Nr. 21/2010 vom 27.05.2010

«... und zwar subito!»

«Öis passt die Luft nöd i dere Stadt!» – Vor dreissig Jahren bescherte Zürichs Jugend der Stadt einen heissen Sommer. Er wirkt bis heute nach.

Von Franziska MeisterMail an Autor:in

«Wir sind die Kulturleichen dieser Stadt» – mit diesem Transparent hatte sich am 30. Mai 1980 eine Gruppe von kaum 200 Jugendlichen vor dem Opernhaus in Zürich versammelt. Sechzig Millionen Franken sollte der bürgerliche Kulturpalast für Renovationsarbeiten erhalten. Die Jugendlichen forderten einen Bruchteil dieses Geldes für ein eigenes alternatives Kulturzentrum. Ein Grossaufgebot an bewaffneten Polizisten hatte sich rund um die Demonstrierenden gebildet. Die Stimmung kippte. Im Verlauf der Nacht flogen Pflastersteine, und Container brannten, als immer mehr Jugendliche in die Innenstadt strömten und sich an den Unruhen beteiligten. Mit dem «Opernhauskrawall» hatte sich die Zürcher Bewegung begründet.

Tausende Jugendliche demonstrierten in den Tagen danach in den Strassen, um ihrer Forderung nach einem eigenen Kulturzentrum Nachdruck zu verleihen. Sie taten dies mit spontanen Aktionen und viel kreativem Witz. Die «Drachensaat in der Gosse» war aufgegangen, es galt, «Grönland» zu befreien – «nieder mit dem Packeis», lautete die Botschaft, «und zwar subito!». Tatsächlich konnten sie Ende Juni in ein leer stehendes Fabrikgebäude hinter dem Hauptbahnhof einziehen: Der Traum vom Autonomen Jugendzentrum (AJZ) war Wirklichkeit geworden – zumindest vorübergehend.

Städtische Behörden und bürgerliche Kreise reagierten konsterniert, empört, fassungslos auf den Sponti- und Subito-Stil der Jugendlichen, die sich selbst «Bewegte» nannten und dezidiert un-ideologisch und antiintellektuell auftraten. Die legendäre «Telebühne»-Fernsehsendung, an der zwei Jugendliche als biederes «Ehepaar Müller» die Position der Bürgerlichen ad absurdum führten, endete im Tumult. Freche Sprüche und Collagen in den Bewegungszeitungen «Eisbrecher» und «Brächise» führten wiederholt zu Beschlagnahmungen. Überhaupt schienen die Behörden nur eine Antwort zu finden: Repression und Polizeigewalt.

Was sich in Zürich Bahn brach, wurde bald auch von Jugendlichen in andern Städten in und ausserhalb der Schweiz aufgegriffen. Für einmal schaute ganz Westeuropa nach Zürich – einer Stadt, in der der Wohlstand noch ein bisschen grösser, das Leben ein bisschen wohlgeordneter, die Ordnung ein bisschen bürgerlicher war als anderswo. Bereits Anfang September schloss die Polizei das AJZ wieder, erstickte Demonstrationsversuche im Tränengas und lieferte den militanteren «Stadtindianern» aus der Bewegung nächtelange Strassenjagden.

Im November 1980 veröffentlichte die Eidgenössische Kommission für Jugendfragen «Thesen zu den Jugendunruhen», die weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung fanden. Im Fokus der Kritik standen der bürgerliche Ruf nach Ruhe und Ordnung und die Repression der Polizei. «Wenn Ruhe Erstarrung und Ordnung Unterdrückung heisst, dann kann von den Betroffenen nur zweierlei erwartet werden», hielt die Kommission fest: «Entweder Resignation, Betäubung und Selbstzerstörung oder Unruhe und Unordnung.»

Tatsächlich sollte sich, nachdem das AJZ im März 1981 wieder offen war, eine wachsende Drogen- und Hängerszene dort ausbreiten, die einen geregelten Kulturbetrieb bald verunmöglichte. Diese Entwicklung war das Resultat einer gezielten städtischen Ghettoisierungspolitik: Die Polizei ging aktiv gegen die Drogenszene an den bekannten Umschlagplätzen vor und trieb Süchtige wie Dealer quasi ins AJZ. Überhaupt suchte sie Jugendliche im AJZ und seiner Umgebung einzudämmen. Damit traf sie den Protest der Bewegten im Kern.

Slogans wie «Öis passt die Luft nöd i dere Stadt!», die auf Flugblättern und in den Bewegungszeitungen auftauchten, verwiesen nämlich nicht allein auf das bürgerlich-konservative Klima, sondern auf die in Beton erstarrten städtischen Strukturen – eben: das «Packeis» in «Grönland». Als «Bewegte» eroberten die Jugendlichen den Stadtraum als Lebens- und Erlebenswelt für sich. Sie machten leer stehende Häuser und Strassen zu ihrem zentralen Handlungs- und Kommunikationsraum. Häuser wurden besetzt und Sponti-Aktionen durchgeführt, um auf die drückende Wohnungsnot aufmerksam zu machen. Die Tramkommune 13 etwa richtete sich mit Möbeln aus dem Brockenhaus in verschiedenen Trams ein und suchte mit Kaffee und Guetzli das Gespräch mit den Fahrgästen. An Ostern 1981 entstand an der Seepromenade über Nacht die Bretterbudensiedlung Chaotikon. Und als die Polizei sie abreissen liess, errichteten die Jugendlichen kurzerhand Chaotikon II beim Platzspitz (das selbstredend umgehend wieder plattgemacht wurde).

«Wir wehren uns – wir wehren uns gegen eine Stadt der Reichen, gegen die Gentrifizierung von Stadtkreisen wie dem Kreis 4 und 5, gegen die ständige Schikanierung», steht auf einem elektronischen Flugblatt, das aus der Besetzerszene im Güterbahnhof stammt: «Wie vor dreissig Jahren.» Es ist Mai 2010. Auf dem Areal des Güterbahnhofs soll für 630 Millionen Franken ein neues Justiz- und Polizeizentrum gebaut werden – «ein in Beton gegossenes Symbol einer Politik, die von Ausgrenzung und Repression gezeichnet ist. Ein Symbol einer Politik auch, die autonome Projekte immer stärker einschränkt.» Jüngst ist das Autonome Kulturzentrum an der Kalkbreitestrasse abgerissen worden. Wie geht es weiter? Wiederholt sich die Geschichte, weil niemand etwas aus ihr gelernt hat?

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