Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

Tarantino im Kinderzimmer

In der ehemals psychologiefreien Comicserie geht es nun um antifaschistischen Widerstand, Identitätsfragen, gar Sexualität: Der Held ist erwachsen geworden.

Von Martin Büsser

«Spirou und Fantasio», 1938 vom Franzosen Rob-Vel erfunden, gehört zu den bekanntesten europäischen Comicserien neben «Asterix», «Tim und Struppi» und «Lucky Luke». Zugleich handelt es sich um eine der ganz wenigen Serien, die immer wieder von neuen Zeichnern aufgegriffen und weitergeführt wurden. Dennoch hat sich im Laufe der Jahrzehnte nicht viel geändert. Im Gegensatz zu frühen «Tim und Struppi»-Comics stets politisch korrekt, erfüllt die Serie weitgehend unkritisch die Fantasien vorpubertärer Jungs. Mit sehr viel Technik ausgestattet bekämpfen der ehemalige Hotelpage Spirou und der Journalist Fantasio das Böse, ohne dass es dabei Zwischentöne oder Ambivalenzen gäbe. Frauen kommen höchstens in Nebenrollen vor, etwa in Form von Steffani, der neunmalklugen Reporterkonkurrentin von Fantasio, und bestätigen mit ihrem Auftreten meist nur das Jungsideal von der Welt als reinem Abenteuerspielplatz für Männer.

Waisenkind im katholischen Heim

Alles in allem ist «Spirou und Fantasio» also über Jahrzehnte eine brave, psychologiefreie Comicserie gewesen, in der es keine Vorgeschichte über die Herkunft der Protagonisten gab, keine Selbstzweifel und schon gar keine sexuellen oder sonstigen Identitätsfragen, geschweige denn einen konkreten politischen Kontext.

Das änderte sich schlagartig, als der Zeichner Émile Bravo eine Folge für die Reihe «Spirou Spezial» übernahm, die 2009 im deutschsprachigen Raum unter dem Titel «Porträt eines Helden als junger Tor» erschien. Bravo machte aus dem Kindercomic eine Graphic Novel für Erwachsene, angesiedelt in Belgien 1939.

In einer Vorgeschichte erfahren die LeserInnen, wie Spirou zum Hotelpagen wurde: Als Waisenkind wuchs er in einem katholischen Heim auf, wo sich die Priester sexuell an den Jungs vergriffen. Um die Vorfälle zu vertuschen, besorgt ihm ein Priester den Job als Page, begleitet Spirou zu dessen neuer Arbeitsstelle mit den Worten: «Die Unschuld ist eine Versuchung und schon deshalb schuldig.» Das sind Sätze, die nur ein erwachsenes Publikum versteht.

Während im Hotel, in dem Spirou arbeitet, eine Delegation von Deutschen und Polen über die Zukunft von Danzig verhandelt, verliebt sich Spirou in eine polnische Jüdin, die den als «Tor» gekennzeichneten jungen Helden in seinem belgischen Nationalismus völlig durcheinanderbringt. Als sie ihm erklärt, dass sie aus Deutschland stamme, in der Ukraine aufgewachsen sei und nun in Belgien lebe, fragt Spirou verwirrt: «Aber was bist du dann?» Ihre Antwort: «Ich? Na ja ... ein Mensch ...» Auf Patriotismus wiederum hat sie nur eine Antwort parat: «Es gibt keine grosse Nation, die ein Wert an sich ist, und nationale Identität, das ist doch bloss eine Erfindung, ein Trick!»

Ein sehr queerer Fantasio

Nicht nur der Comicheld Spirou wird im Laufe von Bravos Story erwachsen, sondern auch die Comicreihe selbst. Denn erstmals werden Fragen nach sexueller Identität behandelt – und ein sehr queerer Fantasio eingeführt –, erstmals spielt die Serie in einer historisch identifizierbaren Epoche, und erstmals wird das Böse nicht besiegt und ist abgründig: Spirous Geliebte wird deportiert, er wird sie nie wieder sehen.

Bravos einzigartige Neuerfindung eines europäischen Comicklassikers bildet die Vorlage für den soeben erschienenen Fortsetzungsband «Operation Fledermaus» des Duos Yann (Text) und Olivier Schwartz (Illustration). Dessen Geschichte setzt 1942 im von der Wehrmacht besetzten Brüssel ein.

Sowohl Spirou wie auch Fantasio sind im Widerstand gegen die Nationalsozialisten aktiv, doch die wenigen Male, die sie sich begegnen, misstrauen sie einander. So arbeitet Spirou beispielsweise als Page im von den Nazis besetzten Hotel Moustic und muss deren Uniform tragen, weshalb Fantasio glaubt, er sei ein Kollaborateur. In Wirklichkeit jedoch nutzt Spirou seine Rolle vom Dienstboten bis zum Schuhputzer, um Informationen über die Vorhaben der Nazis vom Hotel aus an eine Widerstandsgruppe zu funken.

In mancher Hinsicht geht «Operation Fledermaus» weiter als der Vorgänger, andererseits wiederum ist die Geschichte hier eher wieder konventioneller Abenteuercomic, allerdings mit pointiert antifaschistischer Ausrichtung. Auch in «Operation Fledermaus» verliebt sich Spirou in eine Jüdin, die sich in einer Dachkammer vor den Deutschen versteckt und gegen Ende des Comics deportiert wird. Doch all das stürzt Spirou nicht mehr in bohrende Fragen nach Nation, Religion oder sonstige Identitätskonstrukte, er ist bereits ein entschiedener Widerstandskämpfer.

Ein schmaler Grat

Obwohl «Operation Fledermaus» die psychologischen Aspekte und die Komplexität der Charaktere gegenüber Bravos Story stark zurücknimmt, geht der Comic insofern weiter, da er vor grober Gewalt nicht zurückschreckt. Als Spirou von einem Militärwagen der Wehrmacht verfolgt wird, setzt er diesen mit Benzin in Brand, die Nazis sind als lebende Fackeln zu sehen, schreien noch im Tod «Mein Führer!» (im Comic stets in Fraktur), während Spirou nur zynisch kommentiert: «Puah! Das riecht nach angebranntem SS-Auflauf!»

Der schmale Grat zwischen Abenteuerstory und antifaschistischer Propaganda voller Wunschprojektionen erinnert nicht nur an dieser Stelle an Quentin Tarantinos Film «Inglorious Basterds» (2009). So sieht man beispielsweise, wie belgische Widerstandskämpfer gefangenen Nazikollaborateuren ein blutrotes Hakenkreuz auf die Stirn malen. Ob Yann und Schwartz während ihrer Arbeit Tarantinos Film gesehen hatten, ist nicht bekannt, aber auch nicht besonders wichtig. Interessanter ist vielmehr, dass sie wie dieser fiktionale Elemente in ein historisch getreues Abbild einbetten und zum Beispiel ein wunderbares Porträt der am Rande der Illegalität lebenden Swingjugend in Belgien liefern.

Die neuen Spirou-Folgen, scheint es, wenden sich an ein erwachsenes Publikum. Man kann es aber auch anders sehen: Erstmals werden junge LeserInnen ernst genommen und bekommen eine Comicwelt präsentiert, die sich für Fluchten nicht mehr eignet.

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