Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

Schweizer Dreckschleuder?

La Oroya ist Perus dreckigste Stadt. Eine riesige Metallschmelze hat jahrzehntelang die Umgebung vergiftet. Nun steht der Komplex still, und der Schweizer Multi Glencore könnte alles übernehmen.

Von Knut Henkel, La Oroya

Zügig lenkt der Fahrer des Sammeltaxis seinen Wagen über die kurvenreiche Strecke von der Provinzhauptstadt Huancayo nach La Oroya. Bereits dreissig Kilometer vor der peruanischen Bergbaustadt auf 3700 Meter Höhe wird die Vegetation spärlicher. Das wenige Grün auf den Berghängen weicht einem verblichenen Weiss. Der Überzug erinnert an rissigen Zuckerguss.

«Das ist typisch für die Umgebung von La Oroya», sagt Paula Meza, die mit im Taxi sitzt. «Der saure Regen durch die Emissionen aus dem Schornstein der Metallschmelze hat der Vegetation im Umkreis von bis zu fünfzig Kilometern den Garaus gemacht.» Meza ist vom Fach. Die Bergbauingenieurin ist heute Ende vierzig und hat als Studentin die skandalträchtige Metallhütte auch von innen gesehen. «Die Uni hatte Workshops in der Anlage organisiert – und schon damals waren viele der Anlagen überaltert», erzählt Meza.

Das Taxi nimmt eine letzte Kurve, und plötzlich ist der Blick frei auf einen mächtigen Schlot. Doch seit Monaten steigt kein weissgrauer Rauch mehr aus dem 167 Meter hohen Ungetüm in die Luft – und damit auch kein mit Schwermetallen gesättigtes Schwefeldioxid mehr.

Gewinne, aber kein Geld

Seit Juni 2009 wird nicht mehr produziert. Doe Run Perú, einem Tochterunternehmen des gleichnamigen US-Konzerns, ist das Geld ausgegangen, und die Muttergesellschaft will keines nachschiessen, um die hochverschuldete Tochter wieder flottzumachen. «Zwar verdiente das Unternehmen hier viel, doch die Gewinne flossen ins Ausland, statt dass sie in die Erfüllung der staatlichen Umweltauflagen investiert wurden», erklärt Meza.

Diese sehen unter anderen die Installation von drei Entschwefelungsanlagen vor. Doch statt wie vorgegeben die Auflagen bis zum Oktober 2009 zu erfüllen, stoppte Doe Run Perú im Februar 2009 die Installation und im Juni alle Arbeiten. «‹Kein Geld›, lautet das offizielle Argument», so Meza. Sie arbeitet für das Erzbistum von Huancayo und fährt regelmässig in die 130 Kilometer entfernte Bergbaustadt, die rund 35 000 EinwohnerInnen zählt. Dort kontrolliert sie Messanlagen und tauscht sich mit UmweltaktivistInnen und Betroffenen aus der Gemeinde aus.

Die kämpfen seit Jahren für ein saubereres La Oroya. Doch die Stadt, die von der riesigen Hütte, den dazugehörigen Raffinerien und den Gleisanlagen unterteilt wird, ist noch immer kaum mehr als eine Müllkippe für Schwermetalle. «Cadmium, Arsen, Blei und viele andere Schwermetalle finden sich in hoher Konzentration im Boden und auf den Dächern», erklärt Meza. Nicht nur dort. Auch im Blut der BewohnerInnen der Bergbaustadt.

Blei im Blut

La Oroya deklariert sich gern als metallurgisches Zentrum Perus und Lateinamerikas. So steht es auf einer mächtigen Metalltafel neben einer Brücke, die die Altstadt mit dem auf der anderen Seite des Flusses liegenden Hüttenkomplex verbindet. Bräunlich schimmert das Wasser des Mantaro, der einige Hundert Kilometer weiter nördlich entspringt.

Alle Abwässer der EinwohnerInnen von La Oroya gehen ungeklärt in den Fluss. «Der ist aufgrund der Einleitungen von mehreren Bergwerken, die oberhalb der Stadt nach Industriemetallen schürfen, ohnehin tot», sagt Meza und öffnet die Tür des Gemeindehauses. Ziel von Kirchenleuten und UmweltschützerInnen ist es, den Fluss wiederzubeleben. «Mantaro Revive» (Wiederauferstehender Mantaro) haben sie ihr Programm benannt.

Das Programm wurde von Pedro Barreto, dem Bischof von Huancayo, initiiert, der seit Jahren gegen die Vergiftung von Bevölkerung und Umwelt und für einen nachhaltigeren Bergbau kämpft. Finanziert wird es von ausländischen kirchlichen Hilfswerken oder über Schuldenumverteilung des peruanischen Staats. Neben regelmässigen Messungen der Wasser-, Luft- und Bodenbelastung geht es auch um Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Ein weiterer Bereich ist das Gesundheitsprogramm zur Versorgung der Schwächsten mit Vitaminen, Mineralien und Ergänzungspräparaten für die Ernährung.

«Kinder, Alte und Schwangere sind besonders gefährdet, da sie mehr Schwermetalle aufnehmen», sagt Hugo Villa, der als medizinischer Berater fungiert. Der Neurologe praktizierte während dreissig Jahren an der lokalen Klinik und hat das Gesundheitsprogramm konzipiert. Rund 1200 Kinder und einige Dutzend Erwachsene nehmen daran teil. Das Programm soll sie widerstandsfähiger gegen die tägliche Belastung machen.

Zu den TeilnehmerInnen gehören auch die Kinder von Dani Solís und Lourdes Gómez Jimenez. Die Mütter bereiten in der Küche der Kirchengemeinde regelmässig Brei für ihre Kinder und die ihrer NachbarInnen zu. «Der Bleiwert bei meinen Kindern ist seitdem etwas zurückgegangen», sagt die alleinerziehende Solís und rührt unablässig in einem Topf auf dem Gasherd. «Sie haben an Gewicht zugenommen, sind jetzt munterer.» Trotzdem ist der Anteil Blei im Blut ihrer Tochter Gabriela mit 22 Mikrogramm pro Deziliter Blut noch immer sehr hoch; die Untersuchung beim eineinhalbjährigen Leonardo steht noch aus.

Seit einem Jahr ist das nervige Kratzen in Hals und Nase vorbei, das durch die Emissionen des Werks ausgelöst wurde. Zwar sind die inzwischen gleich null. Doch das bedeutet nicht, dass der Bleigehalt im Blut der Menschen sofort zurückgeht. Denn der Schwermetallcocktail findet sich im Boden und in jeder Hausritze, sagen der Arzt Villa und die Ingenieurin Meza unisono. Die Babys in La Oroya kommen schon mit einem erhöhten Bleiwert zur Welt – der oft weit über dem von der Weltgesundheitsbehörde definierten Grenzwert von zehn Mikrogramm Blei pro Deziliter Blut liegt. Auch der ist laut internationalen ExpertInnen zu hoch, da sich Blei negativ auf die Entwicklung der Kinder auswirkt: Konzentrationsschwierigkeiten, motorische Defizite, Krebs und Depressionen sind mögliche Folgen.

Auch in La Oroya ist das bekannt, spätestens seit 2005. Damals wurden die ersten unabhängigen Gesundheitsstudien der Universität St. Louis aus dem US-Bundesstaat Missouri gemacht. «Doch die 3500 Arbeitsplätze wiegen schwerer als die Gesundheit der 35 000 Bewohner», sagt Erzischof Barreto.

Angebot aus der Schweiz

Die Regierung ist der Betreiberin der riesigen Anlage immer wieder entgegengekommen. Mehrfach – zuletzt im September 2009 – wurden die Fristen für die Umsetzung der Umweltauflagen verlängert, sodass der Betrieb weitere dreissig Monate im gleichen Stil hätte weitermachen können. Doch trotz des Kniefalls des peruanischen Parlaments vor dem Unternehmen, das damals die 3500 MetallarbeiterInnen auf die Strasse schickte, um Druck zu machen, steht die Industrieanlage heute still.

Es gibt keine ausreichenden Mittel für die Neuaufnahme des Betriebs, lautet denn auch die Botschaft aus der mondänen Firmenzentrale von Doe Run Perú im Zentrum der Hauptstadt Lima. Das Unternehmen steht bei den LieferantInnen mit rund 150 Millionen US-Dollar in der Kreide. Es benötigt rund 120 Millionen US-Dollar, um das Werk wieder anzufahren, und hat obendrein Steuerschulden von mindestens 270 Millionen US-Dollar bei den peruanischen Behörden.

Laut einem Firmensprecher von Doe Run Perú stehe Geld zur Verfügung, jedoch nicht für die Erfüllung der finanziellen Altlasten oder der Umweltauflagen, sondern ausschliesslich für die Wiederinbetriebnahme des Werks: Geld, das durch die Kooperation mit dem Schweizer Rohstoffkonzern Glencore in die leeren Kassen von Doe Run Perú fliessen würde. Glencore hat bisher allerdings nur eine Absichtserklärung für die Übernahme unterschrieben, die erst in Kraft tritt, wenn die strittigen Fragen zwischen Doe Run Perú und der Regierung geklärt sind.

Erfolglose Proteste

Glencore, das umsatzstärkste Unternehmen der Schweiz, ist bereits in Peru präsent (vgl. «Gewerkschaftsfeinde» weiter unten). Der Konzern betreibt mehrere Minen, die, so die Hoffnung der Manager von Doe Run Perú, auch die Hütte in La Oroya mit Mineralien beliefern könnten.

«Bei dem Geschäft könnten jedoch die fünf ehemaligen Lieferanten von Doe Run Perú auf ihren Schulden sitzen bleiben», sagt Janet Barzola, Präsidentin der nationalen Gewerkschaft der Minenfrauen. Je nachdem, wie lange sich eine mögliche Übernahme verzögert, verlieren dabei auch die ArbeiterInnen von Doe Run Perú.

Barzola engagiert sich für einen branchenübergreifenden Gewerkschaftsverband und will die Rechte der ArbeiterInnen im Bergbau und der metallurgischen Industrie verbessern. Doch obwohl die Betriebsgewerkschaft von Doe Run Perú recht gut organisiert sei, hätten die Proteste in La Oroya zu nichts geführt. Die drängenden Probleme dort sind andere. Seit einem Jahr sind die ArbeiterInnen ohne Beschäftigung, Ende April haben sie das letzte Mal Geld in der Höhe von siebzig Prozent des Lohnes erhalten.

Inzwischen macht sich bei den ArbeiterInnen Verzweiflung breit, denn Gerüchte kursieren, laut deren sich Doe Run Perú endgültig der Hütte und somit auch der Verantwortung für die Umweltschäden entledigen will. «Hingehalten haben sie uns», klagt der Werksarbeiter Johnny Huber, der zwanzig Jahre in der Anlage schuftete – und vierzig Mikrogramm Blei im Blut hat. Seit Juni letzten Jahres wurden die ArbeiterInnen mit immer neuen Terminen für eine Wiedereröffnung des Werks vertröstet – und dabei instrumentalisiert. Ihre Demonstrationen und Strassenblockaden sollten Druck auf die Regierung ausüben.

Aber auch Doe Run Perú steht unter Druck. Bis Ende Juli muss der Konzern den Betrieb in La Oroya wieder aufgenommen haben, sonst verliert er seine Lizenz. «Doe Run Perú hat längst Insolvenz eingereicht», sagt die Gewerkschaftsfrau Barzola. Doch die Gesetzeslage für eine Veräusserung des Werks ist rechtliches Niemandsland, auch weil die Regierung eine Mitverantwortung an der Situation in La Oroya trägt.

Und so taktiert Doe Run Perú weiter. «Gerade hat das Unternehmen von der Regierung verlangt, dass seine Steuerschulden von 270 Millionen US-Dollar gestrichen werden», sagt die Bergbauingenieurin Meza und schliesst die Tür zum Gemeindehaus.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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