon zwei Jahre später faktisch zerschlagen war, loderte das Feuer weiter, wie Brutschin dokumentiert. Gerade die Kämpfe um die Wohnhäuser am Stauffacher und später an der Schmiede Wiedikon konnten ihre Stärke nur entfalten, weil sie auf die Unterstützung vieler zählen konnte, die sich im AJZ kennengelernt hatten. 1989 dann kam es mit den «Aufläufen gegen den Speck» wieder zu Auseinandersetzungen, die an 1980 erinnerten. Eine neue Generation integrierte sich in die Häuserkampfszene. Die neue Bewegung rang den Stadtbehörden mit wöchentlichen Demonstrationen und unzähligen Besetzungen eine faktische Tolerierung von Hausbesetzungen bis zum Abbruchtermin ab.

Brutschin hat für seine Dokumentation einen subjektiven Ansatz gewählt: die Perspektive des Aktivisten. Neben Archivaufnahmen des Schweizer Fernsehens zeigt er vor allem Filmmaterial, das aus der Szene selbst stammt. Texte aus Flugblättern und Bewegungszeitungen werden mit eigenen Kommentaren verwoben. Dazu montiert Brutschin Töne aus dem öffentlich-rechtlichen Radio, von Piratensendern und vom bewegungsnahen Radio Lora. Ihren ganz eigenen Stempel drücken der Dokumentation schliesslich die Aufnahmen von unzähligen Bands auf, die damals in den besetzten Häusern und Zentren auftraten.

Die Ideen, Aktionsformen und Strategien der AktivistInnen ziehen sich wie ein Faden – ein «schwarzer Faden», wie Brutschin ihn im Begleitheft nennt – durch die Jahrzehnte der Strassenkämpfe. Je länger man zuschaut, desto mehr lässt sich eine Logik hinter den Aktionen und deren Abläufen erkennen: Aus Erfahrungen gehen neue Strategien hervor; entscheidender noch: Der Kampf um selbstbestimmte Räume schafft persönliche Beziehungen. Netze entstehen. Gruppen finden zusammen.

«Nur Stämme werden überleben» stand 1980 auf Zürichs Hausmauern. Brutschin zeichnet in seiner Dokumentation den Verlauf einiger dieser Stämme nach; etwa jener der Leute an der Hüttisstrasse, einer inzwischen abgerissenen Wohnsiedlung im peripheren Zürich-Oerlikon. Hier kämpften die BewohnerInnen ab den frühen achtziger Jahren um den Erhalt der Arbeithäuser und zogen schliesslich, als die Abrissbagger nicht mehr aufzuhalten waren, in selbst gebaute Wohnwagen stadteinwärts auf die Kronenwiese. Später besetzten sie von dort aus weitere Häuser. In Zürich-Aussersihl verliert sich 1997 dann ihre Spur.

Und die Drogenszene?

Brutschin dokumentiert auch die oft erbittert geführten internen Auseinandersetzungen: Man stritt über Militanz, den Geschlechterkampf oder den Graben zwischen «DominatorInnen» und «Fussvolk» innerhalb der Besetzergruppen. Und man rang darum, ein Verhältnis zur Drogenszene zu finden. Denn die prägte Zürich auf ähnliche Weise. Auch die Junkies besetzten Räume, wurden vertrieben. Nur wehrten sie sich selten. Brutschin vergleicht: Wie gingen die Leute in der Wohlgrot mit der Drogenszene um? Wiederholten sie die Fehler, die man zehn Jahre zuvor gemacht hatte? Ebenso wie im AJZ experimentierten auch die AktivistInnen aus der Wohlgrot mit einem für alle offenen Drogenraum – und scheiterten. Anders als die Leute vom AJZ verstanden sie es jedoch, sich der Ghettoisierungsstrategie der Polizei entgegenzustellen: Sie schauten nicht tatenlos zu, als die Polizei gezielt die Drogenszene in die Wohlgrot zu treiben suchte.

Die achtstündige Collage zum Zürcher Häuserkampf ist Geschichtsschreibung aus der Perspektive des Handelnden. Und sie zeigt auf, wie Kämpfe erfolgreich geführt werden können.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch